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23.08.08

Bastian Sorge

O book, where are thou? – Eine Bibliotheks-Odyssee

Da sag noch mal einer, studieren sei nicht gefährlich.

Ich ahnungsloser kleiner Student, in meinem Wesen friedfertig und niemandem etwas Böses wollend, bin heute in die Bibliothek gegangen. Und zwar nicht irgendeine Bibliothek, o nein, sondern in die Fachbibliothek für Anglistik an unserer Universität. Die gibt es so eigentlich gar nicht; vielmehr besteht sie aus einem Flickenteppich an wahllos auf einen riesigen, mehrstöckigen Raum verteilten Regalen. Dazwischen mischen sich Regale mit Büchern aus zahlreichen anderen Fächern. Amerikanistik, zum Beispiel. Kanadistik. Französisch. Katalanisch. Rumänisch. Weiß der Geier was sonst noch alles.

Ich bahne mir also meinen Weg vorbei an der geifernden Bibliothekswächterin, die meinen Bibliotheksausweis als Pfand bei sich behält (denn ich könnte ja mit einem Arm voller kostbarer Bücher aus dem Fenster springen).

Gut vorbereitet, wie ich als Erstsemester nun mal bin, weiß ich auch schon die Signatur des von mir gesuchten Buches: Sie lautet 001 MEY Eng. Herzlichen Glückwunsch.

Nachdem ich den mehrstöckigen Raum also betreten habe, sehe ich als erstes zu meiner Linken ein paar Regale mit offenkundig englischen Büchern, die nach Jahrhunderten geordnet sind. Das bringt mir nicht viel, weil ich ja nur die Signatur meines Buches weiß, aber nicht, in welchem Jahrhundert der Autor gelebt hat. Ich gehe unbeirrt weiter und finde eine Treppe tiefer einen gar illustren Haufen von Regalen mit Aufschriften wie »800« oder »427.1«. Das ist doch schon mal schön, hier scheint es nach Nummern geordnet zu sein. Ich suche also die Nummer 001. Die gibt es natürlich nicht. Dafür scheint es die Nummern 800 bis 899 umso öfter zu geben.

Ich gehe noch eine Treppe tiefer. »American Fiction«, heißt es da auf den Regalen, die sich mir monströs entgegenrecken. Ja weiß denn ich, ob es American Fiction ist, was ich suche??? Ich weiß doch nur die Signatur!

Noch eine Treppe tiefer. Das Licht ist schummrig. Ich sehe eine große, hagere Gestalt, die in einem Abstand von etwa 30 Zentimetern vor einem großen Regal steht und bewegungslos auf eine bestimmte Stelle dieses Regals starrt. Ich biege panisch nach links und befinde mich in einem Haufen von Linguistikbüchern mit einer gar kryptischen Signatur. Auch hier nichts von 001 zu sehen. Zumal es kein linguistisches Werk ist, das ich suche. Glaube ich. Ich gehe wieder in den Hauptgang zurück. Der hagere Kerl steht immer noch dort und starrt das Regal an. Er hat sich nicht bewegt.

Ob das einer dieser grusligen Lehramtsstudenten ist, die ihr Erstes Staatsexamen nicht geschafft haben und nun dazu verdammt sind, auf ewig ein Leben in der Uni zu fristen? Schnell gehe ich geradeaus weiter, in der Hoffnung, vielleicht einen hell erleuchteten, wohl temperierten Raum zu finden, über dem in großer, gut lesbarer Schrift ein Schild mit der Nummer 001 prangt.

Fehlanzeige. Es wird noch dunkler. Es riecht muffig. Ich sehe einen kleinen, vergilbten Zettel, auf dem »Lichtschalter« steht. Haha, sehr witzig.

Ich schaue auf die Regale – alles mir unbekannte Signaturen – und außerdem scheint es um alte deutsche Literatur zu gehen. Also die andere Richtung. Es wird nicht heller. Es muffelt immer noch. Die Signaturen werden kryptischer, die Bücher auch – ich stoße auf ein eingestaubtes, altes Buch mit braunem Einband. Es scheint wohl in Sanskrit zu sein, denn egal, wie ich es auch drehe, die Schrift darin sieht immer so aus, als würde ich es falsch herum halten.

Ich stelle es schnell wieder zurück und eile weiter. Ich gelange in einen hell erleuchteten Raum, der wohltemperiert ist. Das ist schon mal gut. Nur leider hat sich dort die portugiesische Literatur versammelt. Mit Sekundärlitatur.

Brauche ich nicht. Ich entdecke nach hektischer Suche eine kleine Treppe, die ich kurz entschlossen auch benutze. Ich bin auf einmal im obersten Stockwerk. Blicke mich verstohlen um ... vielleicht ist hier ja die Signatur 001? Doch alles, was ich sehen kann, sind Regale über Regale mit französischen Büchern. Das muss man sich mal vorstellen. Da stehe ich zwischen 20 000 französischen Büchern, die irgendwie alle grün eingebunden sind, zumindest kommt es mir so vor, und suche ein kümmerliches kleines englisches Machwerk. Mit einer Signatur. Aber hier bin ich wohl falsch. Die Franzosen an den Arbeitstischen gucken mich schon ganz entsetzt an.

