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»Ich habe noch nie eine Schwangere Ovomaltine trinken sehen« vorgetragen von Kai Schwind
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

23.03.06

Katrin Wiegand

Ich habe noch nie eine Schwangere Ovomaltine trinken sehen

Um gleich eventuelle Spannung herauszunehmen: In diesem Text kommt nicht eine einzige Schwangere vor. Und auch das Wort »Ovomaltine« wird man im Folgenden vergeblich suchen. Ich habe diesen Satz kürzlich gehört und fand ihn inhaltlich und klanglich so schön, dass ich meine, er verdient weitere Würdigung, mindestens die einer Verwendung als Überschrift. Und da ich in absehbarer Zukunft wohl keine Kolumne schreiben werde, zu der dieser Titel sinnvoll passen würde, benutze ich ihn eben sofort und völlig zweckfrei, damit er nicht verkommt. Auch Sätze haben Haltbarkeitsdaten.

Nachdem das also geklärt ist, geht es nun frisch weiter zum eigentlichen Thema: Geburtstage.
Geburtstage können vieles sein: Ein schwieriges Thema. Kompliziert. Tückisch. Und nicht selten eine Gratwanderung voller Fallstricke.
Also, es soll nicht der Eindruck entstehen, ich hätte etwas gegen Geburtstage. Dies ist mitnichten der Fall. Gegen meine eigenen sowieso nicht, auch wenn ich langsam in das Alter komme, wo die Anzahl der Kerzen auf dem Kuchen doch eher die Assoziation »Wohnungsbrand« hervorruft und ich mir überlege, mir spätestens zum nächsten Geburtstag einen Feuerlöscher zu wünschen. Aber trotzdem: Geburtstage sind toll! Liebe Freunde kommen zu Besuch und man bekommt Geschenke und alle haben Spaß. Also eine richtig runde Sache, nichts daran auszusetzen.
Ok, bis auf das leidige Thema der Gästewahl. Selbst die gutherzigsten und menschenfreundlichsten Zeitgenossen kennen Leute, ohne deren Gesellschaft der Tag kein Stückchen ärmer wäre, die aber aus vertrackten zwischenmenschlichen (Ab-)Gründen doch eingeladen werden müssen. Gut, und natürlich muss man vorher durch die Wohnung feudeln, denn man möchte nicht den übelsten Eindruck hinterlassen, gerade bei Gästen, die sonst eher selten zu Besuch kommen und das alltägliche Durcheinander nicht kennen. Unschön ist auch, dass man nach der Feier nochmal genauso viel Arbeit damit hat, aufzuräumen und zu putzen, wie vorher, denn: wie gesittet die Gäste auch seien mögen – Dreck machen sie alle.

Aber wie gesagt: einmal im Jahr sollte das zu verkraften sein und hinterher sagt man jedes Mal: »Ach, war doch wieder schön.«
Schwieriger sind da Geburtstage anderer Leute.
Manchmal wird man aufgefordert (oder bietet es leichtsinnigerweise sogar selbst an), etwas zum kulinarischen Teil des Abends beizutragen. Sehr hilfreich ist es da, wenn der Gastgeber gut organisiert ist und einzelnen Leuten mitzubringende Speisen zuteilt. Ansonsten besteht durchaus die Gefahr der Doppelungen, und sicher bin ich nicht die einzige, die schon Partys erlebt hat, an denen man zwar unter 13 nahezu identischen Kartoffelsalaten wählen konnte, sich ansonsten aber mit Chips und Salzstangen begnügen musste.
Klassisch sind im Sommer auch Grillpartys, zu denen geladen wird mit dem Hinweis: Bitte das eigene Grillgut mitbringen! Hier läuft es fast immer darauf hinaus, dass die unter dem eilig aufgebauten Partyzelt versammelte Gästeschar (denn natürlich hat es angefangen zu regnen, kaum dass die erste Eierkohle verheißungsvoll glomm) sich aufteilt in zwei Gruppen: diejenigen, die soviel Fleisch und Wurst eingepackt haben, als wollten sie einen Rekord im 14-Tage-Dauergrillen aufstellen, versorgen diejenigen, die den Hinweis völlig übersehen haben und mit leeren Händen aufgetaucht sind. Letztere sind aber dankenswerter Weise meist die ersten, die zur nächsten Tankstelle aufbrechen, sollten dem Gastgeber die Getränke ausgegangen sein.

