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26.09.12

Christoph Wesemann

Mit Gene Hackman in Escobar

Der Abschleppwagenfahrer Claudio ist Ende dreißig und noch nie im Urlaub gewesen. Im Sommer 2013, wenn er nach 17 Jahren endlich sein Haus fertiggebaut hat, soll es so weit sein. Vielleicht Mar del Plata. Die Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner mag er nicht. Von seinem Lohn, erzählt er, bleibe zu wenig übrig, weil die Steuern stiegen und stiegen. Ganze Familien lebten in Argentinien seit Generationen von Staatshilfe – also auch auf Kosten des Abschleppwagenfahrers. Wie einst Evita Perón verteilt Kirchner das Geld an die Armen und Bedürftigen. Die Präsidentengattin Evita hat so seinerzeit den Staatshaushalt ruiniert. Und die Präsidentingattin Cristina, die Präsidentin geworden ist? »Alle Leute, die arbeiten, hassen sie«, sagt Claudio. Er hat eine 17 Jahre alte Tochter.

Man lernt diesen Abschleppwagenfahrer übrigens kennen, indem man nach Escobar fährt, weil die Kinder den »Bioparque Temaiken« besuchen wollen. Escobar ist ein Städtchen in der Provinz Buenos Aires, 60 Kilometer weit weg von der Haustür, also eineinhalb Stunden entfernt. (Wenn Sie auf Staus stehen, fahren Sie bitte spätestens um zwölf Uhr los. Zu früh natürlich auch nicht.) Wenn Sie glauben, noch ein bisschen Zeit zu haben, weil zwei der drei Kinder mit dem Bus ihrer Russisch-Sprachschule unterwegs sind und sicher länger brauchen, halten Sie doch bei diesem amerikanischen Schnellrestaurant am Ortseingang von Escobar.

Ja, es ist ein bisschen kompliziert, einen Parkplatz zu finden, aber nehmen Sie einfach den mit dem Verbotszeichen auf dem Asphalt, der ist ja frei. Jetzt schnell rein, Stau macht hungrig, puuuh, ist das voll und laut und eng. Und als man endlich bestellen will, kommt der Sicherheitsmann. Schwarze Uniform. Man hat ihn schon beobachtet, wie er ums Auto herumgeschlichen ist, um zu gucken, ob jemand drin sitzt. Jetzt sucht er drinnen, und natürlich findet er den Fahrer.

Sein Blick sagt: Netter Versuch, Fremder. Er sieht aus wie der großartige Schauspieler Gene Hackman. »Nächste Straße rechts rein«, sagt er. »Dort gibt’s genug Parkplätze.«

Doch das Auto will nicht weg. Die Lenkung ist blockiert. Gene Hackman ist gleich zur Stelle, hält sich aber mit Ratschlägen zurück. Ah, auf der anderen Straßenseite poliert ein junger Escobarer seinen Renault. Tachchen. VW-Autohaus, VW-Vertragswerkstatt, irgendeine Mechanikerbude mit einem Kerl im Blaumann – noch was geöffnet im hübschen Escobar am Sonnabendnachmittag? Glaubnicht-Kopfschütteln. Anruf bei Papa. Weiter den Renault polieren. Schulterzucken. Ein Papa ohne Idee. Die Schwester telefoniert. Gelbe Seiten? Gibt’s doch nur für Buenos Aires!

Aber unser junger Freund kommt mit zum Parkplatz, will mal gucken und wartet geduldig, bis man – nee, das ist der Tank – den Motorhaubenvoröffnerhebel im Wageninneren gefunden hat. Er zupft an ein paar Kabeln und murmelt was mit »agua hidráulica« – man versteht also schon mal mehr als bei deutschen Mechatronikern. Man selbst könnte jetzt schon wieder was essen. Außerdem ist es wirklich eine Affenhitze auf diesem Parkplatz. Tja, aber wenn man sich als Mann jetzt absetzt und die Frau samt Baby am Auto zurücklässt – nein, das wäre nicht so gut. Argentinien, das ist – auch mit einer Präsidentin – noch immer ein Land des machismo.

Gene Hackman flirtet mit dem Baby und schleppt dann seinen Kollegen ran. Ein Paar gesellt sich auch dazu. Die junge Frau hat eine Freundin in Frankfurt und präsentiert ihre Deutschkenntnisse: »Wie geht es dir? Ich heiße Isabella. Wie heißt du? Ich habe Langeweile. Herzlich willkommen!« Ein Abschleppwagen muss her, der das Auto zurück nach Buenos Aires bringt. Isabellas Freund telefoniert mit seiner Schwester. Sie findet – die Welt ist eine Google – im Internet eine Firma und gibt die Telefonnummer durch. Der Bruder verhandelt minutenlang und drückt am Ende den Preis.

Gene Hackman hat Feierabend, ist umgezogen und geht trotzdem nicht nach Hause. Er holt vom Kiosk gegenüber noch ein paar Telefonnummern von Abschleppdiensten. Zu spät. Aber das Baby liebt ihn längst.

»Der Abschleppwagen kommt in 20 Minuten«, sagt Isabellas Freund. Das Paar aus Escobar verabschiedet sich. Gene Hackman bleibt, bis der Wagen aufgeladen ist, steckt für alle Fälle Claudios Visitenkarte ein und bringt den Deutschen – sicher ist sicher – noch zum Taxistand. Ach, man muss ja jetzt zum »Bioparque Temaiken«, wo zwei Kinder mit 30 argentinisierten Russen wilde Tiere gucken.

Dreimal ruft er »17!«, was so viel bedeutet wie: Das ist der Fahrpreis. Lass dich nicht abzocken.

Zum Abschied nach zweieinhalb Stunden ein Kuss auf die Wange.

Danke.

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Foto: Christoph Wesemann

Christoph Wesemann

Galt nach seinem heldenhaften, 18 Monate dauernden Überlebenskampf in der Ukraine – Korruption, Wodka, Kind Nummer 2 – für eine Weile (2009-2012) als verschollen. Hielt sich aber an [..]

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