Ich schleiche weiter, vorbei an weißen Regalen mit obskuren Nummern. Vorbei an emsig arbeitenden Menschen, die die Bücher über katalanische Suffixe und galizische Adverbien anscheinend äußerst inspirierend finden. Ich ekele mich ein wenig und ergreife die Flucht.

Wieder nach unten. Englische Bücher – o Heimat! – jedoch geordnet nach Jahrhunderten. Hier war ich doch schon mal! Naja, vielleicht habe ich die 001 ja nur übersehen.

Pustekuchen. Ich gehe denselben Weg noch einmal ab (spare mir allerdings die Ausflüge zur Linguistik und in die anderen Gruselkammern). 800, 427.1 – 4, 820, 801, 820 (nochmal?), 810, 870. Mit Mathematik haben sie's hier nicht so. Aber kein Wunder, das ist ja auch eine romanistische Bibliothek.

Als ich nun zum dritten Mal bei Shakespeare («16. Jahrhundert!«, grinst mir das Schild am Regal stolz entgegen) angekommen bin, sehe ich den Plan. Den Bibliotheksplan. Die Rettung. Den deum ex machina. Alles wird gut.

Ich stürze dem Plan entgegen (möglichst ohne Geräusch, schließlich bin ich ja in einer Bibliothek). Ich sehe: Viele Striche (das sind die Regale), noch viel mehr Striche (das sind die Treppenstufen), noch mehr Striche (das sind noch mehr Regale) und einige Zahlen. Bei der Amerikanistik stehen gar keine Zahlen. Die geben also sogar zu, dass sie keine Ordnung in ihrer Bibliothek haben.

Ansonsten finde ich die schon bekannten Nummern – stets um die 800 herum.

Panik kommt in mir auf. Ich entschließe mich, um Hilfe zu schreien – doch halt, ich bin ja in einer Bibliothek. Ich schaue mich also hilfesuchend um. Es ist kaum jemand zu sehen – nur aus dem oberen Stockwerk schauen ein paar Franzosen, die an ihren Arbeitstischen sitzen, missbilligend und mit gerümpfter Nase auf mich Verlassenen hinab.

Mir reicht's. Ich gehe jetzt professionelle Hilfe holen. Ich marschiere festen Schrittes ins obere Stockwerk, denn da wohnen die freundlichen Mitarbeiterinnen der Bibliothek, das weiß ich (nur zufällig). Ich flehe um Hilfe. Ich schildere meine verfahrene Situation. Ich setze meinen Hundeblick auf.

Und tatsächlich, ich werde erhört. Blondie und ich machen uns auf den Weg, das Buch mit der hehren Signatur 001 MEY Eng zu suchen.

Um es kurz zu machen: Wir finden es nicht.

»Ist ja komisch, dass das hier nicht ist ...«

»Ach ja ...?!«

»Ich bin ja auch erst seit März hier ...«

»Argh!«

»Was?«

»Nichts, nichts ...«

Ich widerstehe dem Drang, mit meinem Kopf gegen das Regal »American Fiction« zu hämmern.

Wir finden immerhin das Regal »070«. Das ist dem Ziel zwar schon näher, als ich war und in meinem Leben jemals gekommen wäre, nur wirklich weiter bringt es mich nicht.

Nun ist es Blondie zu viel. Sie sagt mit fester Stimme: »Ich frage jetzt Frau Wrmblzmbl.« (Den Namen der Bibliothekswächterin habe ich bis heute nicht verstanden, obwohl ich ihn schon öfter gehört habe).

Frau Wrmblzmbl schaut Blondie amüsiert an. Und als Blondie fragt: »Wissen Sie, wo 001 ist?«, da sagt sie schlicht: »Ja.«

Und deutet auf den Zeitschriftenraum, fünf Meter Luftlinie von ihrem Schreibtisch entfernt.

Blondie zeigt mir noch schnell den Zeitschriftenraum und entschwindet wieder. Ich bin nun allein mit einer Horde englischer Zeitschriften in einem gut beleuchteten, wohl temperierten Raum. Jedes Buch hier trägt die Signatur 001 (die Zeitschriften sind mit einem dicken »Z« gebrandmarkt) ... es ist ein bisschen wie im Himmel ... sehr friedlich ... nur das leise Summen und Surren der Neonleuchten ...

Ich schnappe mir Buch 001 MEY Eng (English and American Literatures) und frage mich, wieso Bücher mit der Signatur 001 im Zeitschriftenraum stehen. Aber das versteht wohl nur Frau Wrmblzmbl.

Unwort des Tages: Deutsche Ordnung.



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