.


Zur Druckversion

18.05.08

Bastian Sorge

Vielen Dank, dass Sie versucht haben, mit der Deutschen Bahn zu reisen

Es ist ja schon ziemlich schwierig, sich nicht mit der Deutschen Bahn an sich und insbesondere mit den gelegentlich lustvoll und ausdauernd streikenden Zugführerinnen und Zugführern zu beschäftigen. Zumindest in Form von Tagesschau oder Tageszeitung. Das liegt auch daran, dass der ehemalige Obergewerkschaftler Hansen kurz nach dem Ende des ausführlichen Tarifkonflikts kommentarlos zum Feind überwechselte, um dort Personalchef zu werden. Die Konsequenz verlangt nun eigentlich, dass er – obwohl er es nicht kann, ich weiß es wohl, aber das sollte ihm völlig Wurst sein! – die Gehälter um fünfhundertachtundsiebzig Prozent erhöht und die Arbeitszeit um ebenso viele Stunden verringert. Denn das sind ja die Forderungen der Gewerkschaft. Zumindest einige.

Aber was tut der Mann? Er verkündet geschwind einen Personalabbau. Und ausgerechnet Mehdorn widerspricht ihm. Das ist doch absurdes Theater! Die Welt steht Kopf! Wenn ich Ihnen letztes Jahr verkündet hätte, dass Hansen Bahn-Personal feuern will und Mehdorn widerspricht, hätten Sie mich einweisen lassen. Und zu Recht! Beängstigend ...

Richtig unangenehm wird es aber erst, wenn man dann tatsächlich mal mit der Bahn reisen muss.

Und es hat mich heute getroffen. Ich musste nach Eutin zu einem Termin. Reimt sich, ist aber trotzdem wahr. Da ich kein Auto besitze (was nicht an Al »Rettet die Welt« Gore liegt, sondern an meiner erschreckenden Geldknappheit), bin ich auf öffentliche Verkehrmittel angewiesen. Nun ist die Strecke Kiel-Eutin mit dem Bus zwar zu bewältigen, dies dauert in der Regel jedoch etwa zwei Stunden. Und da ich kein Busfahrfetischist bin, sondern einfach nur von A nach B möchte, muss ich wohl oder übel die Bahn nehmen.

Da fährt laut Plan jede Stunde ein Zug von Kiel nach Lübeck, der unter anderem in Eutin halten soll. Das passiert in der Regel auch erschreckend pünktlich, zumindest sind mir auf dieser Strecke selten größere Verspätungen untergekommen. Und heute, an einem Tag, wo niemand streikt, wird es ja wohl auch so sein, hoffte ich.

Pustekuchen.

Erstes Hindernis beim Bahnfahren ist immer das Erwerben von Fahrkarten. Man möchte meinen, dass die Deutsche Bahn AG daran interessiert ist, möglichst viele Fahrkarten zu verkaufen und deswegen jeden Kunden freundlich und mit offenen Armen empfängt, um ihm im Rahmen eines persönlichen Lebensberatungsgesprächs bei Kaffee und Kuchen eine Fahrkarte zu verkaufen.

Die Realität sieht, warum auch immer, anders aus. Da stehen auf unseren Bahnhöfen große graue Kästen, die uns die Fahrkarten verkaufen sollen, und versprühen den Charme von Sozialwohnungen. Und genau wie die Bewohner von letzteren nehmen sie auch gerne Geld, aber bevorzugt in kleinen Scheinen.

Sprich: Wenn der Kunde es wagt, nur einen 20-Euro-Schein mit sich zu führen, kann er den Erwerb seiner Fahrkarte getrost gleich wieder vergessen, denn er wird nur ein stummes, aber hämisches Kichern des Automaten ernten.

Ich marschiere also weg vom hämisch lachenden Automaten hin zur obligatorischen Bahnhofscroissanterie.

»Könnten Sie mir bitte den Zwanziger kleinmachen?«

»Nein, kann ich nicht.«

Ich muss ein wenig eigentümlich dreingeschaut haben, denn die Fachfrau für Croissantveräußerungen weist mir gnadenvoll den Weg zu »dem Türken bei Sultan's«, der mache das doch bestimmt.

Ich frage nicht, warum Frollein es nicht selbst tun will, und begebe mich zum »Türken bei Sultan's«, der mir freundlich und problemlos meinen Riesenschein in handliche Papierfetzen wechselt.

Der Automat ist's zufrieden und schluckt gerade genüsslich mein mühsam ertauschtes Geld, da nähert sich von rechts eine bebrillte Gestalt, gekleidet in eine rot-gelbe Regenjacke.

»Fährst du nach Lübeck??«

Das ist einer der Mitfahrjäger, die an jedem größeren Bahnhof auf Menschen lauern, die für weniger als den normalen Fahrpreis an ihrem Schleswig-Holstein-Ticket partizipieren wollen. So kommen alle Beteiligten deutlich günstiger von A nach B – mit dem Nachteil, dass man, sobald man einen Fahrkartenautomaten auch nur zu lange anschaut, sofort von einer Horde bebrillter Regenjackenträger bedrängt wird.

»Nach Eutin.«

Als mein Verhandlungspartner herausfindet, dass ich Student bin und zudem auch noch eine Bahncard habe und mir der Fahrkartenautomat daher schon von ganz alleine ein unschlagbar günstiges Preisangebot unterbreitet, wird er verlegen.

Ich, ehemaliger Pädagogik-Student und hingebungsvoller Samariter, springe ihm zur Seite.

