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12.07.11

Christoph Wesemann

Comeback-Kolumne: Oleg und die Leokonservativen

»Kann man euch denn nicht mal eineinhalb Jahre allein lassen?«, habe ich heute meinen Freund Oleg gefragt. Ja, vielleicht hat die Geschichte der Männerfreundschaften schon romantischere Wiedersehenssätze gehört. Andererseits: Mit Romantik hatten Oleg und ich es ja noch nie.

Oleg fragte zurück: »Was meinst du? Und vor allem: Was willst du in Odessa?«
»Es sind doch nur zwei Wochen.«

Was soll ich sagen? Ich war ja nie richtig weg. Ich habe mich seit meinem Abschied im November 2009 immer wie ein halber Odessit gefühlt. Mir fehlt die Stadt, ich weiß nicht genau, warum, es ist bloß so ein Gefühl. Denke ich an Odessa, passiert was in meinem Körper, ich spüre dann eine Art Stich oder ein Ziehen, irgendwo zwischen Kehle und Bauchnabel. Wahrscheinlich werde ich nur alt und sentimental.

Wenn ich an Berlin denke, wo ich jetzt lebe, sehe ich mich zur Arbeit radeln und die Hasen im Tiergarten herumhoppeln. Neulich habe ich dort einen Fuchs gesehen und es gleich allen Leuten erzählt. In Odessa hätte ein Fuchs in meinem Auto angeschnallt auf dem Beifahrersitz hocken und die CD wechseln können – Frau und Kind hätten das irgendwann mal von mir erfahren.

Kleines Kolumnistenkreuzverhör

»Es ist doch alles wie immer bei uns«, sagte Oleg und bestellte sich einen Kaffee.
»Oleg, mach doch mal die Augen auf.«
Oleg riss die Augen weit auf und nickte. »Na gut, fangen wir mal an«, sagte er.
»Womit?«, fragte ich.
»Kleines Kolumnistenkreuzverhör. Erstens: Beschreibe den Bus, der dich und die anderen Passagiere vom Flugzeug abgeholt und zur Passkontrolle gefahren hat.«
»Ich würde sagen: gelber Schwitzkasten, gezogen vom Führerhaus eines sehr alten Trucks.«
»Zweitens: Wie lange hat die Passkontrolle gedauert?«
»Eine Ewigkeit.«
»Drittens: Wie lange hast du danach noch auf deinen Koffer gewartet?«
»Eineinhalb Ewigkeiten.«
»Viertens: Mit welchem Wort würdest du den Taxifahrer charakterisieren, der dich vom Flughafen weggebracht hat?«
»Nur ein Wort, Oleg?«
»Nur ein Wort, Kolumnist.«
»Gauner.«
»Fünftens: Beschreibe Odessas Straßen mit einem Wort.«
»Oleg, was soll das?«
»Ich stelle hier die Fragen. Also?«
»Löchrig.«
»Sechstens: Was mit Odessas schönen Frauen?«
»Kein Kommentar, Frau liest mit.«
»Siebtens: Was ist mit den Preisen?«
»Alles wird immer teurer, Oleg. Der Kaviar ist inzwischen in Berlin billiger als hier.«
»Na, du hast Sorgen, egal. Achtens: Wie ist übrigens das Wetter? Regnet's? Ungewöhnlich kühl für Mitte Juli, findest du nicht?«
»Die Hitze bringt mich um. Ich flüchte vor der Sonne.«
»Neuntens, Schattenmann, vorletzte Frage: Was haben früher die Kassiererinnen in den Geschäften gemacht, wenn sie gerade etwas anderes zu tun hatten als arbeiten?«
»Sie haben das Schild Technische Pause vor die Kasse gestellt.«
»Und zehntens: Was machen die Verkäuferinnen heute, wenn sie gerade etwas anderes zu tun haben als arbeiten?«
»Schon gut, Oleg.«
»Du willst mir einreden, es habe sich bei uns was verändert, Comeback-Kolumnist. Ja?«

Ich hatte mit Oleg eigentlich ernsthaft über die politische Situation im Land nach dem Machtwechsel reden wollen. Seit dem 25. Februar 2010 ist Viktor Janukowitsch Staatspräsident. Ich habe die Ukraine seit meiner Rückkehr nach Deutschland, zugegeben, ein bisschen aus dem Blick verloren. Was in der Zeitung stand, habe ich natürlich gelesen. Es waren meist nur wenige Meldungen. So viel ist offenbar nicht mehr los in der Ukraine, seit ich weg bin.

