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09.10.08

Bastian Sorge

O Gallienus, where are thou? Der Bibliothekstragödie zweiter Teil

Lesen Sie auch der Tragödie ersten Teil: »O book, where are thou? – Eine Bibliotheks-Odyssee«

Der Mensch ist ja ein Raubtier (biologischerdings zwar eher ein Allesfresser, so wie der hier). Er ist aber gelegentlich auch ein wenig beschränkt und zweckentfremdet sich selbst. Er jagt zum Beispiel nicht mehr wüste Wildschweine oder schmackhafte Schuppentiere, sondern garstig Geschriebenes.

Was hat denn der geraucht, fragen Sie nun und haben Recht mit Ihrer Skepsis. Es ist so: Ich bin dieser Tage quasi gezwungen, den geistigen Ergüssen mir gänzlich unbekannter Personen hinterherzujagen, und das auch noch in einer beängstigenden Umgebung. Ich suche also Bücher in unserer Universitätsbibliothek. Genauer: In der Seminarbibliothek der Klassischen Altertumskunde.

Ich bin dazu nun nicht von Frau Salesch oder so verurteilt worden (das wäre ja noch einigermaßen verständlich), nein, ich habe es mir fast schon ausgesucht, will sagen, ich tue es freiwillig. Das muss man sich mal vorstellen! Aber was tut man nicht alles für einen Bachelor in Geschichte.

Ich orientierungsloser Drittsemester sitze nun also seit einer Woche jeden Tag vor den ächzenden Rechnern im Bibliotheksvorraum und filtere die kryptischen Suchergebnisse nach Brauchbarem. Es geht nämlich um Gallienus, liebe Leser. Gallienus, ein römischer Kaiser, von dessen Existenz Sie bisher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nichts gewusst haben. Und genau das ist auch das Problem, das der gute Gallienus hat – im Grunde interessiert sich eigentlich kein Schwein für ihn. Das mag daran liegen, dass er in einer Zeit lebte, in der das Römische Reich alle paar Monate den Kaiser gewechselt hat (eine Tradition, die im heutigen Italien fortlebt).

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich Menschen, die sich aus irgendeinem Grunde dazu berufen fühlen, Bücher über Gallienus zu schreiben. Normalerweise möchte man solche Menschen entweder ignorieren oder wegsperren, in diesem Falle jedoch muss ich doch tatsächlich nach ihren geistigen Ergüssen Ausschau halten. In der hinreißenden Ordnung unseres universitären Buchsuchprogramms finde ich auch tatsächlich einige Bücher, die sich mit Gallienus beschäftigen oder zumindest so tun, als ob. Das Ernstbleiben fällt mir allerdings schwer (noch dazu in einer streng überwachten Bibliothek, wo man ja bekanntermaßen standrechtlich erschossen wird, wenn man auch nur laut furzt), und das auch noch aus verschiedenen Gründen: Da scheint es doch tatsächlich einen Forscher namens Schlumberger zu geben, den man sich natürlich zweifelsohne als kleinen blauen Mann mit weißer Mütze vorzustellen hat; außerdem scheint die Gallienus-Forschung Menschen mit nur einem Namen vorbehalten zu sein: Alföldi. Da gibt es dann einen A. Alföldi, der ein bahnbrechendes Werk über die »Weltkrise« des dritten Jahrhunderts verfasste, da gibt es eine M. R. Alföldi, die sich vornehmlich der antiken Münzkunde verschrieben hatte. Verschrieben hat sich auch der nächste Alföldi, aber bei seinem Namen: Alföldy nennt sich der Autor des bombastischen Werkes »Die Krise des Römischen Reiches: Geschichte, Geschichtsschreibung ...« und so weiter. Und diese drei sind augenscheinlich nicht mal miteinander verwandt! Die einzige Verbindung scheint tatsächlich die Faszination für Gallienus und Kumpanen zu sein (und die Tatsache, dass sie alle drei aus Ungarn kommen. Was bedeutet, dass sie doch verwandt sind, aber lassen wir das).

