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11.12.02

Meike Haberstock

Schlechtes Zeitmanagement

Es gibt Menschen, die sammeln Bierdeckel. Oder Kronkorken. Oder auch Streichholzbriefchen. Solche Menschen heißen Horst, Ronald oder Siegesmund. Auch die Frauen. Darauf bin ich ein wenig neidisch, denn ich stelle mir das sehr aufregend vor, wenn man so ein spannendes Hobby hat. Es muss toll sein, am Wochenende in kleine Landgasthöfe an der polnischen Grenze zu fahren, um an der Sammel- und Tauschbörsen teilzunehmen. Wer hat noch nicht neidisch auf die Plakate am Straßenrand gesehen, auf denen die Deckel-Convention oder das Zündholzwürmertreffen (e.V. versteht sich) von den hiesigen Lokalgruppen angekündigt wurden. Und wer hat da nicht gedacht: »Doll!«

Auf diesen Treffen herrscht bestimmt eine Nerven zerreißende Spannung. Was bringt der schwedische Heineken-Deckel, finde ich das fehlende Exemplar zur Reihe »Kronkorken vom afrikanischen Kontinent« und wer hat noch ein original verpacktes Briefchen von 1912 aus der englischen Pressung? Stundenlanges Gefachsimple über Faserdichtenbeschaffenheit, Pressvorgänge und Farbmaserungen. Und wer bekommt in diesem Jahr den Preis für die weiteste Anreise und den am kreativsten dekorierten Tapeziertisch? Nicht oft finden Menschen aller Couleur so friedlich zusammen. Die Exemplare, die Freunde oder vielleicht auch nur flüchtige Bekannte aus dem Urlaub mitgebracht haben, werden als eigene Entdeckungen deklariert, und jeder glaubt es, denn so wirklich im Ausland war auch noch keiner, außer in Polen, aber das zählt ja nicht wirklich, das ist ja fast EU.

Neidisch bin ich auch auf Leute, die alle 1.398 Folgen einer Soap, zum Beispiel GZSZ gesehen haben. Jeder Akteur ist ihnen bekannt, kein menschliches Elend mehr fremd und tolle Einrichtungstipps bekommen sie gratis noch dazu. Genauso wie das monatlich erscheinende Starmagazin mit den Hintergrundberichten, Homestorys und Beautytipps. Ich finde es anrührend, wenn man unter Anleitung von Jeanette Biedermann romantische Blumen auf seine Jeans malen darf und so zu einem echten Glamour-Girl wird. Auch die Beziehungstipps von Jo Gerner halte ich für mehr als sinnvoll, schließlich ist es echt toll, zusammen in einer Wanne voll Rosenblätter zu planschen um so einfach nur den Körper des Partners spielerisch zu erkunden. Und auch Reden ist echt gut.

Für so etwas hätte ich wirklich gerne Zeit, aber ich habe sie nicht, denn ich bin schlecht organisiert. Seit Tagen bin ich damit beschäftigt, meine Nachbarn zu zerstückeln. Dass das so viel Arbeit macht, hat ja niemand geahnt....

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Meike Haberstock

Meike Haberstock, Jahrgang 76, hat viel studiert und nichts Ordentliches (O-Ton der Nachbarn ihrer Eltern) gelernt. Deshalb arbeitet sie seit vielen Jahren als CD Text/Konzeption in deutschen [..]

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