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09.08.08

Bastian Sorge

Popsong oder Orgasmus – manchmal gar nicht so leicht zu unterscheiden

Kommt es Ihnen, wenn Sie Radio hören, auch manchmal so vor, als würden Sie ein wildfremdes Pärchen beim Geschlechtsakt belauschen?

Ich gestehe, ich fühle mich gestört von solcherlei verbalen Ejakulationen in Form von Interjektionen (letzteres hat nichts mit Drogen zu tun, sondern ist der grammatikalische Begriff für Ausrufe wie »Ha!« und »Holla!« etc.).

Im Zuge der totalen Amerikanisierung unserer Musiklandschaft hielt auch die amerikanische Art zu singen Einzug. Und das macht sich eben nicht nur in der Sprache bemerkbar, sondern auch in der Art und Weise, wie Lücken gefüllt werden. Das können Lücken verschiedenster Art sein: Lücken im Text, Lücken in der Logik, Lücken in der Performance, Lücken in den Zahnreihen ...

In den Studios der großen Plattenfirmen denkt man anscheinend, dass sogar der schwachsinnigste Text besser klingt, wenn man ihn mit ein paar wahlweise orgastischen (»Sexy!«) oder organisiert wahllosen Lauten schmückt.

Wir machen den Feldversuch. Ich habe für etwa 30 Sekungen gebrainstormt (1) und einen Liedtext geschrieben, der eine für das Mainstream-Chart-Pop-Genre typische Message transportiert (nämlich keine):

I'm so in love with you
I'll make your dreams come true
You know what I will do
There's so much we've been through

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Keine Aussage, keine Stilmittel, kein Sinn, keine Kunst, nichts.

Wenn Sie diesen Zustand von einem Text aber nun genretypisch pimpen, dann ergibt sich folgendes, überwältigendes Ergebnis:

I'm so in love with you, Uhuuu-aa-ahaa...
I'll make your dreams come true, Uhaaa-uu-uhuu...
You know what I will do, Jääähijähijää...
There's so much we've been through, ähää-ähää-ähää

Nun gut, das sieht vielleicht derartig ausgeschrieben ein wenig affig aus, aber wenn Sie das einfach mal austesten, werden Sie feststellen, dass es tatsächlich besser klingt. Vielleicht, weil man nun nicht mehr so viel vom Text versteht.

Sowieso steigern sich ja alle Pop-Songs, ob nun Balladen oder nicht (Popstars-on-stage- und DSDS-Definition von Ballade: Alles, was langsam ist ... music for runaways) am Ende in eine Art Sirenengesang (natürlich gewollt – Rückgriff auf Homers Odyssee). Und so hören wir im großen Finale von vielen Songs, die uns im Radio und im Fernsehen aufgetischt werden, wahrlich erschreckende menschliche Stimmen, die teils kreischend, teils überschnappend und selten kontrolliert unsinnige Vokalwürste in unsere Ohren brüllen: »Uohuohuohuo!« ist dabei ebenso vertreten wie »Ijääähijää-ää!« oder »Ahaaa!«. Häufige Gäste auch die ausdrucksstarken Wörter »Uaaa!« (auch: »Uoooo...«) und »Ohooooh...« sowie das Pärchen »nooooo...« und »yeaaaaah...« (beliebig und ohne Rücksicht auf den Liedtext einsetzbar).

Es kommt mir gelegentlich so vor, als ob kein amerikanischer oder pseudo-amerikanischer Song mehr ohne ein effektheischendes Ende auskommt. Am besten singt man am Ende den ganzen Refrain sowieso noch mal eine Oktave höher. Oder auch zwei. Egal, ob man's nun kann oder nicht.

Es ist mir schleierhaft, welchem Zweck dieser Kreischwettbewerb dienen soll. Also bei einem Lied über irische Klageweiber oder bei einer Vertonung von Naturereignissen wie Wirbelstürmen oder so, da kann ich das ja noch verstehen. Oder eben bei einer Audioaufnahme von Homers Odyssee (Sie wissen schon, die Szene mit den Sirenen und an-den-Mast-binden und so).

Aber bei einem ganz normalen Lied, das verzweifelt versucht, sich in unserem Hirn festzusetzen, um dort zu einem Ohrwurm zu werden (was bei dem kompletten Verzicht auf kreative Melodien sehr schwierig ist) und uns dazu zu bringen, möglichst oft die Tournee des Künstlers zu besuchen? Ich wage zu behaupten, dass orgastische Kreischeinlagen wie diese eher kontraproduktiv sind.

Da kriegt man nun wirklich Angst um seine Ohren. Und um unsere Zivilisation. Was sollen denn die Marsmenschen von uns denken, wenn sie hier demnächst landen? »Die Kommunikation der homines sapientes sapientes findet hauptsächlich oberhalb eines Lärmpegels von 120 dB statt.«, wird dann eines Tages in der Enzyklopädia Marsiana stehen.

Wollen wir das???

Unwort des Tages: »Uoo-huo-huooo...!«

[1] ersatzweise: ich habe Brain gestormt; ich habe Storm gebraint; ich habe gestormbraint; ich, Brain, habe Storm ge; ich, Storm, habe Brain ge; oder auch (unkreativ): ich habe kurz nachgedacht



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