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27.02.07

Wilhelm Ruprecht Frieling

Sudoku für Blonde

Ich fliege leidenschaftlich gern. Hübsche Stewardessen beglücken mein Auge. Mehr oder weniger gehaltvolle Speisen stopfen mir das Maul. Auf Bildschirmen unterhalten mich animierte Sicherheitsprogramme, ausgelutschte Fernsehserien und betagte Zeichentrickfilme in Endlosschleifen. Dazwischen gibt es Werbehinweise auf Tinnef, den der Bordshop gegen Bargeld ausspuckt. Das alles ist knorke, wie der eingefleischte Berliner sagen würde. Doch der eigentliche Knaller beim Fliegen, das ist der Zeitschriftenberg, der sich demjenigen bietet, der das Fluggerät rechtzeitig entert.

Die Zeitschriftenverlage scheinen in Fluggästen eine Chance zu sehen, ihre Auflagen zu steigern. Sonst ist kaum nachvollziehbar, warum in nahezu jedem Linienflieger nationale und internationale Blätter zur freien Verfügung ausliegen. Ich greife begeistert zu, wenn sich die Gelegenheit beim Einstieg bietet. So komme ich an Blätter, die ich sonst nie in die Hand bekommen würde, es sei denn beim Arzt oder Friseur. Darunter sind stockkonservative Gazetten, es gibt ulkige Regenbogenblätter, manchmal liegen sogar »Special-interest«-Hochglanzmagazine aus, die ich mir mit einer Art fremdländischer Neugier einverleibe.

Jüngst spielte mir ein gütiges Schicksal die Illustrierte »In-Touch« aus dem Heinrich-Bauer-Verlag in die Hände. Das ist eine buntes Billigblatt, das sich der Welt der Reichen, Mächtigen und Schönen widmet und dabei besonderes Augenmerk auf amerikanische Wundertiere und TV-Prominenz legt. Da mir diese Welt weitgehend fremd ist, wirken die Bilder und Berichte auf mich wie Botschaften aus einer entlegenen Galaxis. Da gibt es Fotos von Supermodels, die ihren Wagen in ein Schlammloch gefahren haben und hilflos versuchen, ihn wieder flott zu bekommen. Ein Filmstar wird beobachtet, wie er im Klinikpark einer Entziehungsanstalt relaxt, Ausflüge macht und seine Alkoholprobleme mit anderen Betroffenen teilt. Hoch über Leipzig erfahre ich Intimes über andere Stars und Sternchen: Cameron surft mit Kelly, Drew flirtet mit Bruce ... und ihr Ex mit Kirsten. Ich beteilige mich am großen Rätselraten, warum Superstar Antonio so mager ist und lese atemlos Jennifers geheimes Geständnis, eine neue Nase zu haben. Vermutlich bin ich der einzige Passagier in dem Flieger, der all diese wichtigen Namen nicht zuordnen kann und nie zuvor gehört hat.

Zehntausend Meter über Wien konfrontiert mich das Blatt dann mit existentiellen Fragen: »Wer ist die größte Diva?« und »Welche Lippenfarbe ist besser?« zählen dazu. Ich erhalte angewandte Lebenshilfe und lerne, dass Frauen mit großen Taschen auffallend viele Sorgen haben. Je größer das Raumwunder, das Damen durch die Gegend schleppen, desto sorgenvoller sei ihr Dasein. Große Taschen spiegeln danach große Probleme: Alkohol, Vertrauensbruch, Liebesentzug, Essstörungen, Haarausfall, Einsamkeit und Liebespech. Kleine Taschen zeichneten dagegen rundum glückliche Menschen aus. Ich überlege kurz, ob ich Frauen mit großen Taschen kenne, kann mich aber an überhaupt keine Handtaschen erinnern und reagiere beruhigt.

Bei Illustrierten, die mir inhaltlich fremd bleiben, nehme ich gern im Rätselteil Platz. Da winkt immer die Chance auf ein kleines Erfolgserlebnis. Drei Rätsel gibt es in dem Heft. »Wer versteckt sich hier am Strand?« fragt »In-Touch« und zeigt das nackte Hinterteil einer Badenixe mit Hut. Darunter befinden sich drei Fotos von wasserstoffblonden Lockenköpfchen, die ich dem Allerwertesten zuordnen soll. Leider sind mir Tara, Kimberly und Kate schon dem Namen nach vollkommen unbekannt. Aber die Zeitschrift ist gnädig und schreibt die Lösung gleich dazu: es ist Kimberly, 27.

»Wer hat es gesagt?« lautet die nächste Rätselfrage. Dabei soll der Leser herausfinden, wer von drei prominenten Herren folgenden Satz gesagt haben soll: »Ich will auch ein Mädchen adoptieren. Sie sollte 24 Jahre alt und sehr reich sein!« Da mein eigenes Konterfei unter den Optionen fehlt, ich hätte sofort begeistert zugestimmt, muss es wohl einer der anderen drei Typen sein. Wie gut, dass die Lösung mitgeliefert wird, ich wäre schon wieder verloren.

Wie ein Sonnenstrahl lacht ein Sudoku. Diese japanischen Kulträtsel, die Menschen auf der ganzen Welt in Bann ziehen und eine gewisse Kombinationsgabe verlangen, löse ich gern. Endlich finde ich mich in dem Heft wieder und kann mich beteiligen: es geht darum, Zahlenreihen zu bilden, in denen die Ziffern 1 bis 9 jeweils in waagerechter und senkrechter Reihe nur einmal auftauchen dürfen. Außerdem dürfen diese Zahlen auch nur einmal in jeder der umrandeten Zeilen (bestehend aus drei mal drei Feldern) aufscheinen. Die Lösung des Sudoku verschafft kurze Befriedigung, wobei es natürlich unterschiedliche Schwierigkeitsstufen gibt.

»In-Touch« liefert das Sudoku in einer ultraleichten Version. Die entscheidenden Zahlen sind vorgegeben, es gibt kaum Variationsmöglichkeiten. Die Lösung kann so schnell eingetragen werden, dass der Stift fliegt. Es kommt mir vor wie ein Sudoku für Blonde, ein Rätsel, das so lächerlich einfach ist, dass selbst die ausgewählte Leserschaft dieses Blattes damit klar kommt. Dennoch steht die Lösung sicherheitshalber gleich daneben, die Redaktion vermutet wohl, es könnte LeserInnen geben, die es nicht aus eigener Kraft schaffen. Denjenigen, die auch damit überfordert sind, sollten vielleicht zum Sudoku-Solver greifen, einer gemeinen Programmierschleife, die auch komplizierte Sudoku blitzschnell löst und sich im Internet findet.

Entspannt glitzert das Mittelmeer durch den Wolkenteppich. Ausgelaugt von »In-Touch« greife ich zu »Guter Rat« aus der Wundertüte, die mir am Flugsteig entgegen blinzelte. Guten Rat brauche ich jetzt nämlich dringend, nachdem ich wie ein blinder Bauer durch die Welt des Glamours gestolpert bin.

»Ladies and Gentlemen. Bitte anschnallen!« Der Flieger setzt zur Landung an und entlässt mich in die raue Wirklichkeit. Auf dem nächsten Flug werde ich mich wieder der Regenbogenpresse zuwenden. Vielleicht erkenne ich ja den einen oder anderen Superstar wieder ...

Diese Kolumne finden Sie auch in Wilhelm Ruprecht Frielings Buch »Angriff der Killerkekse«.



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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