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25.06.08

Bastian Sorge

Und alle rennen sie hinter diesem blöden Lederteil her ...

Ich bin schlank. Noch. Das heißt aber nicht, dass ich Sport mag. Oder Bewegung an sich. Ich bin sozusagen eher faul. Mein letzter Besuch in einer Turnhalle liegt ein paar Jahre zurück, und er war wahrscheinlich nicht freiwillig.

Nun gibt es ja die Möglichkeit, anderen Leuten beim sporteln zuzuschauen, entweder im echten Leben oder – bequemer – vor der Schattenmeibe, Verzeihung, der Mattscheibe. Da kann man dann Frauen in kurzen Röckchen dabei zusehen, wie sie laut stöhnend über einen linierten Platz hechten und sich dabei mit beeindruckender Aggressivität und durchlöcherten Bratpfannen einen leidensfähigen Ball zuspielen. Oder man kann unglaublich große Männer dabei beobachten, wie sie in einer kleinen Halle einen riesigen Lederball vor sich her prellen, sich zwar ständig behakeln, jedoch aus unerfindlichen Gründen kaum berühren, um den voluminösen Ball dann in einen Korb zu werfen, der an der Wand hängt. Vielleicht findet man auch eine ganze Herde von Leuten auf einem riesigen Rasen interessant, die wie geistesgestört hinter einem unschuldigen Lederball hinterherlaufen, immer bestrebt, diesen sowohl in ihren Besitz zu bringen als auch in einen der Kästen zu befördern, die an beiden Seiten des Rasens aufgestellt sind und von zwei Männekens bewacht werden, die aus unerfindlichen Gründen die einzigen sind, die nicht hinter dem Ball hinterherlaufen. Und die aus noch unerfindlicheren Gründen die einzigen sind, die den Ball einfach in die Hand nehmen. Was ja eigentlich das Logischste wäre, wenn man etwas Bestimmtes damit vorhat.

Kurzum: Wenn uns die Außerirdischen, sollten sie uns eines Tages einmal besuchen, bei einem Sportereignis kontaktieren wollen, so werden sie denken, wir hätten entweder keinen Verstand oder diesen verloren.

Es ist mir ein Rätsel, was so viele Menschen auf der ganzen Welt daran fasziniert, einer Horde Verrückter beim Balljagen zuzuschauen. Wie man dafür Geld bezahlen kann. Wie man sich darüber freuen kann. Wie man sich damit identifizieren kann!

Es war ja schon bei der Weltmeisterschaft schwer zu ertragen. Überall haben die Leute auf einmal über Fuuuußball geredet und über Kuranyi und Ballack und Lahm und wie sie alle heißen. Auf einmal wusste jeder Bescheid. Ein jeder war interessiert. Fahnengeschwenke. Fahrzeugkolonnen. Fergängliche Freude.

Als es überstanden war, habe ich aufgeatmet. Aber mit Erschrecken stellte ich bereits vor Monaten fest: Es geht wieder los! Überall Fußbälle! Als ich neulich meine friedfertige Apfelverpackung entsorgen wollte, fiel mein Blick auf die Rückseite. Da, wo normalerweise steht: »Ja, hier, tolle Äpfel, Herkunftsland sowieso, kaum Konservierungsstoffe, keine Sklavenarbeit, vor Verzehr waschen.« An jener Stelle jubelten mir Fußbälle zu! Auf einer Apfelverpackung! Die Sinnentleerung schlägt zu.

Natürlich gestalten auch die Nasen von ferrero die Gläser einer beliebten Nuss-Nougat-Creme wieder so, dass es mich als dem Fußball nicht zugewandten Menschen beinahe Überwindung kostet, an der Kasse dazu zu stehen, dass ich dieses Produkt nun käuflich erwerben will: Es gibt nunmehr große Gläser, die ein Trikot tragen. Komplett mit Aufschrift: Nr. 2 – Jansen. Oder so.

Wenn demnächst auch auf der Rückseite von Zugtickets oder Theaterkarten ein Fußball abgebildet ist, kriege ich in aller Öffentlichkeit eine publikumswirksame Krise. Vielleicht sollte ich für solche Gelegenheiten Unwort-Visitenkarten drucken lassen ...

Ich hoffe, dass die Fußball-EM kurz und schmerzlos an mir vorbeigeht. Und dann kann man ja auch wieder zum Tagesgeschäft zurückkehren ...

... aber dann kommen die Olympischen Spiele. Und überall sieht man lustige Ringe. Und Nutellagläser in Form eines tibetischen Mönches im Schneidersitz (und Handschellen).

Unwort des Tages: Schland!



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