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06.08.07

Wilhelm Ruprecht Frieling

Schlaflos in Palma
(Briefe aus Palma, VII)

Noch zwei Stunden bis Mitternacht. Von der brütenden Hitze des untergehenden Tages erschöpft liege ich auf dem bleichen Diwan im Dachgeschoss des aufgeheizten Mehrfamilienhauses in Palma. Schweiß klebt wie süßer Sirup an meinem Körper. Mit einem ausgefransten Miró-Fächer zerschneide ich die stickige Luft. Matt und müde blättere ich in einer zerschlissenen Illustrierten. Aus dem gelben, gewellten Papier rieselt Sand auf meinen nackten Bauch. Es riecht nach Meer und altem Tang.

Inzwischen erwacht Palmas historische Altstadt aus dem schwülen Schlummer des Tages. Wie an jedem Abend um diese Zeit erfüllen muntere Stimmen das Treppenhaus. Der Bass des Patriarchen, der Bariton des Sohnes, der Sopran des Enkels, und die Altstimme der »ama de casa« liefern sich vielstimmigen Wechselgesang. Man ruft, scherzt, man lacht. Mit überquellenden Einkaufstüten und schwer gewichtigen Trinkwasserkanistern schnaufen die Bewohner heim. Rasselnd werden gut gesicherte Wohnungstüren geöffnet. Mächtige dunkle Portale mit bunten Heiligenbildchen zwecks Gefahrenabwehr krachen in uralte Schlösser. Das runzelige Mauerwerk aus gelbfleckigem Sandstein zittert und bebt bei jedem Schlag. Risse und Sprünge im Wandputz vertiefen sich zu einem netzwerkartigen Krakelee.

Gegen dreiundzwanzig Uhr ziehen Schwaden von Bratfett, Öl und Gewürzen durch den Patio, auf den die Kochzellen münden. Mallorquiner essen wie alle Spanier gern spät. Zum Tagesausklang bereiten sie ihr Nachtmahl. Es spritzt, zischt, brutzelt und brodelt. Bisweilen riecht es streng, manchmal exotisch, gelegentlich verlockend. Die Fenster zu schließen ist sinnlos. Gerüche kennen geheime Gänge. Ebenso durchdringt Lärm das Gebäude. Bälger brüllen, purzeln und prusten durch die Wohnungen. Paare knurren sich im Inselkauderwelsch an. Ein Patriarch röchelt, spuckt auf den Boden und krächzt kehlige Kommandos. Aus Flimmerkisten plärren platinblonde Busenwunder. Ein schwerhöriger Zombie dreht den Ton bis zum Anschlag auf, damit jeder das Programm verfolgen kann. Währenddessen wird gegessen. Ich wechsele vom Sofa in meine Matratzengruft, um Schlaf zu finden.

Zur Geisterstunde zählen die Glocken der nahen Kathedrale »La Seu« tönern die Stunden. Ihre Schwestern von den benachbarten Kirchen fallen bronzen ein und in den nächsten Minuten bimmelt und blecht es aus allen Ecken. Konsequent wird jede Viertelstunde angezählt, doch nur zur Mitternacht dürfen sich die Glocken einmal gnadenlos schütteln und ihr Concerto Grosso zu Gehör bringen. Durch die atemberaubend engen, mittelalterlichen Gassen strömen beseelte Menschen aus Restaurants, Clubs und Kneipen heim. Ihr Geschnatter bricht sich an den steinernen Fassaden und sprudelt zum Himmel. Eine Dame wagt spontan ein Tänzchen und probiert einen Flamenco. Ich habe das Gefühl, als tanze sie vor meinem Bett. Beschwingt steppen ihre Stiefeletten auf dem Straßenpflaster, sie trällert, gackert und stöckelt schließlich davon.

Die Resthitze des Tages fiebert aus Ritzen und Winkeln. Verschleiert strömt das Gasgelb der Straßenlaternen in die Behausungen. Defekte Klimaanlagen klappern. Mordlustige Moskitos schmatzen genüsslich in Vorfreude auf fette Beute. Weiber glucksen girrend und gurrend vorüber. Schlecht sitzende Gullydeckel scheppern bei jedem Fahrzeug, das darüber hinweg rollt. Ausgedörrte, morsche Holzjalousien, die »Persianas«, werden quietschend geschlossen. Im entfernt gelegenen Vergnügungsviertel jault ein rettendes »Tatü Tata«. Die Glocken verkünden um eins die Schlummerstunde. Schwer atmet die Nacht.

