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13.01.21

Holger Uhlig

Liebe Aluhüte, Querdenker und Coronaleugner,

ihr demonstriert also für unsere Freiheitsrechte? Gegen Beschränkungen, Maskenpflicht und Lockdown. Weil Corona eine internationale Verschwörung der Impflobby ist und eigentlich wie Grippe. Alternativ gibt es Corona gar nicht? Echt jetzt?

Ich bemängle auch einiges an der Coronastrategie unserer Regierung. Das Fehlen von Pflegekräften (mehr Geld wäre hilfreich), das Fehlen von klinischem Verbrauchmaterial (etwas Planung wäre hilfreich) oder das Freidrehen von einigen Ministerpräsidenten (einfach mal die Fr… halten, wäre hilfreich). Das läuft nicht rund.

Maskenzwang, wow, was für eine Einschränkung, Lockdown, wow, wie schlimm. Für viele Gewerbetreibende und Unternehmen ist es schlimm, aber darum geht es euch nicht. Ihr wollt endlich wieder feiern. Das geht aber nicht mehr, unbegrenzt Einkaufen auch nicht, Freunde treffen ebenso nicht. Unter euch gibt es doch tatsächlich Zeitgenossen, die glauben, Corona wäre nur ein großer Fake, alles hochspielt und übertrieben. Ihr haltet also die Angst vor Corona für lächerlich?

Als ich gestern Abend einkaufen war, machte eine Frau vor dem Supermarkt um mich einen gefühlten Bogen von 5 Metern. Beim Versuch an Einkaufswagen im Markt vorbeizukommen musste ich aufpassen nicht die rote Zone (gefühlt 3 Meter Durchmesser) um den Wagen zu verletzen. Ich konnte gerade noch eine Einkaufwagenberührung verhindern – bitterböser Blick inklusive. Eine Übertragung unter Einkaufswagen ist (zumindest Stand heute) noch nicht nachgewiesen worden. Das ist lächerlich.

Angst ist nie lächerlich. Ja, absoluten Schutz gibt es auch nicht, aber Maske tragen und Abstand halten hilft. Der Verlauf einer Infektion ist meist harmlos. Er führt aber immer öfter bis zum Tod – auch von jungen Menschen. Nun, wir alle müssen sterben, werdet ihr einwenden. Stimmt, aber muss es denn gleich jetzt sein? Seid ihr echt so zynisch?

Was das wirklich bedeutet, hinterfragt eure »betrifft mich nicht«– Fraktion nicht.

Täglich sterben Menschen ohne Corona – und täglich sterben Menschen an Corona. Die Kümmelspalter unter euch werden jetzt einwenden, sie sterben nicht an, sondern mit Corona. Geschenkt. An vielen Krankheiten sterben die Menschen nicht direkt, sondern an den Folgen, die diese für ihre Körper haben.

Menschen sterben und das hinterlässt eine tiefe Lücke bei ihren Hinterbliebenen. Hier gibt es nichts zu reparieren und es wird auch nichts wieder gut. Der Mensch, den man heute noch liebte, umarmte und küsste ist dann unwiederbringlich weg. Einfach so – Frau ohne Mann, Kinder ohne Vater oder Mutter, Mann ohne Frau – das geht schnell.

Plötzlich ist der Tod nicht mehr nur der Sonntagabend im Tatort, sondern real im eigenen Wohnzimmer angekommen.

Meine Frau ist vor drei Jahren – nicht an Corona – gestorben und wir haben sie 5 Tage vor Weihnachten beerdigt. Sie war morgens quicklebendig und gut gelaunt und abends tot. Nie werde ich den Schmerzschrei meiner Tochter vergessen, als sie im Hausflur zusammenbrach nach dem Satz von mir »Mama ist tot«.

Was will man einem Kind auch Schlimmeres sagen, als »Mama ist tot« oder »Papa ist tot«? Morgens noch mit Kuss verabschiedet, am Abend tot, einfach so, plötzlich und ohne Vorwarnung. Dann geht man für Monate, vielleicht Jahre in ein Tal der Tränen und nichts ist mehr so, wie es mal war. Das gewohnte Leben läuft aus dem Ruder. Man hadert mit sich und der Welt, versteht die selbige nicht mehr, schottet sich ab und lebt in einem Paralleluniversum, dass nur langsam wieder mit der Realität Schnittmengen bekommt.

Wenn ihr Kinder habt, könnt ihr ja einfach mal den Satz »Mama ist tot« dreimal langsam laut aussprechen und schauen, was es mit euch macht. Alternativ nehmt den Namen des wichtigsten Menschen in eurem Leben. Wenn ihr dann immer noch sagt »Wir müssen alle mal sterben« dann ist euch nicht mehr zu helfen, dann kann ich nur wie Volker Pispers fragen: »Wie steigert man eigentlich Arschloch?« Aber so seid ihr nicht, ihr denkt nur, eure privaten Probleme hätten etwas mit Corona zu tun. Sie werden aber nach Corona immer noch auf euch warten.

Also Freunde des gepflegten Aluhutes, denkt nach und nicht quer, setzt eure Masken auf und bleibt zu Hause – wenn schon nicht für euch, dann wenigstens für eure Lieben.

Ich gäbe alles dafür, meine Frau heute in die Arme nehmen zu können.



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Holger Uhlig

Geboren 1968 in einem kleinen Städtchen namens Schleiz im Herzen Thüringens. Nach der Grundausbildung in Marxismus-Leninismus gelang ihm 1989 der Sprung über die damals immerhin schon eine Woche [..]

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