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26.05.10

Bastian Sorge

Fahrkarte für den Autobot

Auf der Suche nach einem Verkehrsmittel, das gerade nicht von Aschewolken oder Streiks betroffen ist, stößt der handelsübliche Zentraleuropäer schnell auf die Eisenbahn. Doch vor das ach so genüsslich-stressfreie Fahrvergnügen hat der liebe Gott den Erwerb eines Tickets gestellt. Das kostet erstens Geld und ist zweitens gar nicht so einfach, da sich die Deutsche Bahn äußerst effizient davor drückt, dem Kunden seine Fahrkarte in einem persönlichen Gespräch zu verkaufen. Vielmehr möge der Kunde bitte eines dieser roten Monstren aufsuchen, die die Bahnhofsgebäude bevölkern und ein ganz klein wenig an schlecht designte Autobots erinnern.

Ich stehe gerade von einem Autobot herum, da tippt es mich auf die Schulter. Ich drehe mich um.

Ein kleines, weißhaariges Männlein in preiswerter Kleidung steht mit leicht derangiertem Blick vor mir und schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an. Neben das Männlein drapiert sich eine genau so kleine, blonde Frau mit einer schwarzen Brille. Sie steckt in einer irritierenden, übergroßen signalroten Jacke. Heute haben Autobots anscheinend Ausgang.

»Könn'n Sie uns wohl helfn? Wir wolln ne Karte lösen«, sagt das Männlein in so breitem Norddeutsch, dass ich sogar hier im geschäftigen Kieler Hauptbahnhof die endlose Weite der Tieflandschaft zu spüren glaube.

Akrobat, der ich bin, wische ich in Sekundenschnelle den entgeisterten Ausdruck von meinem Gesicht. Ich bin überzeugt, pfadfinderlich freundlich dreinzuschaun, als ich sage:

»Ja, gern.«

»Also sie « – er zeigt auf die signalrote Jacke – »will nach Eggernförde. Aber nich von hiä aus, nä, sonnern von Suchsdorf! Also sie brauch nur von Suchsdorf zahln. Weil is billigä, nä.«

»Ich verstehe.« Das tue ich wirklich. »Schauen Sie, drücken Sie hier auf die gelbe Schaltfläche, dann wählen Sie hier aus, dass Sie einen alternativen Abreiseort eingeben wollen, und da geben Sie dann ein ...«

»Wäs? Moment ...«

Ich komme mir vor wie der hyperintelligente Android Data, der einem ahnungslosen Klingonen den Schiffscomputer der Enterprise erklärt. Ich tue es noch einmal, und diesmal langsam. Das Männlein nickt zwar, aber ich glaube nicht, dass meine Erläuterungen bis in sein Innerstes vordringen, denn er sagt, just als ich als Abfahrtsort »Suchsdorf« eingebe:

»Ja aber sie zahlt ja nich von hiä, nä, sonnern von Suchsdorf ...«

»Das steht ja auch da, sehen Sie, da steht's.«

»Ah.«

»So, das kostet jetzt sieben Euro zehn.«

»Wäs, das kann abä nich sein, nä, weil die Hinfahrt hat ja nuä viä gekosset.«

»Haben Sie vielleicht eine Bahncard?«

Das Männlein schaut die signalrote Jacke an. Die schüttelt mit dem Kopf.

»Nä«, übersetzt das Männlein und schaut mich misstrauisch an. Das Vertrauen in meine Fähigkeiten als Autobot-Flüsterer scheint aus ihm zu weichen.

»Dann müssen Sie wohl leider die sieben Euro bezahlen«, stelle ich fest.

»Abä sie zahlt ja nuä von Suchsdorf, nä!«, beharrt das Männlein.

»Ja, das habe ich auch so eingegeben ...«

»Abä dann kannas ja nich so teuä sein!«

»Ähh.« Auf mehr habe ich keine Lust.

»Nä ...«, spricht es und schüttelt mit dem Kopf,  nimmt seine Signaljacke unter den Arm und entschwindet.

Entgeisterung kehrt für einen kurzen Moment auf mein Gesicht zurück. Doch dann erinnere ich mich an eines meiner Erlebnisse im Zusammenhang mit der Bahn und weiß: Es liegt nicht an mir. Die Bahn ist schuld.

Unwort des Tages: Eggernförde.



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