Plötzlich schlägt ein Telefon Alarm. Der folgende Dialog in Katalan ist durch die weit geöffneten Fenster in allen anderen Wohnungen deutlich zu hören. Es bleibt zum Glück bei einem kurzen Wortwechsel im Maschinengewehrstakkato. Dann ummantelt wieder Ruhe und Frieden die Anwohner. Nur durstige Stechmücken terrorisieren die Ruhenden mit aggressiven Attacken. Ich wälze mich unruhig in schweißnassen Laken und patsche nach den surrenden Plagegeistern. Die Kirchenglocken schlagen zwei.

»More, more, more«, grölt gierig eine liebestrunkene Engländerin aus einem nach Frischluft schnappenden Fenster, als ich endlich eingenickt bin. Ihr Lover ist trotz der Hitze ausdauernd. Sie jammert und jappst eine dreiviertel Stunde. Schließlich seufzt sie erschöpft, es folgt ein letzter Aufschrei, dann gibt sie entspannt Ruhe. Tief unten kichern Nachtschwärmer. Eine stramme Blase entleert sich pladdernd an einer Straßenecke. Kabbelnde Katzen kreischen chaotisch. Es ist die Stunde des Wolfes, die Zeit zwischen drei und vier, wenn Angst, Bedauern, Sorgen und Gier vom Geist Besitz ergreifen und man nicht mehr schlafen kann.

Brrrrrrummmm ... Punkt vier knattert ein Mopedfahrer durch das Karree und dreht gnadenlos am Gas. Der Höllenlärm steigt bis unter mein Dach und reißt mich erneut aus Morpheus Armen. Der nächtliche Ruhestörer rattert ein paar Ehrenrunden durch die schmächtigen Gassen, die den Schall vervielfachen. An jeder Ecke hält er an. Sekunden später dreht er wieder voll auf und düst ein paar Meter weiter. Nach dem Typ kann man die Uhr stellen! Im Wachtraum kippe ich wie jede Nacht um diese Zeit einen Eimer kochendes Öl aus dem Fenster, streue Stahlkrampen und versetze ihm mit einer langen Latte einen tödlichen Schlag. Das Geknatter seines zerfetzten Auspuffs terrorisiert noch aus der Ferne. Die Häuser beben und betteln um Ruhe. Aufkommender Wind schlägt einen ungesicherten Fensterflügel gegen den Rahmen und lässt Glas klirren. Dies ist die kühlste Stunde des Tages, und schon bald dämmert der Morgen. Finde ich jetzt endlich Schlaf?

Wer um fünf erwacht, hört friedliche Atemzüge aus den Fenstern, die zur Gasse hinaus schauen. Hier grunzt entspannt ein Bär. Dort fiebert eine Elfe im Traum. Ein Hündchen winselt. Unter dem Gewicht seines Besitzers ächzt eine Matratzengruft. Gelegentlich murmelt eine Stimme im Traum. Es herrscht Nachtruhe. Die bleierne Schwüle scheint für einen Augenblick gebannt.

Um sechs tritt stimmgewaltig ein Arbeiterchor auf. Die wackeren Bauleute sanieren in der Kühle des Morgens einen Altstadtpalast. Mit Kleinlastern fahren sie haltlos hupend durch die schmalen Gassen und transportieren Baustoffe sowie Werkzeug. Baulärm, Brüllen und Befehle erfüllen das Viertel. »¡Venga!, ¡Hola, ¡Pronto!, ¡Si!«, ist das gemeinsame Vokabular der tiefschwarzen, kastanienbraunen und sandgelben Handlanger aus anderen sonnigen Gefilden. Sie veranstalten einen Tumult, als gelte es, ihre Daseinberechtigung täglich neu zu erweisen. Betonmischer quietschen. Fahrzeuge fiepen. Presslufthämmer feiern Triumphe. Der infernalische Lärm der seit Jahren brutal betriebenen baulichen Veränderung der alten Stadt legt die Nerven der Ruhesuchenden bloß. Schlaflos werfe ich mich hin und her. Bald dringt ein steingrauer Staubfilm durch Fenster und Ritzen. Das ist »polvo«, der Baustaub von Palma, der im Glanz der aufgehenden Sonne flirrt und alles pudert. Im Streiflicht strahlt mein Heim wie ein Goldstaubpalast.

