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22.01.08

Katrin Wiegand

Diese Kolumne befasst sich mit »Volk« im ethnischen, nationalen und soziologischen Sinn. Und auch mit Balkonen.

Ich wache morgens auf, und der erste Gedanke, der durch mein Gehirn irrt, ist dieser: Ich brauche einen großen Balkon, damit ich zum Volk sprechen kann.

Von allen Seiten wird dieser Gedanke abgeklopft und schließlich für richtig befunden.

Dann denke ich: Ok! Später.

Der Gedanke wird in die hinteren Gehirnwinkel geschoben, denn es gibt naheliegendere Probleme. Nachdem ich diese im Bad erfolgreich bewältigt habe, klopft eine andere Körperregion bei meinem Gehirn an und bittet um Aufmerksamkeit. »Schnauze, Magen«, erwidert mein Gehirn genervt und widmet sich wieder der allmorgendlichen Herausforderung: dem aufrechten Gang. Der Magen ist aber ein hartnäckiger Geselle und vermag sich sogar akustisch Gehör zu verschaffen. Die linguistisch-orientierte Gehirnregion watscht mich gerade für diesen Satz ab: wie anders als auf akustischem Wege sollte man sich denn Gehör verschaffen können, hm?

Das restliche Gehirn lässt sich vom Magen in die Knie zwingen und setzt diese, samt den daran hängenden Beinen, in Bewegung.

Eine Banane, einen Joghurt und drei kleine Billig-Schokomilchriegel später konzentriere ich mich auf das ursprüngliche Vorhaben dieses Morgens.

Balkon. Zum Volk sprechen.

Ein glücklicher Zufall will es, dass meine Heimstatt über einen Balkon verfügt. Schwungvoll reiße ich also die Balkontür auf und schreite hinaus.

Als ich ein paar Minuten später wieder zu mir komme, liege ich auf dem Boden. Verdammte Altbauwohnung mit ihren Doppelfenstern und –türen.

Nun denn, das Volk hat von diesem kleinen Missgeschick nichts bemerkt. Ich öffne die zweite Tür und trete noch einmal schwungvoll hinaus. Das Gehirn bekommt von allen Seiten und Enden die gleiche und energische Meldung: KALT.

Nun gut, niemand sollte mit Gänsehaut und klappernden Zähnen zum Volk sprechen. Man will ja keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Weitere Minuten vergehen, bis ich vollständig und warm bekleidet bin.

Jetzt aber.

Ich schreite wieder zurück auf den Balkon.

Leise Zweifel schlängeln sich durch die Gehirnwindungen. Groß ist er ja nicht. Der Balkon. Ich ermuntere einige Synapsen, sich in die Diskussion zu stürzen mit dem Thema: »Größe ist relativ – Zwei Quadratmeter sind für Ameisen ein Fußballfeld«" und widme mich wieder meiner Ansprache an das Volk.

Wird es mir zuhören? Wird es begeistert sein? Wird es jubeln? Werde ich es mitreißen können?

Vielleicht sollte ich erstmal winken ...

Ich winke huldvoll zum Volk.

Das Volk winkt nicht zurück. Gerade als ich erbost über soviel geballte Frechheit einige Panzer durchs Volk fahren lassen will, fällt mir auf, dass das Volk unschuldig ist.

Was nicht da ist, kann nicht winken.

Ein guter Satz. Den wird man noch lange nach meinem Tod zitieren.

Das Volk besteht aus einem Baum, diversen Mülltonnen, einigen Fahrrädern und einer Krähe. Oder ist es eine Dohle?

Verdammter Innenhof, denke ich.

Das Vorhaben muss umformuliert werden: Ich brauche ein großes Volk, damit ich vom Balkon sprechen kann.

Gibt es Versandhäuser für so etwas? Immerhin, 1115 Angebote für »Volk« bei ebay. Enttäuschung: selbst ein so verlockendes Angebot wie »Singendes Volk« (wie schön, ein musikalisches Reich), stellt sich doch nur als uraltes Liederbüchlein heraus.

Schock: Angebote für »Panzer« immerhin 4054. Ich stelle ein krasses Missverhältnis fest und beschließe, ebay zu verklagen. Ganz ohne Ansprache.

Morgen dann. Jetzt erst mal eine Tasse Kaffee.

Auf dem Balkon?

Och nö.

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