Oma Julia

Wenn doch mal berichtet wird, geht es um drei Personen: um Klitschko, den Jüngeren, um Klitschko, den Älteren, und um Julia Timoschenko, die einstige Regierungschefin. Die schöne Julia trägt nicht mehr nur ihren berühmten Haarkranz, sondern jetzt manchmal auch eine Brille, die an ihr eher unvorteilhaft aussieht. Es ist mit Julia wie mit Oma: Ich sehe sie selten, und ich sehe sie deshalb altern.

Jedenfalls wird Timoschenko in Kiew gerade der Prozess gemacht, es geht um Amtsmissbrauch beim Abschluss eines Gaslieferabkommens mit Russland im Jahr 2009. Ich kann nicht beurteilen, ob die neuen Machthaber Timoschenko tatsächlich ins Gefängnis bringen wollen, um sie so für immer auszuschalten. Ich weiß auch nicht, ob der neue Präsident alle oppositionellen Kräfte im Land einschüchtern und die Meinungsfreiheit brechen will. Ich weiß nur: Um ein Land, in dem ausgerechnet jemand wie Janukowitsch den Anti-Korruptionskämpfer gibt, müsste man sich schon Sorgen machen.

Ein bisschen verstehe ich sogar, warum es Oleg kaum juckt, dass eine Politikerin, die in den neunziger Jahren auf dubiose Art schwerreich geworden ist, gerade ungerecht behandelt wird und eine »Justizfarce« erlebt, wie die Neue Zürcher Zeitung klagt. Noch der größte Verbrecher sollte das Recht auf einen fairen Prozess, schon klar, sehe ich genauso. Doch wenn alle drei bis vier Jahre ein anderer Politiker oben ist und den, der gerade unten ist, zur größten Gefahr des Landes erklärt, kann man als Bürger vielleicht auch abstumpfen und denken: Das klären die schon untereinander.

Und ich habe ja auch gerade genug andere Probleme: Mein Körper assimiliert sich nur zögerlich, ja er benimmt sich, als hätte ich ihn vom Berliner Winter direkt in die Sahara geschickt. Ich kann gar nicht so viel saufen, wie ich schwitzen muss. Einerseits hat es vielleicht damit zu tun, dass das kleine Mädchen vor zwei Jahren, wenn wir durch Odessa spaziert sind, immer im Kinderwagen saß – und jetzt auf meinen Schultern. Andererseits empfinde ich Odessa tatsächlich als anstrengend. Es ist so wahnsinnig laut, überall. Wenn die Fußgängerampel auf grün umspringt, gehe ich nicht los, sondern warte, bis die Autos wirklich gehalten haben. Und weil plötzlich alles wieder so furchtbar langsam geht, ob ich nun einkaufe oder mit dem Bus fahre, werde ich schnell ungeduldig.

Oleg hatte seinen Kaffee ausgetrunken, morgen Abend würden wir uns – der alten Zeiten wegen – vielleicht mal wieder mit Wodka duellieren. Aber das eine musste jetzt noch raus, ein letzter Versuch.

»Oleg, euer Ex-Verteidigungsminister ist in Untersuchungshaft und hat einen mehrtägigen Hungerstreik hinter sich.«
»Euer Ex-Verteidigungsminister ist auch verschwunden, scheint mir. Oder irre ich? Gab es bei dem nicht auch irgendwas zu untersuchen?«
»Ach Oleg, du hast mir gefehlt.«
»Ich kann nicht erkennen, dass ihr besser regiert werdet als wir«, sagte er. »Ihr kriegt es ja nicht mal hin, eure Leo-Panzer vernünftig an die Saudis zu vertickern

Ich schwieg. Die Kanzlerin will's doch so.



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Christoph Wesemann

Galt nach seinem heldenhaften, 18 Monate dauernden Überlebenskampf in der Ukraine – Korruption, Wodka, Kind Nummer 2 – für eine Weile (2009-2012) als verschollen. Hielt sich aber an [..]

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