»Sieht so aus, als ob es für dich günstiger wäre, wenn du mich nicht mitnimmst, nicht wahr?«, frage ich und grinse ihn kumpelhaft an.

Er druckst herum.

Ich wende mich wieder dem Automaten zu, der noch mehr Geld will.

Die Regenjacke spricht nun: »Ja also man weiß es nicht, wenn du willst, kannst du ja bei mir trotzdem auch mitfahren, es kann ja für dich günstiger werden trotzdem noch, wenn ich sonst keinen mitnehmen kann später oder so. Also wenn du auf Zeit pokern willst, kannst du ja bei mir mitfahren oder so.«

Ich versuche, das Gesagte zu verstehen, scheitere jedoch und wünsche der Regenjacke eine gute Fahrt. Ich ergattere vom gierigen Automaten mein unverschämt günstiges Ticket und mache mich auf den Weg zum Bahnsteig.

Planmäßige Abfahrtszeit meines Zuges ist 14.44 Uhr. Just zu jener Zeit meldet sich die holde, automatisierte Bahnhofssprecherin zu Wort: »Ding-däng-dong. Meine Damen und Herren auf Gleis eins. Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf verzögert sich die Abfahrt Ihres Zuges um etwa zwei Minuten. Wir bitten um Ihr Verständnis.«

Das ist doch keine Ansage wert, denke ich mir und wende mich wieder dem Stumpfen starren in jene Richtung zu, in der ich den Zug erwarte. E.T. meldet sich jedoch nach nicht einmal einer Minute erneut: »Ding-däng-dong. Meine Damen und Herren auf Gleis eins. Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf verzögert sich die Abfahrt Ihres Zuges um etwa fünf Minuten. Wir bitten um Ihr Verständnis.«

Aha.

Langsam wird mir ziemlich kalt, es ist meinem subjektiven Empfinden nach der kälteste Tag in diesem Frühling und ich stehe schon eine Viertelstunde auf Gleis 1, zusammen mit etwa 75 Leidensgenossen.

Zehn Minuten lang passiert nichts. Es ist inzwischen 15 Uhr. Da meldet sich das Alien erneut zu Wort: »Ding-däng-dong. Meine Damen und Herren auf Gleis eins. Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf verzögert sich die Abfahrt Ihres Zuges um etwa zehn Minuten. Wir bitten um Ihr Verständnis.«

E.T. kann augenscheinlich nicht zählen oder bedient sich einer anderen, nicht-irdischen Zeitrechnung. Die zehn Minuten sind schon längst um.

Da kommt ein Zug. Es ist aber der falsche, erklärt uns wortgewandt E.T.s Schwester, die es aber tatsächlich zu geben scheint, denn ihre Betonung der Zahlen klingt im Gegensatz zu E.T. sehr natürlich:

»Meine Damen und Herren auf Gleis eins fährt ein Regionalbahn aus Preetz bitte steigen Sie dort nicht ein in wenigen Minuten wird für Sie hinter dem Triebwagen dieses Zuges bereitgestellt verspäteter Regionalexpress nach Bad Kleinen vielen Dank für Ihr Verständnis«

Man hört ihr die Probleme in der Zeichensetzung jedoch förmlich an.

Ich und meine Leidensgenossen wandern also hinter den Zug aus Preetz, der die Bezeichnung »Zug« eigentlich kaum verdient, denn es sind eher zwei zufällig aneinander geklebte Waggons, die in gemächlichem Tempo in den Kieler Hauptbahnhof eintrudeln. Eine Handvoll Menschen steigt aus. Und wir dürfen nicht einsteigen. Ist aber egal, hineinpassen würden wir ohnehin nicht alle.

Es geschieht wieder eine ganze Weile lang nichts, wenn man vom langsamen Gefrieren meiner Zehen absieht. E.T. meldet sich gelegentlich zu Wort und verkündet in gewohnt abgehackter Manier die Verspätung unseres Zuges um 10 (ja, noch einmal!), 15, 20 und 25 Minuten, aber man solle doch Verständnis haben.

Natürlich habe ich Verständnis. Ich platze fast schon vor lauter Verständnis. Am liebsten würde ich mein Verständnis in die große graue Bahnhofshalle schreien.

Kein Wunder, dass der Streik der Lokführer nichts bringt, wenn man einen Streik-Tag nicht von einem streikfreien Tag unterscheiden kann ...

Um 15.20 Uhr fährt dann endlich mein Zug ein. Um 15.30 Uhr fahre ich los, mit ziemlich genau einer dreiviertel Stunde Verspätung (E.T.-Zeitrechnung: 25 Minuten).

Ich komme also mit einer dreiviertel Stunde Verspätung in Eutin an. Und habe dafür auch noch knapp fünf Euro bezahlt. One way.

Zum Glück kam der Zug auf der Rückfahrt pünktlich, sonst wäre ich wahrscheinlich auf dem Eutiner Provinzbahnhof ausgerastet.

Unwort des Tages: Die Bahn kommt.



Wie finden Sie die Kolumne » Vielen Dank, dass Sie versucht haben, mit der Deutschen Bahn zu reisen «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Bastian Sorge und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Bastian Sorge.

Foto: Bastian Sorge

Bastian Sorge

Bastian Sorge hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle, die Kremers-Zwillinge und Magdi Aboul-Kheir. Geboren ist er im [..]

Ausgewählte Kolumnen von Bastian Sorge

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Bastian Sorge

Geschenkt

*

Bei amazon.de hat Bastian Sorge einen Wunschzettel mit Geschenkideen hinterlegt.

Lassen Sie sich gerne inspirieren. Herzlichen Dank.