Nun hatte ich tatsächlich mal ein Buch gefunden, das zu lesen ich erträumte (»The Numbering of the victories of the emperor Gallineus and of the loyality of his legions«, der Schreibfehler scheint zum Buch dazuzugehören), natürlich von S.M. A. Alföldi persönlich. Es scheint jedoch tatsächlich so etwas wie eine höhere Gerichtsbarkeit zu geben, denn: Wie eben von mir gewünscht, hat man den Alföldi tatsächlich weggesperrt. In die Geschlossene. Leider aber nur sein Buch, nämlich in das sogenannte Geschlossene Magazin.

Begleiten wir B. Sorge, stud. phil., auf seinem Weg in den Fettnapf.

B. Sorge fragt sich, nachdem er in der großen Zentralbibliothek eine geschlagene Viertelstunde vor dem Übersichtsplan campiert hat: Wo ist das geschlossene Magazin? Man bedenke: B. Sorge fragt sich. Er denkt nicht. Er fragt nur.

Und so fragt er, der er einst sein Abitur gemacht hat, die freundliche Frau mit dem modischen Kurzhaarschnitt an der Auskunft (die in der Zentralbibliothek polternd »WEGWEISUNG« genannt wird): »Entschuldigung, ich suche das geschlossene Magazin ...«, und erntet einen Blick, als ob er soeben aus jenem entflohen wäre.

Da klickt es bei B. Sorge, stud. phil., Abiturschnitt 2,5, und er vollendet hastig seinen Satz: »... oder heißt es geschlossenes Magazin, weil man da nicht reindarf?«

Das zustimmende Nicken des Kurzhaarschnitts in Kombination mit einem mitleidigen Blick macht B. Sorge bewusst, dass er in einem erstaunlichen Fettnapf watet. In dem Bewusstsein, letzteren kaum noch vergrößern zu können, lässt er sich noch schnell erklären, wie man sich ein Buch aus der GESCHLOSSENEN ausleiht und verlässt fluchtartig den Raum.

Dieser Tage wälze ich also verdammt viele verdammt alte Bücher auf der Suche nach Informationen über Gallienus (derer gibt es übrigens nicht viele) und die Dinge, die Gallienus im Römischen Reich getan oder auch nicht getan hat. Dazu gibt es, wie auch sonst, unzählige Meinungen. Selbst der dreiköpfige Hund Alföldi/y scheint sich uneins zu sein und vertritt drei verschiedene Meinungen. Ich bin der Überzeugung: Hätte Gallienus ein Buch über sich geschrieben (wenn er denn schreiben konnte), er hätte noch eine andere Meinung vertreten.

Manchmal wünscht man sich, eine praktische zusammenklappbare Zeitmaschine zu haben. Die stellt man dann an seinem Arbeitsplatz in der Bibliothek auf den Tisch, beamt sich mal eben zu Gallienus, dem ollen Stecher, fragt ihn, warum er denn nun diese Heeresreform durchführt, wundert sich über seinen Gesichtsausdruck und seine Antwort (»Was denn für eine Heeresreform?«), beamt sich wieder zurück, bevor Gallienus gewalttätig wird, ignoriert die entsetzten Blicke des Bibliothekspersonals und schreibt eine Hausarbeit mit dem Titel »Alföldi/ys Irrtum: Gallienus, der Reformunwillige«. Danach bekommt man sowohl Pulitzer- als auch Nobelpreis, heiratet eine schöne, wenn auch blöde Frau, zeugt schöne, wenn auch blöde Kinder und setzt sich in einem Haus in Südfrankreich zur Ruhe (von Frau und Kindern).

Das Leben könnte so einfach sein.

Isses aber nicht.

...

Gallienus, wo bist du?

Gallienus!!!

Aaaaahhhh...

Unwort des Tages: Alföldi.

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Bastian Sorge

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