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11.06.08

Bastian Sorge

Tamara und das Fegefeuer oder
Der ÖPNV in Schleswig-Holstein

Sie denken bestimmt, dass Schleswig-Holstein ein kleines Land ist. Das ist zwar auch korrekt, wenn man es mit Mali oder der Ukraine vergleicht. Das Reisen, liebe Leser, ist allerdings in Schleswig-Holstein genau so interessant, herausfordernd und zeitraubend wie in den beiden eben genannten Ländern. Es ist jedoch deutlich teurer als dort.

In Schleswig-Holstein gibt es zwar Bahnstrecken, die sogar schon teilweise elektrifiziert sind. Diese verlaufen jedoch in der Regel nur von Nord nach Süd (oder auch andersherum, denn ob man damals mit dem Bau im Norden oder im Süden angefangen hat, weiß ich gerade nicht). Wenn Sie also beispielsweise von Heide (Westküste) nach Lübeck (Ostküste) fahren wollen, müssen Sie in den Zug nach Hamburg-Altona steigen, dort mittels S-Bahn zu einem anderen Bahnhof fahren, um von dort aus dann mit dem Zug nach Lübeck zu gelangen. Das dauert ziemlich genau drei Stunden. Mit dem Auto braucht man zwei Stunden. Wie teuer eine Bahnfahrt von Heide nach Lübeck ist, verrät mir die Homepage der Bahn lieber gar nicht erst. Schätzwert: 25 Euro.

Nun habe ich ja kein Auto, bin also bei meinen gelegentlichen Trips in den östlichen Teil Schleswig-Holsteins auf die Bahn angewiesen. So kam es, dass ich neulich nach Lübeck wollte, da ein freundliches, weil weibliches Wesen die Traute hatte, mich zu ihrer Feier einzuladen.

Am Bahnsteig wurde ich diesmal nicht von freundlichen Mitfahrersuchern überfallen. Das passiert seit einigen Wochen sowieso nicht mehr – man muss fast Angst haben, dass die Bahn die alle hat wegsperren lassen?! Schäuble lässt grüßen. Aber der fährt ja nicht mit der Bahn, sondern rollert selbst ...

Aufgehalten wurde ich trotzdem: Von zwei Mitbürgern mit türkischem Migrationshintergrund (ja, politisch korrekt sein bedeutet halt mehr Schreibarbeit!), die sich partout nicht mit dem Fahrkartenautomaten verstanden. Ich als guter Deutscher wollte natürlich helfen. Problem war nur: Der Automat hatte tatsächlich gerade mal überhaupt keine Lust, Tickets nach Bad Schrammelsheim oder so zu verkaufen. Überall sonst durften sie hin, aber nicht dahin, wo sie hinwollten. Da mussten sie notgedrungen ohne Ticket in den Zug steigen.

Man möge sich die folgende Szene vorstellen: Sie werden dem freundlichen Kontrolleur sagen, dass der Automat ein ungehobelter Flegel war und ihnen keine Tickets verkaufen wollte.

Und jetzt stellen Sie sich mal die Frage: Wären Sie der Kontrolleur/die Kontrolleuse, würden Sie den beiden glauben?

Sie sehen, auch im Zug geht es um den Glauben.

Zu diesem Thema wollte ich allerdings gar nicht hin ...

Ich bin jedenfalls mit der Bahn auch tatsächlich (mit Ticket) am niegelnagelneu renovierten Lübecker Hauptbahnhof angekommen (im Abteil wurde ich leicht irritiert durch ein dickes rothaariges Kind, das geschätzte zehn Mal im Großraumwagen hin- und herlief).

Ich stieg in Lübeck in den Bus. Liebe Leser, die bald nach Lübeck fahren: Achten Sie im Bus bloß auf die warme, samtene Stimme, nennen wir sie Tamara, die leicht und locker die Bushaltestellen verkündet. Am hingebungsvollsten haucht Tamara »Verwaltungszentrum Mühlentor«. Wenn man das hört, ist man versucht, an ein gerade neu errichtetes Gebäude zu denken, geplant von einem Schweizer Starachitekten, das wegen einhundertachtzig Millionen Tonnen verbauten Glases von Licht nur so durchflutet ist ... im Innern gibt es ein Schwimmbad für die Angestellten, in dem man die Möglichkeit hat, sich unter echten Palmen mit Tamara im Sand zu wühlen und-

Natürlich sieht die Realität anders aus. Das Verwaltungszentrum Mühlentor ist ein graubrauner Zweck-Plattenbau mit grünen Fenstern, der schon stinkt, wenn man nur daran vorbeifährt. Der Gast merkt: Hier in Lübeck liegen Schein und Sein dicht beieinander.

Sowieso sollte Lübeck den Preis für die beklopptesten Namen bekommen. Der Stadtteil »Buntekuh« geht ja noch, und auch die »Fackenburger Allee« findet man nur dann anstößig, wenn man wirklich will. Bei der »Kücknitzer Scheide» muss man schon sehr ignorant sein, um nichts Verwerfliches daran zu finden und spätestens bei der »Dummersdorfer Scheide» sollte einem klar sein, dass Lübeck eine augenscheinlich genitallastige Stadt ist.

Bei »Stockelsdorf« denkt man an Herden von Huren mit hohen Absätzen, beim pittoresken »Kaninchenbergweg« eher an flauschige Löffler unten am Fluss. Die Bushaltestelle »Fegefeuer« jedoch ist für jeden gläubigen Christ ein wahres Martyrium. Stellen Sie sich mal vor, wie Tamara fröhlich aus den Boxen flötet: »Nächste Haltestelle: Fegefeuer!« Da springt doch normalerweise ein jeder auf, um sofort und möglichst eindringlich zu Gott oder sonst wem zu beten, auf dass der Bus am Fegefeuer vorbeifahre!

Um diese und vergleichbare Szenen zu erleben und auch wegen der einfallsreichen Namen ist Lübeck also eine Reise wert, liebe Leser. Nur nutzen Sie vielleicht einfach ein anderes Verkehrsmittel als die Bahn. Notfalls gehen Sie halt zu Fuß.

Unwort des Tages: Fackenburg.



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