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27.06.06

Wilhelm Ruprecht Frieling

Bye, bye, Bruno!

Weh, unser guter Bruno ist tot! Wer trägt nun, frei nach Hans Arp, die brennende Fahne im Wolkenzopf verborgen täglich zum schwarzen Schnippchen schlagen? Wer dreht nun die Kaffeemühle im Urfass? Wer lockt nun das idyllische Reh aus der versteinerten Tüte? Wer verwirrt nun auf dem Meere die Schiffe mit der Anrede Parapluie und die Winde mit dem Zuruf Bienenvater Ozonspindel Euer Hochwohlgeboren? Weh, weh, weh, unser guter Bruno ist tot. Heiliger Bimbam: Bruno ist tot!

Piff, paff! Ein braver Bajuware erlegt Bruno, den Bären, aus sicherer Entfernung von 150 Metern mit seinem gut geölten Schießgewehr! Für den gezielten Todesschuss gebührt ihm fortan Polizeischutz, denn undankbare Tierfreunde wollen ihm an den grünen Kragen. Den Bärenmörder trifft Unverständnis, Wut und Verachtung, das Opfer hingegen genießt nationales Mitgefühl. Eine Kondolenzliste für Bruno im Internet bricht zusammen, nachdem sie mehr als zehntausend Mal pro Sekunde angesprochen wird. Die Bayerische Staatskanzlei stöhnt unter wütenden E-Mails. Regionale Tourismusbüros müssen sich mit der sarkastischen Frage auseinander setzen, ob künftig auch Touristen aus anderen Bundesländern auf die Abschussliste geraten könnten. Das Beileid für den Braunbären mit Migrationshintergrund, der Deutschlands südliches Hinterland ohne Visum und Einbürgerungstest arglos betrat und dafür mit dem Leben zahlte, ist enorm.

Bruno, oder JJ1 wie er auch genannt wird, reiste von Italien über Tirol ins Bayernland ein. 170 Jahre vor seiner Ankunft war der Letzte seiner Art im Land ausgerottet worden. Als Seltenheit wurde der Neuankömmling von Landesvater Äh-äh-Stoiber persönlich zungenfertig begrüßt und zoologisch systematisiert:

»Äh ... Natürlich freuen wir uns, das ist gar keine Frage, freuen wir uns, und die Reaktion war völlig richtig, einen äh, sich normal verhaltenden Bär in Bayern zu haben. Äh, ja, das ist gar net zum Lachen. Äh, und der ... Bär, im Normalfall, ich muss mich ja auch ... äh ... auch Werner Schnappauf hat sich natürlich hier, äh, intensiv, äh, mit äh, so genannten Experten austausch... austauschen ... äh, müssen. Nun haben wir, der normal verhaltende Bär lebt im Wald, geht niemals äh, raus und äh, reißt vielleicht äh, ein bis zwei Schafe im Jahr. Äh, wir haben dann einen Unterschied zwischen dem normal sich verhaltenden Bär, dem Schadbär und dem äh, Problembär. Und, äh, es ist ganz klar, dass äh, dieser Bär äh, ein Problembär ist und äh, es ist im übrigen auch äh, im Grunde genommen äh, durchaus äh, ein gewisses Glück gewesen. Der hat um ein Uhr nachts äh, praktisch äh, diese Hühner gerissen. Und äh, Gott sei dank war in dem Haus ... äh, war ... also jedenfalls ist das nicht bemerkt worden aufgrund von ... äh, es ist nicht bemerkt worden. Stellen Sie sich mal vor, der war ja mittendrin, stellen Sie sich mal vor, die Leute wären raus und wären praktisch jetzt dem Bären äh, praktisch begegnet, äh, was da hätte passieren können ...«

Lässt man Stoibers Begrüßungsrede wie reifen Wein auf der Zunge zerfließen, dann existieren laut Landesregierung künftig neben Schwarz- und Braunbären auch »Schad-« und »Problembären«, die sich allerdings gleich wieder trollen sollen. Bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt, lautet die Politik der Staatsgewalt. Ergo befiehlt München: Feuer frei, mäht die Probleme nieder!

Bruno trabt im Dunkel der Nacht arglos an einem Gasthaus vorüber. Zünftige Zecher entdecken ihn. Sein Schicksal ist damit besiegelt. Todesmutige Grünröcke greifen zu den Waffen und erledigen den ungebetenen Besucher. Ein Betäubungsgewehr ist nicht zur Hand, in Bayern werden Streitigkeiten mit Gästen mit scharfer Munition gelöst. Halali, Hurra und Hörnerklang, schon bricht der Bär zu Boden! So schnell kann es dem ans Leder gehen, der ungebeten die Südgrenzen des deutschen Reiches überschreitet ... – Noch seinen Enkeln wird der stolze Schütze von seinem denkwürdigen Kampf erzählen. An bayrischen Kaminen entwickelt sich die Geschichte bald so, als habe Old Shatterhand mit dem Bowiemesser in der Hand den grimmigen Grizzly persönlich bezwungen.

Dabei wirkt wie ein Wunder, dass keine Einsatztruppe aus Washington zur Bärenhatz bestellt wurde. Die Bush-Männer sind schließlich dafür bekannt, ganze Orte in Schutt und Asche zu legen und dabei auch gelegentlich einen Problemfall zu erwischen. Welch ein ideales Einsatzgebiet hätten die US-Marines in den bayerischen Bergen vorgefunden! Doch Bayerns Waidmänner waren Manns genug, allein mit dem jungen Unhold fertig zu werden. - Das Eichenlaub im Siegerkranz geht damit an die Künzlsalm im Spitzingseegebiet, wo der junge Braunbär seinen letzten Seufzer tat!

Bye, bye, Bruno. Du fehlst uns!



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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