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21.06.09

Christoph Wesemann

Oleg und das Kolumnistenketchup

Foto: Ketschup

Cheinz

Foto von Christoph Wesemann

Heute hat mich Oleg angerufen. Er war mal wieder extrem aufgeregt, wie er das fast immer ist, wenn er mich anruft. Ich habe so einen Verdacht: Entweder ruft er mich an, um sich aufzuregen, oder er regt sich auf, um mich anzurufen. Zunächst plauderte er ein bisschen über die Hitze in Odessa, dann erzählte er etwas von 23 Klimmzügen an seiner Klimaanlage, wobei ich nicht weiß, ob ich Oleg richtig verstanden habe, irgendwann unterbrach ich ihn und fragte, was er eigentlich wolle.
»Kolumnist, ich hab 'ne gute Nachricht«, sagte er und machte eine ewige Pause, »'ne verdammt gute Nachricht, ich weiß, wo es Ballpumpen ...«
»Mach's nicht spannend, wo muss ich hin?«
»Lass mich doch ausreden: wo es Ballpumpen gab
»Mist. Was ist die gute, verdammt gute Nachricht?«
»Naja, ich habe die letzten zwei bekommen.«
»Toll, dann kannst du mir ja eine Pumpe abgeben«, sagte ich.
»Was bietest du?«
»Hör mal, Oleg, ich bezahle den Preis, den du bezahlt hast, und vielleicht spendiere ich dir noch ein Bier.«
»Vergiss es«, sagte er.
»Wie bitte?«
»Dann behalte ich beide Ballpumpen.«
»Gut, was verlangst du?«, fragte ich. »Sag schon!«
»Zufällig weiß ich, dass der Kolumnist dieses weltberühmte Ketchup…«
»Oleg, das ist gemein. Ich bin durch zwanzig Supermärkte gelaufen, überall in der Stadt.«
»Stell dich nicht so an.«

Im Grunde brauche ich keine Ballpumpe. Ich besitze zwar einen Fußball, er ruht aber seit fünfeinhalb Monaten ungetreten in der Einkaufstüte. Die Ballpumpe ist zum Symbol für Dinge geworden, die ich in Odessa suche, aber nicht finde. Ich habe bislang unter anderem gesucht:

Noch gern erinnere ich mich auch an den Tapeziertisch, den ich als Schreibtisch benutzen wollte, weil mir kein Schreibtisch gefiel, der mir gezeigt wurde. Die Männer, die auf Odessas Märkten Holz zurechtsägen, schauten mich an, als trüge ich ziemlich großes, dickes Brett vor dem Kopf.
»Ich will einen Tapeziertisch«, sagte ich.
»Ich verstehe nicht.«
»Ich brauche einen Tisch, um zu tapezieren.«
»Ich verstehe nicht.«
»Egal, ich will den Tapeziertisch sowieso als Schreibtisch benutzen.«
»Ich verstehe nicht.«
»Ich brauche eine Holzplatte, die müssten Sie mir sägen, und zwei Böcke, damit die Platte nicht in der Luft schweben muss.«
»Brauchen Sie jetzt einen Schreibtisch oder dieses andere Ding? Und welche Böcke überhaupt? Ich verstehe nicht.«
Als ich mich bei Oleg beklagte, sagte er nur: »Tapeziertische, so was haben wir nicht.«
»Und wie wird bei euch tapeziert?«
»Wir legen die Tapete auf den Boden.«
»Aber der ist doch schmutzig«, sagte ich.
»Herrgott, dann wischt man eben erst den Boden und tapeziert dann.«

Ich werde mich nicht beklagen. Ich habe zuletzt ein paar Wochen in Deutschland gelebt, genauer gesagt: in einer ostdeutschen Kleinstadt mit schlimmer Rasenmäherromantik. Mittag für Mittag zwischen eins und drei, außer natürlich am Wochenende, schoben kurzhaarige Männer in kurzen Unterhemden und kurzen Hosen brummende Ungetüme durch Vorgärten. Nicht nur die Männer, auch die Vorgärten sahen gleich aus: hier ein paar Büsche, dort ein spindeldürres, bulimiekrankes Bäumchen, das kaum Schatten spendet, und ringsum eine akkurate Hecke auf Genitalbereichshöhe. In Deutschland werden sogar Mülltonnen abgeschlossen. Nach meiner Rückkehr habe ich mich gleich wieder ein bisschen in Odessa verliebt.

Ich sehe, wie Männer auf dem Bürgersteig ihr Auto mit einem Schwamm putzen und das Wasser nicht aus einem Schlauch, sondern aus einer alten Wasserflasche holen. Daneben wachsen Gasleitungen aus dem Boden. Ich erfreue mich an der Verkäuferin im Supermarkt, Heldin der Anarchie, die während des größten Kundenansturms vor sich ein Schild mit der Aufschrift »Technische Pause« aufstellt und dann nur einer Beschäftigung nachgeht: Sie versucht nicht einzuschlafen. Ich mache auch wieder Fehler, die ich längst abgestellt hatte. Zum Beispiel rufe ich ein Taxi, um im Regen halbwegs trocken nach Hause zu gelangen, und kriege den Mund nicht mehr zu, wenn die Frau in der Zentrale sagt: »Hören Sie mal, junger Mann, es regnet. Wo soll ich jetzt ein Taxi auftreiben?« Am Strand liegt natürlich noch der Schmutz vom Sommer '08, wobei ich mich aus gewissen Gründen nicht auf ein Jahrhundert festlege. Ach ja, verziehen sich eigentlich Zimmertüren aller Nationalitäten zwischen Winter und Frühling? Oder ergeht das bloß meinen ukrainischen so?

Foto: Baustelle

Baustelle

Foto von Christoph Wesemann

Nicht einmal der Baulärm stört mich mehr, der mich seit März begleitet. Am Anfang arbeiteten auf dem Hof drei Vierzehnjährige. Ihr Arbeitstag begann um halb eins und endete um acht, was am Wochenende zwangsläufig dazu führte, dass sie hämmerten und stemmten, schleiften und bohrten, während ich Mittagsschlaf machen wollte. Ihre Nachfolger dürften immerhin schon beinahe volljährig sein. Sie fangen noch ein bisschen später an, und wenn ich abends um halb neun frage, ob sie vielleicht Schluss machen könnten, weil meine Kinder schlafen wollten, empfehlen sie mir, deren Tagesablauf einfach umzustellen. Ich habe noch immer keine Ahnung, was sie eigentlich errichten oder vernichten - ich weiß nur, dass ich in den all den Monaten noch nicht einmal eine Wasserwaage oder einen Zollstock gesehen habe. Wahrscheilich würde mich das noch mehr amüsieren, wenn die vielen Steine und Balken, die nach draußen geschafft werden, nicht von dem Teil des Hauses unter meiner Wohnung stammten.

»Was ist nun?«, fragte Oleg. »Kolumnistenketchup gegen Ballpumpe, kommen wir ins Geschäft?«
»Ja.«
»Dann morgen um zehn an der großen Treppe, aber keine miesen Tricks, du kommst allein.«

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Christoph Wesemann

Galt nach seinem heldenhaften, 18 Monate dauernden Überlebenskampf in der Ukraine – Korruption, Wodka, Kind Nummer 2 – für eine Weile (2009-2012) als verschollen. Hielt sich aber an [..]

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