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19.03.10

Katrin Wiegand

Ich sauge, also bin ich

Pünktlich zum frühlingshaften Wetter und dem Sonnenschein, der neuerdings wieder durch unsere putzbedürftigen Fenster fällt, ist das Thema Staub und dessen Entsorgung aktueller denn je.

(Dies, meine Damen und Herren, ist ein Paradebeispiel, wie man einer Kolumne, die seit Wochen unfertig auf der Festplatte dümpelt, durch einen geschickt vorangestellten Satz den Anschein der Aktualität verleiht. Lesen Sie, lernen Sie!)

Sie finden staubsaugen lästig? Die Wörter »Staubsauger« und »Spaß« haben Sie noch nie sinnvoll in einen Satz integriert? Wenn es irgendwie möglich wäre, würden Sie gerne eine sogenannte »Perle« mit dieser Aufgabe betrauen? Bevor Sie dafür Geld zum Fenster hinauswerfen, atmen Sie auf: Ihnen kann geholfen werden.

Erster Schritt: Selbsterkenntnis. Sie machen es offenbar nicht richtig. Ja, ich weiß schon, es bedarf keines großen Geistes, das Gerät zu bedienen und die Wohnung von Staub und Dreck zu befreien. Auch handwerkliches Geschick oder herausragende Fingerfertigkeit ist nicht vonnöten. Niemand hat schließlich je von einer Staubsaug-Akademie gehört oder jemanden getroffen, der sich als Saug-Azubi im 3. Lehrjahr bezeichnet hätte.

Trotzdem gibt es viele hilfreiche Tipps, die ich Ihnen hier ganz exklusiv ans Herz legen kann, damit das Staubsaugen auch für Sie eine befriedigende, erfüllende und abwechselnd meditative oder orgiastische Erfahrung wird.

Das A und O des glückvollen Saugerlebnisses ist die schlichte Masse an einsaugfähigem Material. Wer dreimal täglich das Saugrohr durch die Wohnung führt, gibt dem Dreck keine Chance sich zu entwickeln. Er wird niemals das befriedigende PFLOPP vernehmen, mit dem große Staubflusenanballungen im Rohr verschwinden. So wie ein Töpfer, der am Ende eines Arbeitstages das von seinen eigenen Händen geschaffene Werk in den Händen hält, so verschafft auch dem wahrlich Dreckaufsaugenden die Arbeit eine Befriedigung, die heutzutage den wenigsten von uns im Berufsleben zuteil wird. Was ist das virtuelle Bilanzenverschieben oder das ermüdende Kundengespräch gegen das direkt erfahrbare Gefühl, wenn die Haarklumpen einem zwischen den Fingern durch das Rohr geblasen werden. Sorge dich nicht, sauge!

Für das optimale und erfüllende Ergebnis beherzigen Sie folgende Ratschläge:

  1. Saugen Sie so selten wie möglich. Wer bislang täglich zum Gerät gegriffen hat, sollte sich langsam entwöhnen und die Saugabstände stetig erweitern. Geben Sie dem Dreck eine Chance. Vielleicht machen Sie daraus ein lustiges Spiel mit ihrem Partner: wie lange kann man die Wohnungsbesaugung hinauszögern, bis einer von Ihnen letztlich aufstöhnt: »Himmel, die Bude versifft total!« Wer hier als erstes einknickt, hat verloren und darf zur Strafe NICHT saugen.
  2. Das »Draußen« ist Ihr Freund! Werfen Sie Ihre Fußmatte weg und tragen Sie Ihre Straßenschuhe möglichst lange noch in der Wohnung. Verbieten Sie Ihrem Besuch, sich die Schuhe auszuziehen. Sie werden dadurch in der Beliebtheit als Gastgeber steigen, glauben Sie mir. Laufen Sie draußen vermehrt durch Kies und Sand. Ihre Einfahrt ist geteert, der Vorplatz gepflastert? Ziehen Sie um! Merksatz: nur ein krümelaffiner Parkplatz ist ein guter Parkplatz.
  3. Empfangen Sie selten Besuch. Entweder sind Sie schwach und putzen vorher eben doch noch durch die Wohnung, obwohl der größtmögliche Saugabstand noch nicht erreicht ist, oder Ihr Ruf im Bekanntenkreis ist bald ruiniert. (»Bei den Müllers ist es so dreckig, da gehen wir nicht mehr hin.«)
  4. Prüfen Sie Ihre Bodenbeläge. Teppiche sollten Sie rausreißen, dort verkriechen sich Staub und Krümel und bilden nicht so optisch ansprechende Knäuel wie bei glatten Böden. Aus eigener Erfahrung empfehle ich Laminat. Wollmäuse gehören hier bald der Vergangenheit an, unter der Größe von WollRATTEN sollten Sie den Griff zum Staubsauger nicht mal in Erwägung ziehen.
  5. Schaffen Sie sich ein Haustier an. Hunde und Katzen haaren meist ganzjährig, dass es eine wahre Pracht ist. Bei der Wahl des neuen Hausgenossen gilt es abzuwägen: Hunde bringen meist mehr Dreck von draußen mit herein, wogegen Katzen durch die Streukrümel aus der Katzentoilette punkten. Ach, was soll's: holen Sie am besten beides aus dem Tierheim. Noch ein Punkt zur Wahl der Fellfarbe: weiße Haare sind meist offensichtlicher zu erkennen, allerdings sehen dunkle Fellbüschel bei flüchtigem Blick eher nach richtigem Dreck aus.
  6. Schaffen Sie sich Kinder an. Dies ist mir vertraut aus empirischen Befragungen im Bekanntenkreis: Kinder machen unglaublich viel Dreck. Allerdings sollten Sie hier zuvor Ihren Freundeskreis abklopfen: wenn Sie mit Kind im Haus Ihre Saugabstände möglichst weit ausdehnen, können übereifrige Mitmenschen schon mal zum Hörer greifen und das Jugendamt verständigen. Als Kompromiss: laden Sie Leute mit Kindern ein, und stellen Sie zu deren Unterhaltung einen Sandkasten in Ihrem Garten auf.
  7. Recyclen Sie Staubsaugerbeutel. Somit haben sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie erleichtern Ihr ökologisches Gewissen und verstärken gleichzeitig Ihre Saugextase um ein vielfaches! Warum den vollen Staubsaugerbeutel einfach wegwerfen? Leeren Sie ihn mitten im Wohzimmer aus! Mit einer aufgebogenen Haarnadel werden selbst hartnäckige Verflechtungen aus dem Beutelinneren gezogen. Besonders Kreative legen interessante Muster mit dem neu gewonnen Schmutz ... auch Mandalas sind möglich. Trauen Sie sich!

Diese Kurzanleitung muss fürs erste reichen. Auch mit diesen wenigen Ratschlägen sollte es Ihnen bald schon möglich sein, sich als Da Vinci der Staubentfernung zu fühlen, als Botticelli der Bodenbeläge.

Demnächst an dieser Stelle mehr zu den Themen »Schimmelentwicklung auf ungespültem Geschirr – mehr Mut zur Farbe« und »Nie mehr Fensterputzen – Fotografie als Hobby« (Stichwort Dunkelkammer, Sie verstehen.)

Und jetzt muss ich doch mal sehen, ob ich die Katze wiederfinde. Irgendwo zwischen den Fellbüscheln in der hinteren Wohnzimmerecke habe ich vor Tagen ein Miauen gehört ... Kooomm, Kitty Kitty ...



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Katrin Wiegand

Jahrgang 1972.

Aufgewachsen im Vordertaunus, hat sie es nach zwei Jahren Zwischenstation in Berlin nun ins Ruhrgebiet verschlagen.

Nach Abitur und beruflichen Um- und Irrwegen, die [..]

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