Der neue Tag marschiert. Zählt man die Schläge der Stundenglocke der Kathedrale, ist es inzwischen sieben. Vogelfamilien in Gründung zwitschern angeregt in der Morgensonne. Vom Himmel schreit eine raubgierige Möwe. Fröhliche Kinder in dunkelblauen Uniformen pilgern unbeschwert zur Schule. Passanten wünschen sich einen guten Morgen. Tageslicht bricht durch die Jalousien.

Es wird acht. Gnadenlos schaltet die Sonne die Heizdecke auf volle Leistung. In klimatisierten Bars treffen sich Männer auf einen rabenschwarzen »Café solo«. Sie blättern im Lokalanzeiger »Diario de Mallorca« und erörtern die Neuigkeiten des Tages. Vernehmlich hämmert es an der Wohnungstür im Nachbarhaus. »Open the door, Barbara. Please open the door.« Der Gatte der in der Nacht zuvor Beglückten begehrt Einlass. Sie lässt den Gehörnten draußen vor der Tür. Ob ihr nächtlicher Turnvater währenddessen versucht, aus dem geöffneten Fenster zu entkommen oder abgebrüht liegen bleibt und verschlafen an der Dame nuckelt, ist der munteren Geräuschkulisse nicht zu entlocken.

Spätestens ab neun wird laut und lebhaft auf den Straßen telefoniert: es geht um Geschäfte. Bauunternehmer und Makler, die Totengräber der Altstadt, patrouillieren in schwarzen Anzügen und mit dicken Auftragsbüchern durch die Straßen. Sie besichtigen ruinöse Quartiere, kontrollieren Baustellen, verschieben Arbeitertrupps von Pontius nach Pilatus. Handys scheinen an ihren Ohren festgewachsen. Pausenlos erklären sie ihren Kunden, dass voraussichtlich »mañana« alles fertig wird. Die öffentlich vorgetragene Wichtigkeit der eigenen Person gehört zum Ritual und wird dramatisch inszeniert. Dafür stoppt jetzt der Baulärm wie von Geisterhand, die Lohnsklaven frühstücken ausführlich.

Um zehn öffnen die Straßengeschäfte, die hinter stabilen Eisenläden die Nacht verbrachten. Freudlos feudeln Verkäuferinnen im Eingangsbereich der Läden herum. Sie treffen sich auf eine Zigarette mit ihren Kolleginnen vor den Geschäften zum Plausch. Mexikanische Hausmädchen in hellblauen Uniformen und weißen Spitzenschürzen schaffen derweil den Müll heraus und erledigen die täglichen Besorgungen für ihre Herrschaften. Vom Hafen grüßt ein anlegender Passagierdampfer und alarmiert Händler, Taschendiebe und Bettler mit einem abenteuerlich tiefen »Tuuuuuuuut«.

Touristen stolpern durch die Gassen. Jeder versucht, den anderen im babylonischen Sprachgewirr zu übertönen. Sämtliche europäische Sprachen und Dialekte sind vertreten. Aber auch in außereuropäischen Zungen wird gesprochen. Gruppen folgen einem erhobenen Regenschirm und lauschen dem Vortrag des Reiseleiters. Ein Oberlehrer widerspricht und weiß alles besser. Es wird geknipst, was das Zeug hält: der Garten des Bischofs, die maurischen Bögen, die malerischen Gässchen, die prächtigen Paläste. Ein bananengelber Hubschrauber knattert über die Besucher hinweg und zeigt Betuchten Palmas Altstadt aus der Luft. Jetzt ist es elf. Manch einer trocknet sich mit dem Taschentuch die feuchte Stirn. Wo winkt das nächste Café?

Endlich naht die Mittagsstunde. Büros und Läden schließen für mindestens drei Stunden. In einem der vielen typischen Lokale wird viel und schwer gegessen und reichlich getrunken. Der nachfolgende Mittagsschlaf ist zwingend. Der Spanier braucht seine Siesta wie das tägliche Brot und den feuerroten Wein. Spätestens mittags fordert der Körper den Schlaf, der ihm nachts zuvor durch den Höllenlärm gestohlen wurde. Und so verstummt zur Mittagszeit alles und jeder unter dem klebrigen Hitzefilm des Tages.

Eine zarte Stille breitet sich aus, die nur noch von der klappernden Klaviatur der Klimaschränke begleitet wird. Es herrscht Siesta! Sanft schließt Schlaf mein Auge.



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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