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21.05.09

Bastian Sorge

Chinesen, Möhrchen und schwule Gänse

Letzte Woche habe ich geträumt, von einem Chinesen erschossen zu werden. Es war sehr schmerzhaft.

Sie können sich also die Befremdung vorstellen, die ich gestern verspürte, als ich friedlicher Westeuropäer auf meine Stammbushaltestelle zuging und dort einen kugelrunden Chinesen sah. Sein Äußeres trug dazu bei, mich noch mehr zu verwirren (jetzt: unmerklicher Wechsel ins Präsens): Der Chinese trägt eine Beatles-Topffrisur, eine Brille, eine sportliche gelb-blaue Jacke, die obligatorische blaue Faltenhose und Aldi-Turnschuhe, die zu nichts von alledem passen, vielleicht mit Ausnahme der Brille. Sowohl der Rumpf als auch der Kopf des kleinen Mannes sind vollendet kreisförmig.

Ich bemühe mich, möglichst unauffällig zu sein und einfach nur auf meinen Bus zu warten. Es misslingt. Der Kerl ist einfach zu befremdlich, um ihn nicht anzustarren. Außerdem bellt er unentwegt in ein kleines schwarzes Handy – in formvollendetem Chinesisch, natürlich. Dabei macht er mit dem freien Arm ausladende Gesten in alle Himmelsrichtungen und durchmisst die 50 Meter Bushaltestelle mit schnellen Schritten. Um mich macht er dabei einen großen Bogen und wendet sich auch stets demonstrativ ab, wenn sich unsere Wege kreuzen. Dabei schaut er mich so an, als ob ich Deutschlands größter Spion sei und jedes seiner Worte gedanklich mitschreiben würde.

Dabei ist es erschütternd, wie wenig ich seinem Singsang entnehmen kann. Genau genommen verstehe ich nicht ein einziges Wort von dem, was er seinem armen Gesprächspartner an den Kopf wirft – abgesehen vielleicht von »Ha!« oder »Ahh ...«, aber das kann ja auch “Ich wünsche mir ein kleines Pferdchen mit grünen Ohren” bedeuten. Oder so.

Ich kann nicht einmal einschätzen, ob er gerade mit einem ranghohen General der chinesischen Volksarmee die näheren Details des bevorstehenden Atomschlags gegen West- und Zentraleuropa bespricht oder seine Frau fragt, ob er noch Möhrchen kaufen soll. Erst denke ich, er ist voll grimmig drauf, da lacht er auf einmal. Daraus werde ich nicht schlau ... Vielleicht hat ihm der General gesagt, er soll noch Möhrchen kaufen ...?

Im Bus jedenfalls setzt sich der moppelige Chinese mit der Topffrisur sehr, sehr weit weg von mir. Vielleicht sehe ich so aus, als wäre ich eine Art verspäterer Apostel und könnte alle Sprachen dieser Welt. Aber ob ich wissen will, was er da in sein Handy singt ...?

Meine Reise setze ich so normal wie möglich fort. Ich verdränge chinesische Möhrchen und die damit korrespondierenden Topffrisuren. Aus dem Zug erblicke ich eine Horde stockschwuler Kanadagänse, die sich lustvoll gegenseitig die Köpfe in die Federn stecken. Selbst das bringt mich jedoch nicht aus der künstlichen Ruhe, die ich mir schuf, um den bevorstehenden chinesischen Atomangriff zu verarbeiten.

Ich schlafe ein.

Jemand zupft mich an meinem rechten Ärmel. Ich öffne die Augen und blicke in das von einer einst modischen Kurzhaarfrisur umschmeichelte Gesicht der Zugbegleiterin. Sie hält die Hand auf.

In Russland bedeutet diese Geste: »Komm, bestich mich.«

In Deutschland heißt es meist: »Sie wissen, was ich will, also her damit. Nicht lang schnacken.«

Ich reiche ihr meinen Fahrschein und die Bahncard. Sie beschaut das eine und durchlöchert das andere. Der kontrollierende Blick in mein Gesicht ist unnötig: Dem Foto auf der Bahncard nach zu urteilen fährt hier der Sohn des Waldschrats nach Lübeck, um neue Äxte für seinen Vater zu kaufen. Sie gibt sich trotzdem mit dem Anblick zufrieden und will mir gerade die Karten zurückgeben, da fällt ihr mein Ticket herunter.

»HUCH!!!!!«, schreit sie.

Ich zucke zusammen.

Sie murmelt eine Entschuldigung, hebt mein Ticket auf und zieht von dannen. Ich bin nun wach und noch befremdeter als ohnehin schon. Schlagartig kehren mittelasiatische Möhrchen und geile Gänse wieder in mein Gedächtnis zurück. Ich sinke tiefer in meinen Sitz.

Ich werde förmlich eins mit meiner Rückenlehne, als eine kleine Chinesin in einem viel zu großen grün-braun karierten Jackett mit einer winzigen Stilsünde von rosa Tasche das Abteil betritt. Immerhin trägt sie einen Pferdeschwanz. Also, ich meine damit ihre Frisur. Sie wissen schon.

Ihr Mann winkt ihr von draußen zu – Topffrisur. Ich verdrehe die Augen. Zur Sicherheit gleich zwei Mal – diese rosa Tasche macht mich aggressiv.

Das Männeken draußen vor dem Fenster widerlegt das Klischee vom ewig grinsenden Chinesen. Er winkt zwar, hat aber keinerlei Ausdruck in seinem Gesicht. Ebenso seine Frau mit Tasche im Jackett im Zug. Es sieht gespenstisch aus, wie sich diese beiden Menschen ausdruckslos zuwinken, als der Zug anfährt.

Wobei ich ihn verstehen kann. Also, diese Tasche ... und dann noch das Jackett ...

Sie dreht sich um und schaut mich fragend an.

Ich sehe möglichst harmlos aus, das kann ich nämlich gut.

Jetzt lächelt sie.

Ich lächle völkerverständigend zurück.

Und schlafe wieder ein.

Unwort des Tages: Topffrisur.



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