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08.08.09

Bastian Sorge

Magnus macht Mahmud Mut und die Grenzen des Internets

Eigentlich mag die EU Mahmud Ahmadinedschad nicht. Nicht nur, weil er mehrmals laut und recht detailliert über die Vorteile einer Auslöschung Israels nachgedacht hat, sondern auch, weil Mahmud wohl nur deshalb als iranischer Präsident wiedergewählt wurde, weil er sich mit den wirklichen Machthabern im Iran(1) so gut versteht. Und die Machthaber verstehen sich ganz ausgezeichnet mit der lokalen Polizei. Nein, was ein Zufall.

Derlei Zweifel über Mahmuds demokratische Gesinnung sind also durchaus angebracht und nachvollziehbar. Betrachtet man nun noch die Tatsache, dass er wohl auch noch heimlich nachts unter seinem Bett an einer Atombombe bastelt(2), kommt man unweigerlich zu dem Schluss: Mahmud, du bist ein ganz und gar ungerechter Mensch. Ein Bösling. Ein garstiger Geselle. Mit Bart.

Ahmadinedschad hat also international einen ziemlich beschissenen Ruf. Wirklich mögen tut ihn niemand. Auch und besonders die EU nicht: Wütender Protest regte sich in Brüssel und den europäischen Hauptstädten, als die Contra-Ahmadinedschad-Bewegung, oder das, was eine solche hätte werden können, in Teheran niedergeknüppelt wurde.(3)

Am Mittwoch wurde Mahmud mal wieder als iranischer Präsident vereidigt. Eine Veranstaltung, an der normalerweise die hochrangigsten im Lande vertretenen Repräsentanten derjenigen Staaten teilnehmen, mit denen man diplomatische Beziehungen unterhält. Im Iran, so möchte man denken, würden die Botschafter der EU natürlich nicht kommen, um ein Signal zu setzen. Solidarität. Politischer Druck. Und so.

Nun stellt sich die Frage, was dann der schwedische Botschafter Magnus Wernstedt bei Mahmuds pompöser Zeremonie zu suchen hatte. Schweden hat momentan die Ratspräsidentschaft der EU inne – Magnus' Anwesenheit kann Mahmud also, wenn er will – und er will! – gehörig missverstehen. Nämlich als positives Zeichen aus der EU: »Mach mal so weiter. Wir finden's doof, aber mach mal.« Denn einige andere EU-Staaten schickten ebenfalls ihre Botschafter.

Warum dies?

Frustrierenderweise ist genau dies Realpolitik. In den letzten Wochen wurde über den »Widerstand« im Iran viel geschrieben, gelabert und gesendet. Doch wird es im Iran keine Wende geben: Ahmadinedschad sitzt zu fest im Sattel, als dass die EU einen Bruch mit ihm riskieren könnte oder wollte. Genau dies haben die EU-Staaten nun, ob gewollt oder nicht, anerkannt. Sie werden von ihrem Konfliktkurs der letzten Wochen und Monate abrücken. Und im Iran wird alles so bleiben wie gehabt.

An diesem kleinen Beispiel lassen sich sehr anschaulich die Grenzen des Internets aufzeigen, von denen einige behaupten, dass es sie gar nicht gibt. Solidarisierungsaktionen von Twitter bis sonstwo haben der Demokratiebewegung im Iran augenscheinlich wenig bis gar nichts gebracht. Inzwischen interessiert das aber auch niemanden mehr – das Thema ist längst tot und in der Netzgemeinde der Schweinegrippe, Ullas Dienstwagen, der Bundesliga oder Lady Gagas Penis gewichen. Das Internet ist eben schnelllebig – ob nun für einen guten Zweck oder nicht.

Oder erinnert sich noch jemand an die Aktion »Blogger für ein freies Burma« von 2007? Die Situation dort ist immer noch so schlecht wie vorher; Suu Kyi ist immer noch beziehungsweise schon wieder in Haft. Besserung nicht in Sicht. Aber im Internet findet das Thema keine überdurchschnittliche Beachtung mehr. Web 2.0 – Fanatiker und Netjunkies sind stets schnell, wenn es darum geht, die traditionellen Medien und ihren Umgang mit eben solchen Ereignissen zu kritisieren. Doch ist die Netzgemeinde zwar sehr selbstbewusst, wenn es um Aktionen wie diese geht – etwas ausrichten konnte sie aber bisher nicht. Und es steht zu vermuten, dass das auch gar nicht ernsthaft beabsichtigt ist.

Unwort des Tages: Blogger für den Iran.

[1] einer Horde interessant gekleideter Geistlicher

[2] Zumindest sind die Amerikaner ganz ganz fest davon überzeugt. Oder habe ich jetzt ein Déja-vu?

[3] Wogegen übrigens auch noch so viele lustige grüne Twitter-Bildchen nichts haben ausrichten können. Erstaunlich.



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