Was aber wirklich anstrengend an Fremd-Geburtstagen sein kann, ist die Auswahl des passenden Geschenks. Nicht grundsätzlich. Es gibt Mitmenschen, die können gar nicht so oft im Jahr Geburts-, Namens- oder sonstige Tage haben, wie mir eine passende Gabe für sie einfiele.
Bei anderen steht man noch einen Tag vor der Feier ratlos im Einkaufsparadies und zerbricht sich den Kopf. Und das hat interessanterweise oft gar nichts damit zu tun, wie eng man befreundet ist oder wie gut man sich kennt. Es gibt einfach leichter Beschenkbare und schwerer Beschenkbare.

Zu letzter Kategorie gehören unzweifelhaft auch Eltern. Zumindest, sobald man aus dem Alter raus ist, in welchem noch selbstgemalte Bildchen oder aus Holz-Wäscheklammern zusammengeleimte Kerzenständer als Geschenk durchgehen.
Gut, das kann jetzt im Einzelfall auch anders sein, vielleicht mag der geneigte Leser sich eines Elternpaares oder -teils erfreuen, welches zubehörintensive Hobbys pflegt, wie zum Beispiel Modelleisenbahnbau oder Aquarellmalen. Aber selbst da wird man als Schenkender die Sache nach dem 25. Bahnhofsgebäude-Bastel-Kit leid, und auch die Auswahl an ungewöhnlichen Aquarellfarben erschöpft sich spätestens nach Farbtönen wie Mauve oder Phthaloblau.
Und meine Eltern haben noch nicht mal ein Hobby.
Auch kann ich leider keinen Nachwuchs vorweisen, von dem man dann immerhin ein adrettes Foto machen kann. Dieses in einen flotten Rahmen gepackt und schon ist die Freude beim Auspacken groß. Schließlich wachsen Kinder und sehen jedes Jahr wieder anders aus... aber ich habe mich nun mal in den letzten zehn Jahren nicht mehr grundlegend verändert, wozu also jedes Jahr eine Ablichtung verschenken?

Meine Eltern sind nicht nur schwer beschenkbar was die Auswahl angeht, allein die Idee des Beschenktwerdens scheint ihnen nicht zu behagen. Die unweigerlichen Kommentare bei der bloßen Erwähnung des Themas »Geburtstagsgeschenke« kann ich mittlerweile auswendig mitsprechen.
»Spar doch dein Geld lieber.«
»Wir haben doch alles.«
»Ich brauche nichts.«
Letzter Kommentar kam immer von meinem Vater. Ein besonders harter Fall von schwer beschenkbar. Und er meinte das sogar ernst, er brauchte wirklich immer nichts. Ich habe selten einen genügsameren Menschen getroffen. In den vergangenen Jahren habe ich ihm manches Mal ein Buch geschenkt. Nicht besonders originell, aber immerhin passend für jemanden, der gern liest. Oder eine Videokassette mit einem Film, bei dem ich mir sicher war, dass er ihm gefallen würde. Aber dann wurde es schon dünn. Und jedes Jahr will man das auch nicht machen. Richtig schön war sein 60. Geburtstag, da bekam er von uns etwas, was er sich in jungen Jahren gewünscht und nie bekommen hatte. Aber solche Herzenswünsche gab es eben danach nicht mehr. Keine, die man mit Geld kaufen konnte.
Dieses Jahr fällt die Wahl zum ersten Mal nicht schwer. Dieses Jahr wird es kein Buch, kein Film, sondern etwas ganz anderes. Dieses Jahr wird wohl das erste, in dem ich ihm Blumen zum Geburtstag schenke. Er hat Pflanzen schon immer gemocht, aber geschenkt hatte ich ihm nie welche. Diesmal bekommt er aber ein Sträußchen. Denn mit etwas anderem kann er da, wo er jetzt wohnt, sowieso nichts anfangen. Dieses Jahr ist alles anders. Dieses Jahr ist der erste Geburtstag meines Papas, an dem er nicht mehr lebt.

So also können Geburtstage auch sein. Einfach nur beschissen.



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Katrin Wiegand

Jahrgang 1972.

Aufgewachsen im Vordertaunus, hat sie es nach zwei Jahren Zwischenstation in Berlin nun ins Ruhrgebiet verschlagen.

Nach Abitur und beruflichen Um- und Irrwegen, die [..]

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