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12.03.09

Bastian Sorge

Bei Anruf Mord – Der Bibliothekstragödie dritter Teil

Waren Sie schon einmal in einer Bibliothek? Kennen Sie diese Stille, die von nichts durchbrochen wird als dem gelegentlichen friedfertigen Geräusch, das ein sanft Umblätternder erzeugt? Kennen Sie das Gefühl, umgeben zu sein von hunderten von Gedankenfäden, die begierig Lesende aus dem Geschriebenen der weisesten ihrer Vorväter hinaussaugen? Das Rauschen von Gedankenströmen, Flüssen gleich, die sich aus einem unerschöpflichen Meer den Weg bahnen in die unergründlichen, aufnahmebereiten Hirne wissbegieriger Studenten ... das Knistern der Spannung in Ihren Ohren, das das zunächst langsame, doch dann zunehmend orgastisch anschwellende Gefühl einer sich ankündigenden Erleuchtung begleitet ...

Ring­digga­daginggindabum­rabbada­babbada­babbada­bum­raggada­gäng­däng...

Das Handy, das die letzten vier Stunden kommentar- und lautlos in meiner linken Hosentasche damit beschäftigt war, meine primären Geschlechtsorgane mit Strahlen zu verseuchen, meldet sich mit gefühlten 148 Dezibel zu Wort. Meine Gedanken kehren schlagartig aus den Wirren des Jahres 260 n. Chr. zurück. Ich springe panikartig auf, reiße das heulende Handy aus meiner Tasche und klappe es auf.

[Nr. unterdrückt]

Ich kann die Blicke nur erahnen, die gerade auf mir lasten und mir die schlimmsten Krankheiten, den grausamsten Tod und Merkel als Schwiegermutter wünschen. Ich haste zwischen den Massen toten Papiers vorbei in Richtung Bibliotheksvorraum, schnauze dabei genervt wie nie in den Hörer (aber gleichzeitig leise – das soll mir mal einer nachmachen!): »Ja!?«

»Herr Sorge«, meldet sich eine freundliche weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung, »Sie haben ja vor gar nicht allzu langer Zeit mit meiner Kollegin Frau Schnickenhagen gesprochen. Erinnern Sie sich daran?«

Inzwischen habe ich den Bibliotheksvorraum erreicht, der glücklicherweise nicht ganz so bevölkert ist. Trotzdem stehe ich da mit meinem Handy am Ohr und werde begafft wie ein bunter Hund. Das liegt möglicherweise an einem übergroßen Schild, das ein stilisiertes Mobiltelefon zeigt, das unübersehbar martialisch mit roter Farbe durchgestrichen wurde. Ich versuche, mich davor so zu postieren, dass das Schild einerseits nicht mehr zu sehen ist, ich andererseits aber so davorstehe, dass ich nötigenfalls immer noch behaupten kann, es nicht gesehen zu haben. Es misslingt.

»Nein, ich kann mich daran nicht wirklich erinnern. Worum geht es denn.« Der letzte Satz war ein Fehler. Das fällt mir allerdings erst auf, als es schon zu spät ist.

Frollein röchelt sich kurz Luft in die Raucherlunge und spricht: »Ja, Herr Sorge, ich erzähle es Ihnen dann noch einmal kurz, ja? Es gibt da ein paar Firmen, wie zum Beispiel BMW und Neckermann und [Liste um andere Firmennamen erweitern], die eine Sonderverlosung blah viele Gewinne, Herr Sorge blah aber das sind natürlich nicht irgendwelche Gewinne, also keine Eierkocher oder so, nein Herr Sorge, das können Gewinne sein wie Autos oder Reisen oder halt auch einfach Geldgewinne, Herr Sorge blah Gewinngarantie blah ! Wenn Sie nicht gewinnen, bekommen Sie natürlich von uns Ihr Geld zurück, Herr Sorge, das ist ja ganz klar blah und das für nur 19,80 Euro im Monat und ...«

Da schreite ich dann doch ein. Ich kümmere mich inzwischen nicht mehr um mein Dasein als bunter Hund. Ich versuche trotzdem, leise, aber eindringlich und autoritär zu sprechen und zugleich nicht wie ein entlaufener Psychopath zu klingen. Es misslingt.

»Was mich eigentlich interessiert, ist, woher Sie meine Nummer haben.«

»Aber Herr Sorge, Sie haben doch schon einmal bei uns mitgespielt!«

»Habe ich!?«

»Ja, Ja!«

Das ist gelogen. Ich habe bei Frollein noch nie mitgespielt. Ich bin mir nämlich trotz meines bescheidenen Erinnerungsvermögens sicher, noch niemals 19,80 Euro im Monat für eine äußerst eigentümliche Mischung aus Werbung und Gewinnspiel aus dem Fenster geschmissen zu haben. Das mag daran liegen, dass sich in meinem Kot äußerst selten Geldstücke verstecken. Und falls doch, bin ich mir zu fein, sie herauszufischen. Das sollte ich Frollein mal erzählen; mache ich aber nicht, denn im Falle einer Überrumpelung siegt bei mir noch immer die Freundlichkeit. Ich spreche also folgende freundliche Worte, jedoch mit Mordgedanken:

»Danke für die Info, aber ich habe daran momentan kein Interesse.«

»Aber das verstehe ich jetzt nicht, Herr Sorge«, es klingt einstudiert, »denn das ist doch für Sie, Herr Sorge, eine Geschichte völlig ohne Risiko, nä?«

Morden über das Telefon ist derzeit noch nicht ohne weiteres möglich, und so kann Frollein also auch heute Abend wieder zu Justin ins Bett steigen. Wobei Justin das Kind ihres davongelaufenen Mannes ist, nicht der Mann selbst.

»Wissen Sie, ich habe für sowas gerade überhaupt keine Zeit, ich bin nämlich gerade in der Universitätbibliothek.«

»Ach so, ähihihihihi.«

»Ja, danke, tschüs.«

Ich klappe entrüstet mein Handy zusammen, nicke der Zuschauerschar freundlich zu und kehre verstört zur Fachliteratur über den armen und zugleich unendlich glücklichen Kaiser Gallienus zurück. Arm deswegen, weil er von seinen eigenen Generälen hinterrücks ermordet wurde. Und unendlich glücklich, weil er mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit kein Mobiltelefon besessen haben dürfte.

Wenn ich denjenigen erwische, der meine Handynummer an diese Firma verkauft hat, drehe ich ihm persönlich den Hals um. Und danach lese ich ihm mein Geschriebenes über Gallienus vor. Er wird ja so leiden, das können Sie sich gar nicht vorstellen.

Unwort des Tages: Sie, Herr Sorge.




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