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29.05.08

Bastian Sorge

Zeugen, Klempner und Roxanne. Und ich mittendrin. Guten Morgen.

Nach sechs Wochen unerquicklicher Arbeit an erstaunlich langweiligen Hausarbeiten freut sich der handelsübliche Student, seine Semesterferien so begehen zu können, wie der Rest Deutschlands denkt, dass er es ohnehin tut: Emsig an der Matratze horchend.

Um so unerfreulicher ist es dann, wenn das Schicksal wie ein Dozent auf Droge den Rotstift zückt und die schöngeistig-schlummernden Pläne des Studenten effektvoll durchkreuzt.

So geschehen am letzten Donnerstag. Stud.phil. B. J. Sorge wälzt sich gerade in morgendlichen sittenwidrigen Träumen hin und her, da klingelt es um 9.03 Uhr an der Tür.

Ich schlurfe also hin, öffne selbige und starre entnervt in den leicht modrig riechenden Hausflur, in der Erwartung, olfaktorisch ähnliche Zeugen Jehovas zu entdecken, die mich vom morgigen Ende der Welt überzeugen wollen (in morgendlicher Stimmung bin ich dem Ende der Welt gegenüber übrigens stets aufgeschlossener).

Die Zeugen Jehoavs tragen heute aber ihre Ausgehuniform, denke ich noch, als es auf einmal spricht: »Guten Morgen, Firma techem, ich komme, weil blah ... Aushang im Treppenhaus ... Installierung eines Zählers ... blah ... Keller ... und den Wasserhahn jetzt mal aufdrehen.«

Ich verstehe nur Bahnhof. Das sieht man mir anscheinend an, und so bahnt sich der techem-Mann an dem wirren, aus dem Mund stinkenden Wesen mit dem blaukarierten Schlafanzug, das ich bin, einen Weg vorbei und findet auf Anhieb das Badezimmer. Ich schlurfe hinterher.

Der Mann erzählt munter weiter. »Ja blah. Und Zähler ... besser messen ... Wasserhahn auf, Druckluft blah ... wollen wir ja nicht, nech? Haha.« Und er dreht meinen Wasserhahn auf.

Dass da nichts rauskommt, wundert mich nur deswegen nicht, weil ich ohnehin nichts von dem ganzen Geschehen mitbekomme. Also nicht etwa deswegen, weil ich seine Ausführungen über das Wesen unserer Wasserversorgung im Allgemeinen und die Pläne der techem-Männer für den heutigen Tag im Speziellen verstanden hätte.

Munter redend bahnt sich der techem-Mann den Weg zurück zur Tür, spricht sowas wie »Auf Wiedersehen« und verschwindet in den Weiten des modrigen Flurs. Ich schaue mich leicht erstaunt in meinem Badezimmer um, springe aber aus Furcht vor dem noch ungewünschten Wachwerden mit milde gelenkigen Sprüngen wieder in Richtung Bett.

Das Einschlafen gestaltet sich ein wenig schwierig, weil ich jetzt alle zwei Minuten im Hausflur eine Klingel höre und eine freundliche Stimme, die zu einem Monolog über die Wasserzähler ansetzt.

Trotzdem befinde ich mich gerade wieder auf der Auffahrt ins Reich der Träume, als es um 9.36 Uhr an der Tür klingelt. Leicht entnervt schäle ich mich aus der Bettdecke. Wenn das jetzt die Zeugen Jehovas sind, reiße ich mir die Klamotten von Leib, stecke mir zwei Korken in die Nasenlöcher, übergieße mich mit H-Milch und gebe mich, die Monogamie verfluchend und den modrigen Flur mit meiner Klobürste segnend, als Reinkarnation unseres Herrn Jesus Christus (dem Jahwe sein Sohn) zu erkennen.

In Gedanken habe ich die Korken schon in der Hand, da erkenne ich, dass es wieder nur der Mann von techem ist, der zu einem entschuldigenden Monolog ansetzt: »Ja, das tut uns nun leid, blah ... technische Schwierigkeiten, wir können den Zähler nicht anbringen blah ... neuer Aushang dann ... blah ...«

Und redend eilt er in mein Badezimmer, dreht meinen Wasserhahn zu und sondert einen Scherz ab, vielleicht den: »Wir wollen ja nicht, dass bei Ihnen das Wasser läuft, wenn Sie nicht da sind, nech? Haha.« Entschuldigt sich und geht.

Ich stehe da wie dem Jahwe sein Sohn ohne Latschen und schwinge mich, nun doch unerfreulich wach, in mein Bett.

Ich versuche mit Gewalt, einzuschlafen. Die Schlafexperten unter Ihnen wissen, dass das nie funktioniert. Und die Philosophen unter Ihnen wissen: Schlaf ist wie Liebe. Er kommt immer dann, wenn man nicht an ihn denkt (und wenn man ihn nicht gebrauchen kann).

Ich liege also da und höre dem techem-Mann zu, wie er den Rest des Mietblocks über seine technischen Schwierigkeiten informiert, die Wasserhähne zudreht und denselben Witz macht, haha.

Als der techem-Mann endlich fertig ist, könnte ich schlafen.

Da läuft eine Frau den Hausflur entlang. Es muss ein wahres Monstrum von Frau sein, denn ich höre jeden ihrer Schritte, wie er im modrigen Flur widerhallt. Es muss eine Roxanne sein, morgens um halb zehn in einem kurzen roten Kleidchen, mit Absätzen, die so hoch sind wie meine Klobürste lang ist. Jedenfalls knallen ihre Schuhe ihren »Ich-habe-ganz-teure-Schuhe-die-ganz-hohe-Absätze-haben-ähihihi«-Sopran in mein Hirn, das inzwischen vollends wach ist.

Ich stehe auf.

Wenn jeder Tag so anfangen würde, wäre ich ein potentieller Amokläufer. Und alle Welt würde denken, die Killerspiele wären Schuld.

Unwort des Tages: Wasserzähler.

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Foto: Bastian Sorge

Bastian Sorge

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