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22.02.10

Bastian Sorge

Schlagergestampfe bei der Air Berlin

Akutes Fernweh.

Kennen Sie das? Sie sitzen irgendwo, auf einer Parkbank, im Theater, bei der Maniküre, auf Klo, in einem Sexkino – und Sie wollen auf einmal weg? Ja?

Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie hätten Geld zur Verfügung. Unendlich viel Geld. Und stellen Sie sich außerdem vor (jetzt wird es erst richtig unrealistisch!), die Piloten würden gerade nicht streiken.

Wenn all diese Bedingungen zugleich eintreffen, was erfahrungsgemäß nicht sehr häufig der Fall ist, dann ist die Zeit reif, einen Flug nach Kuala Lumpur zu buchen.

Genau das ist mir gestern widerfahren.

Naja, ich habe das mit dem Geld und den Piloten mal außer Acht gelassen. Und ich wollte nach Stuttgart und nicht nach Südostasien. Aber ich wollte buchen. Viel buchen.

Klarer Fall, sagt da der internetaffine Mensch: Gehst du auf airberlin.com.

Gesagt, getan – Sorge stöbert nach den richtigen Flügen. Übrigens fühle ich mich wie ein richtiger Globetrotter, seit ich den IATA-Code für den Hamburger Flughafen kenne, aber das nur nebenbei.

Gerade will ich der Air Berlin mein Geld in den Rachen stopfen, da bekomme ich plötzlich eine schmucklose weiße Seite zu Gesicht: Wartungsarbeiten. Zum Buchen rufen Sie bitte an: 01805 – ...

Weil ich gerade guter Laune bin, mache ich das auch tatsächlich. Der erste Schock ereilt mich in der Warteschleife der Air-Berlin-Hotline: Man spielt ein eigens für die Firma produziertes Lied – den Air-Berlin-Song. Eine piepsige Sängerin singt zu Synthesizern und Schlagergestampfe Marketing-Plattitüden. Der Refrain geht so:

Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, uns're Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn und ein Lächeln stets mit drin: Air Berlin.

Von der Kreativität der Songproduzenten zeugen nicht nur die an dieser Stelle obligatorischen Metaphern vom grenzenlosem Himmel, sondern auch folgende Textpassage:

Wir fliegen für Service für wenig Geld, haben Ihre Wünsche im Blick. Auf Shopping und Business eingestellt, fliegen Sie mit uns pünktlich hin. Beim Urlaub sind wir erste Wahl, da der schon an Bord beginnt! (...)

Immer pünktlich und schnell, das ist unsere Philosophie,
Wir heben immer gut ab, doch abgehoben sind wir nie! (1)

Aufkommende Mordgelüste ignorierend, kämpfe ich mich bis zur Call-Center-Mitarbeiterin vor. Im nun folgenden Gespräch finde ich (!) heraus, dass eine Buchung bei Sabine, der Call-Center-Frau, 10 Euro mehr kostet als eine Internet-Buchung. Wenn ich das nicht bezahlen wolle, solle ich doch Internet buchen.

»Das würde ich ja gern tun, aber Ihre Seite ist gerade offline. Da macht irgendwer Wartungsarbeiten.«

»Ja, dann müssen Sie wohl die 10 Euro bezahlen ...«

»Ach, wissen Sie, ich werde einfach bei den Kollegen von Germanwings buchen.«

Sabine schwieg ein wenig länger als notwendig. Schon bald war das Gespräch zu Ende. Und ich um ein Ticket reicher. Aber von Germanwings.

Unwort des Tages: Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn.

[1] Wer's sich geben will: Der Air-Berlin-Song bei Youtube. Keine Haftung bei Gesundheitsschäden.



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