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24.01.07

Wilhelm Ruprecht Frieling

Faltenwolf grüßt Krokotasche

Ich ähnele einem Faltenwolf, und meine Haut gleiche einer Krokodilledertasche, behauptet meine Traumfrau und macht mich damit in charmanter Art auf meine Götterdämmerung aufmerksam. In meinem Haupthaar zeichneten sich Landebahnen für fliegende Untertassen ab, und auch erste Runzeln seien unübersehbar. – Gut, ich sehe minus zehn Dioptrien, ich bewege mich tapsig, und ich ähnele in Sachen Erinnerung einem großporigen Sieb. Aber bin ich deswegen bereits »alt«?

Unter dem Weihnachtsbaum lag ein mitternachtsblauer Schlafanzug aus flauschigem Flanell. Er solle mich wärmen und meine Nieren schützen, wurde als Begründung dazu geliefert. Ich war fassungslos. Deutete das Geschenk auf das Ende aller Sexualität, war es ein eiskalter Wink mit dem Zaunpfahl?

Bislang schlief ich als allzeit und immer zum Sprung bereiter Panther selbst bei sibirischer Kälte splitternackt. Künftig sollte ich ein härenes Gewand überstreifen, um darin das schwankende Wasserbett zu besteigen. Widerlich! Das klang wie eine Einweisung ins Kloster, dachte ich und gedachte wehmütig wilder Zeiten voll Drogen, Sex und Rock'n'Roll: »Das wird es wohl endgültig gewesen sein, Flanello!«, grinste mich der Faltenwolf im Spiegel an.

Leute, es ist hammerhart, täglich dem Alter ins Auge blicken zu müssen, aber es trifft garantiert jeden! Ich lese den Spruch »Essen ist der Sex des Alters«. Das klingt so pervers wie »Kochen ist das Ficken der Neuzeit« und erinnert mich an senile Suppenköche wie Alfred Biolek, die mit zittrigen Fingern an dampfenden Schüsseln schnüffeln. Sieht so die Endzeit aus?

Tief getroffen von diesem Sturzbach eiskalter Wahrheiten stehe ich seit Wochen ein Stündchen früher auf und streife mein Flanellkostüm vom ungeküssten Körper. Um meiner Umwelt meinen knitterigen Anblick und mir weitere Sticheleien zu ersparen, patsche ich die Finger in eine große blaue Dose mit Softcreme, die meinen äußerlichen Verfallsprozess aufhalten soll. Dabei ekele ich mich vor Kosmetik und halte sie für Weiberwerk. Nur klares Wasser und Seife durften bislang meinen Alabasterkörper netzen. Doch nun bin ich geschlagen! Folgsam tauche ich meine Fingerkuppe in die buttrige Creme und denke dabei an Vanillepudding, zu dem ich ein entschieden herzlicheres Verhältnis habe. Auf Wangen und Stirn streiche ich die Substanz, um sie zu verreiben. Das eklige Zeug bleibt an den Fingern hängen und klebt auch in den Haaren. Ich habe den Eindruck, die margarineartige Masse vervielfacht sich, je intensiver ich creme. Brav schleime und schmiere ich auf meinem Gesicht herum, bis alles eingearbeitet ist. – Ob ich jetzt wohl jünger wirke?

Die Anwendung zeige Wirkung, meldet der Kontrollturm. Herrlich, dann kann ich es ja wieder lassen, denke ich und ignoriere die Anti-Falten-Creme. Doch der Tower beobachtet das geliebte Faltentier genau und merkt sofort, wenn die Haut des alten Uhus nicht gesalbt wurde. »Eincremen!«, heißt es dann, und mit der unendlichen Geduld, die alten Säcken eigen ist, tauche ich meinen Schrumpfkopf tief in die Tunke und ziehe abends brav das flauschige Ganzkörperkondom über.

Eine Zeitlang herrschte Ruhe. Dann nahte mein Geburtstag. Auf dem Gabentisch lag ein elektrischer Nasenhaarschneider. Ein »Nasenhaartrimmer«, um ganz genau zu sein! Toll, den hatte ich mir doch schon lange gewünscht! –

»Nun wuchert mir das Altertum schon aus Ohren und Nase«, knurrt mein Alter Ego, der Silberrücken, und prüft sich im Spiegel. Tatsächlich sprießen bei näherer Betrachtung einige vorwitzige Haare aus neugierig geöffneten Nasenlöchern. Wo kommen die plötzlich her? Surrrrr, schnell sind sie entsorgt. Es macht sogar Spaß, mit dem schlanken Rasierer die Katakomben des Riechorgans zu kitzeln. Wenn das alles ist, kann das Älterwerden mich wenig schrecken.

Aber bleibt es dabei? Lese ich künftig Ciceros berühmten Text über das Alter, statt in alten Donald-Comics mit Geschichten von Carl Barks zu blättern? Stampfe ich den Takt deutscher Volksmusik, statt in verräucherten Clubs abzuhängen und mich am Blues zu berauschen? Mampfe ich Brei statt Brötchen, weil das Mahlwerk nach Schonung schreit? Wechsele ich in die Ahnenforschung, statt mich im Internet zu tummeln, neue Computerprogramme zu erproben und das Bloggen zu üben?

Jedenfalls gehe ich jetzt auch zu Vorsorgeuntersuchungen. Ab einem »bestimmten Alter« macht Mann das. Bald werde ich wahrscheinlich Begriffe wie »Prostata« in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen dürfen. Jeder Baum muss dann vielleicht als City-Klo herhalten. Büsche und Sträucher werden sich vor Schreck bäumen, wenn Herr Harndrang sich ihnen auf Spaziergängen nähert.

Außerdem werde ich zum Ohrenarzt überwiesen. Madame meint, ich höre schlecht und ignoriere deshalb ihre Regieanweisungen. Der Doc hingegen stellt fest, ich könne weit über Durchschnitt hören. Er grinst, als ich ihm sage, ich bräuchte vielleicht eine Hörhilfe. »Bei meiner Frau höre ich auch manchmal weg«, erklärt er feixend und entlässt mich. Der Medizinmann versteht sein Geschäft: er ist in meinem Alter.

Da fällt mir eine Anekdote über den Schriftsteller Stephan Hermlin ein, der die Herrenhandtasche salonfähig machte: er nutzte das Behältnis, um bei seinen Lesungen und öffentlichen Auftritten ein zusätzliches Hörgerät sowie einen Satz Reservezähne mit sich zu führen. Der Mann dachte weit und schien bereits enorme Erfahrung mit dem Altwerden zu haben.

Soll ich mir zum nächsten Anlass vielleicht ebenfalls ein solches Handtäschchen wünschen? Bekomme ich eine Wärmeflasche, einen versilberten Gehstock oder ein Sitzkissen? Was hält das Älterwerden noch alles für einen Faltenwolf bereit? Offen gestanden: ich möchte es eigentlich gar nicht wissen ... und doch frage ich mich, womit eigentlich alles begonnen hat. Waren es etwa die handgearbeiteten tibetanischen Filzpantoffeln, die ich bereits vor langen Jahren eng ins Herz schloss und die mir seitdem Inbegriff häuslicher Gemütlichkeit geworden sind?



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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