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30.11.08

Bastian Sorge

Modische Eskalation in Kiel

Ich war heute in der Stadt, und das will was heißen. Schließlich bin ich ja sowas wie ein moderner Misanthrop.

Na, wieder da von Wikipedia? Dann kann's ja weitergehen.

Also, ich war heute in der Stadt. Da gibt es Menschen. Viele Menschen. Sonntags sind es nicht ganz so viele (denn die meisten sind in der Kirche), aber man bekommt trotzdem etwas geboten.

Ich fand ja die zwei chinesischen Touristinnen schon ziemlich ungewöhnlich, die sich Ende November an einem scheißkalten Tag mit schneidendem Wind und grauem Himmel in Kiel vor eine zubetonierte, 350 m² umfassende Süßwasserlache stellen und sich breit grinsend mit einem streicholzschachtelgroßen Technikmonster gegenseitig fotografieren.

Das ist aber schon wieder zu ungewöhnlich. Wirklich interessant sind die Leute, die man eigentlich jeden Tag sieht, jedoch jedes Mal aufs Neue beschließt, sie lieber nicht gesehen zu haben.

Ich werde nichts über Vorderasiaten in Jogginganzügen schreiben, denn das wäre politisch nicht korrekt.

Ich schreibe über Mädchen. Schlimmer: Pubertierende Mädchen.

Die kommen so dahergeschlendert. Zu zweit, natürlich.

Die eine blond, die andere brünett. Ist ja schon mal ein schönes Duo, möchte man meinen. Ich schätze sie mal auf etwa 16, und das nicht nur, damit dieser Text hier legal ist.

Nun, diese zwei leidlich attraktiven Wesen schlendern nun die Straße hinunter auf die Bushaltestelle zu, an der ich auf meinen Bus warte. Gefühlsmäßig der kälteste Ort Kiels, aber das tut hier nichts zur Sache.

Schauen wir uns eine der beiden, gleichermaßen (deutsches Wort für quasi) als Exemplum (lateinisches Wort für Beispiel) mal genauer an.

Die spindeldürren Beine stecken in einer dunkelblauen Jeans, die Füße in überdimensionierten Wildleder-Stiefeln (geschätzte Kosten für letztere: 249 Euro). Um den Hals ist ein ebenso monströser grauer Schal geschlungen, in dem der Kopf fast komplett verschwindet (eine Anleihe an Taliban-Turbane?!). Die schulterlangen blonden Haare werden von einem schwarzen Haarreif gehalten. Unter der dunklen, modischen, weil zu kurzen Jacke lugt frech das pinke Unterhemd hervor. Mir wird schon beim Hinsehen kalt.

Im Arm trägt sie eine weiße Handtasche mit Blümchen drauf. Und noch eine, eine hellbraune.

Ich wende mich von diesem zwar modisch erschreckenden, aber dennoch alltäglichen Anblick ab.

Mein Interesse an diesen beiden Wesen wird eigentlich erst erregt, und ich betone, dass es nur das Interesse ist, als sich Blondie während ihres innigen Geschnatters mit Brownie so zu mir hindreht, dass ich ihre braune Handtasche noch mal sehe.

Die braune Handtasche ist ein Hund. Ein kleiner, brauner Hund mit eingedrückter Schnauze und spitzen Ohren. Ein hässliches, knopfäugiges, vierbeiniges Säugetier, dass sich mit seiner Rolle als Placebo-Handtasche wohl abgefunden hat. Jedenfalls legt es nicht das seiner Art entsprechende Verhalten an den Tag, nämlich das Rudel zusammenzurufen und die Weiber zu umkreisen, sie zu verspeisen und abzureisen. Es scheint dem Gespräch der beiden Heranwachsenden vielmehr mit großem Interesse zu folgen. Mir unerklärlich.

Ich tat das, was der Hund hätte tun sollen, ich schnappte nämlich. Jedoch schnappte ich nur Fetzen des Gespräches auf:

“O man, Harriet, das kann ich dir jetzt schon sagen, dass er fremdgeht – sowieso nicht dein Freund wird, weil ich dich dabei nicht unterstützen werde – wo feiern wir eigentlich Silvester?”

Meine sozio-neologistisch-psychologische Analyse: Harriets Freundin will was von dem, von dem auch Harriet etwas will und will Harriet nun davon überzeugen, dass er nicht gut für sie ist, damit sie ihn für sich alleine hat. Sollte Harriet darauf nicht eingehen, so wird sie ihre Handtasche auf sie hetzen.

Das sind Geschichten, wie sie das Leben schreibt, lieber Leser, und zwar sonntags in Kiel.

Da, wo die Handtaschen Hunde sind und die chinesischen Touristinnen sich noch selbst fotografieren.

Unwort des Tages: Braune Handtaschen.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck



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