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30.07.10

Bastian Sorge

Kabel Deutschlands Telefonbuch-Terror

Ich hatte neulich einen suizidalen Moment, in dem ich beschloss, den Telefon- und Internetanbieter zu wechseln. Ich ging im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte zu Kabel Deutschland. (1) Dazu füllte ich ein mehrseitiges Formular aus und kreuzte viele Dinge an. Unter anderem setzte ich ein Kreuz bei: »Wünschen Sie einen kostenlosen Eintrag ins Telefonbuch? – Nein

Dass mich Kabel Deutschland in der Auftragsbestätigung dazu beglückwünschte, einerseits zu Kabel Deutschland gewechselt zu sein und andererseits ins Telefonbuch eingetragen zu werden, wunderte mich kaum. Ich hatte sowas schon erwartet.

Ich hatte eigentlich beschlossen, die Angelegenheit auf sich berufen zu lassen – ob ich nun drinstehe oder nicht, ist ja im Grunde wurstegal – da bekam ich einen Brief von Kabel Deutschland. »Sehr geehrter Herr Sorge«, heißt es da, »Wie gewünscht, haben wir von Ihnen folgende Informationen [ins Telefonbuch] aufnehmen lassen ... Haben Sie Fragen? Rufen Sie uns an blabla, viele liebe Grüße, Kabel Deutschland.«

Ich entsorgte den Brief und hielt die Angelegenheit für erledigt.

In den letzten zwei Wochen habe ich denselben »Hey, Sie stehen jetzt drin!«-Brief noch zwei Mal bekommen. Ich als vorbildlicher Kunde mache mir nun ernsthafte Sorgen im die Integrität des Computersystems der Firma und habe beschlossen, einfach mal bei Kabel Deutschland anzurufen.

Das Wesen eines Unternehmens lässt sich an der Telefon-Warteschleife ablesen. Air Berlin zum Beispiel leidet unter Geschmacksverirrung im Endstadium. Kabel Deutschland versucht, mit rockigen Gitarrenklängen zu beeindrucken. Es misslingt.

»Guten Tag mein Name ist Sabine Säuselt was kann ich für Sie tun?« Sie hat einen leicht ostdeutschen Akzent.

»Ja, Sorge hier, ich habe folgendes Problem, blah ... Sie können also jetzt gern aufhören, mir Briefe zu schicken, ich weiß nämlich inzwischen, dass ich im Telefonbuch stehe.«

»Uhh, ich wüsste jetzt auch nicht, wie ich das stoppen soll. Die Briefe werden vom Telefonbuchverlag direkt mit unserem Briefkopf verschickt, ich kann da gar nix machen. Sie könnten aber eine Beschwerdemail an uns schicken, dann wird Ihnen bestimmt geholfen ...«

»So wichtig ist mir das nun auch nicht, außerdem kriege ich auch gern Post. Und das ist ja nicht schlimm, wenn ich im Telefonbuch stehe, oder? Gibt’s dadurch irgendwelche Nachteile für mich?«

»Naja, ich weiß ja nicht, ob Sie Geheimdienstler sind ...?«

»... soweit ich weiß nicht, nein ...«

»Ja dann. Mit den Daten wird ja ohnehin überall Handel getrieben ...«

»Da haben Sie wohl Recht. Dann danke ich Ihnen recht herzlich dafür, dass Sie mir nicht helfen können, und wünsche Ihnen einen schönen Tag.«

Immerhin werde ich mich in der nächsten Zeit nicht darüber beklagen können, dass mir niemand schreibt und niemand an mich denkt. Denn Kabel Deutschland ist immer für mich da – man schreibt mir Briefchen und sorgt auch noch gleich dafür, dass ich öfter angerufen werde. Kunde, was willst du mehr!

Unwort des Tages: Telefonbucheintrag.

[1] Früher sind Menschen mit kleinen, stinkenden, kaum wasserdichten Schiffen in See gestochen, nicht wissend, was sie erwartet. Und sie haben doch neue Kontinente entdeckt. Ähnliches treibt mich um.



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