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04.09.10

Holger Uhlig

Papa, popel nicht! – oder Lügen haben kurze Halbwertszeiten

Noch halb schlafend nehme ich die Worte nur wie durch einen Nebelschleier wahr: »Papa, popel nicht.« »Hab ich doch gar nicht!« Meine Tochter schaut mich mitleidig von der Seite an und antwortet: »Nein, nur innen die Nase massiert.« Ich muss lachen und denke: Kindern kann man nichts vormachen. Sie durchschauen jede Lüge sofort und sind auch selbst sehr durchschaubar. Das glaubte ich zumindest bisher. Wie dem auch sei, es ist herzerfrischend, »Popel nicht!« oder »Papa, ich muss dringend mal pupen!« von den Kleinen zu hören.

Soviel Chuzpe haben die »Großen« in der Regel nicht. Die erste Antwort auf »Wie geht's?« lautet doch in neunundneunzigkommaund Prozent aller Fälle: »Gut.« Und meist legt der Frager auch keinen Wert auf eine ehrliche Antwort, sondern fragt halt nur, wie er auch fragen würde: »Wie wird das Wetter?«, oder »Wie war das Essen?« Man muss sich halt daran gewöhnen, dass es nur noch eine Floskel ist nach dem Befinden zu fragen. Eine Antwort wie »echt beschissen«, oder »sauschlecht« will doch ehrlich keiner hören. Ich würde mich auch wundern, wenn mein Gegenüber mir so antworten würde. Ist es deshalb gelogen? Jein würde ich glatt sagen.

Überhaupt sind die Floskellügen oder Lügenfloskeln eine nette Sache, um nicht ins soziale Abseits zu rutschen und als Neoneandertaler gebrandmarkt zu sein. Denn eigentlich wird doch ständig gelogen, dass sich die Balken biegen. Und das ist auch zwingend notwendig. Wenn meine ehemalige Nachbarin mir freudestrahlend entgegen kommt und einen »guten Tag« wünscht, kann ich schlecht antworten: »Geh zum Teufel, du alte Giftnatter«, sondern erwidere nolens volens: »Ich wünsche auch einen guten Tag«. Tut mir nicht weh, ist aber gelogen, von mir aus kann sie bleiben wo der Pfeffer wächst. Sie soll mich nur nicht mit dem »Sonntags wird aber keine Wäsche rausgehängt«-Gelaber nerven.

Man kann so etwas eleganter lösen. Andere Ex-Nachbarn habe ich einfach mit Nichtbeachtung gestraft, weil sie mir unterstellten, dass ich ihren vor die Tür gestellten Nachtspeicherofen illegal umgelagert hätte, nur weil ich zur gleichen Zeit einen ebensolchen aus meiner Wohnung stammenden einem Freund auf den LKW lud. Ich hätte gelogen, es wäre ihr Ofen gewesen. Ich ein Lügenbold? Frechheit! Immer wenn sie an mir vorbei gehen, erwarten sie, dass ich meinen Entschluss, nicht zu grüßen, revidieren möge. Nie im Leben, sie werden sich daran gewöhnen müssen – da bin ich nachtragend, die Zeit heilt eben doch nicht alle Wunden.

Überhaupt spielt die Zeit eine gewichtige Rolle im Bezug auf Lügen oder Nichtlügen. Wenn meine Frau sagt, dass sie dringend neue Winterschuhe braucht, hat das im Regelfall noch ein paar Monate Zeit, aber wenn meine Tochter oben genannten Satz sagt, hat das keine Minute mehr Zeit. Während die eine also nur sagen will, dass sie endlich ein paar neue Schuhe braucht, ist es bei der Anderen eine normale körperliche Reaktion auf ihr innerstes Bedürfnis. Wer hat gelogen? Was gestern Lüge war, ist heute Wahrheit und umgekehrt – verrückte Welt.

Nach langer Zeit erfahren wir jetzt, dass der Anlass des Vietnam-Krieges (Tonkin – ihr erinnert euch) ein Fake war, sprich gelogen. Bei der Sache haben nur mal eben drei Millionen Vietnamesen ihr Leben gelassen, da hätte man eigentlich gedacht, dass da jemand genauer nachfragt.

Aber irgendwie vergisst man schnell.

Im Irak gab und gibt es keine Massenvernichtungswaffen, die Kriegsfürsten haben sich bei der Analyse der Fakten und Informationen geirrt und mal so eben ein paar tausend Iraker abgemurkst – und murksen noch bis heute. Von Lüge redet hier keiner. Böses Wort das – und vor allem justiziabel. Heißt also, weil man eventuell den nur die Wahrheit Sagenden einen Strick draus drehen könnte, wenn sie sagen: »Bush hat gelogen«, kneifen sie den Schwanz ein und reden von »falsch interpretierter Faktenlage« oder irgendwelchen ähnlichen Konstrukten.

Allemal super gelogen.

Lügen an sich ist ja auch nicht sooo schlimm, sondern bequem und macht das Leben leichter (klingt wie Werbung für Sportsocken).

Bush hat gelogen: Uran aus Afrika – alles Quark. So what?

Kohl hat gelogen: »Enteignung war Gorbis Idee!« Na und?

Schröder nimmt's mit der Wahrheit nicht so genau. Kann uns doch egal sein? Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst!

Merkel und Morsleben? Damals alles ok. Heute kostet die Sanierung 2 Milliarden Euro.

Meine Steuererklärung entspricht nicht ganz den Tatsachen – oha, wer will das wissen?

Also immer und überall zu lügen würde doch zur Katastrophe führen, aber immer die Wahrheit zu sagen ebenso. Ich stelle es mir gruselig vor. Das kann ich doch nicht sein, der da antwortet? Auf »Guten Morgen« antworte ich »Du mich auch«. »Gut geschlafen?« beantworte ich mit »Wenn die Gören nicht die Nacht zum Tag gemacht hätten – vielleicht«. Nach »Möchtest du auch einen Kaffee?« entfleucht mir »Lass die Plörre mal lieber in der Kanne«. »Papa, ich möchte vom Weihnachtsmann einen neuen Computer«, entlockt mir »Ich wäre schon froh, wenn du den Alten gezielt einschalten könntest.« Die Stimmung ist dahin, die Harmonie gestorben, alle vergrätzt, die Frau empört, die Kinder heulen – ein schöner Tag halt. Schweißgebadet wache ich auf. Schlaftrunken nehme ich die Worte fast nicht wahr: »Schatz, möchtest du einen Kaffee?«



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Holger Uhlig

Geboren 1968 in einem kleinen Städtchen namens Schleiz im Herzen Thüringens. Nach der Grundausbildung in Marxismus-Leninismus gelang ihm 1989 der Sprung über die damals immerhin schon eine Woche [..]

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