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Diese Kolumne lässt sich auch hören!

»Ein Leben ohne Thermoskanne ist möglich, aber sinnlos« vorgetragen von Tom Wendt
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

01.07.05

Axel Scherm

Ein Leben ohne Thermoskanne ist möglich, aber sinnlos

Sie werden mit mir übereinstimmen, wenn ich insistiere, dass es längst überfällig ist, einem Gegenstand – ach was sag' ich – einem Mitbewohner, einem Freund, eigentlich einem Familienmitglied endlich eine Kolumne zu widmen: der Thermoskanne.

Unscheinbar und doch so voller Wärme, manchmal allerdings auch eiskalt, je nach innerer Befindlichkeit, ist sie mit uns durch dick und dünn gegangen. Was haben wir nicht alles mit ihr erlebt, wie sehr ist sie uns ans Herz gewachsen, wohin hat sie uns nicht schon überall begleitet: Auf Nah- und Fernreisen, ins Arbeits-, und Wohnzimmer, auf den Balkon, in die Küche, ins Büro, sogar ins Schlafzimmer (bei Krankheit oder auf ein Tässchen »danach«). Teebefüllt, kaffeeschwanger, schorletrunken, eisbewürfelt, je nach Bauart dickbäuchig oder schlank, mit oder ohne Becher, mit Korkverschluss oder plastikdeckelverschraubt steht sie fast immer geduldig in unserer Nähe und wartet darauf, ausgeschenkt zu werden – stets begleitet von zufriedenen Reaktionen, ob der Fähigkeit, Kaltes kalt und Heißes heiß zu bewahren. Ein Wunder – wie Helmut Kohl einst zu bemerken geruhte.

In unserem Haushalt befinden sich derzeit zwei Thermoskannen. Diejenige, die mehr oder weniger täglich zum Einsatz kommt, ist silberfarben und heißt Darth Vader, weil sie die äußerst unangenehme Eigenschaft besitzt, ständig asthmatisch zu schnaufen. Zudem hat der helmgleiche Deckel durchaus Ähnlichkeiten mit der Kopfbedeckung des Lakaien der dunklen Seite der Macht.

Die andere, eine dicke, weiße Kanne, hat ein guter Freund nach einem längeren Besuchsaufenthalt einmal bei uns vergessen. Sie kommt dann zum Einsatz, wenn Darth Vader nicht ausreicht, oder andere Getränke beherbergt. Immer dann, wenn unser Freund zu Besuch kommt, steht sie selbstverständlich auch auf dem Tisch. Er erkundigt sich dann bei ihr nach ihrem Befinden, allerdings werden schüchterne Anfragen, ob es denn nicht an der Zeit sei, ihm die Kanne wieder zurückzugeben, rigoros abschlägig von uns beschieden. Wer seine Thermoskanne fahrlässig oder gar vorsätzlich vergisst, hat jeglichen Anspruch auf Rückgabe verwirkt. Worüber wir allerdings schon ein paar Jahre nachdenken, ist, der Kanne ein Denkmal zu setzen, indem wir sie auf Reisen mitnehmen, um sie dann vor berühmten Sehenswürdigkeiten abzulichten (zugegeben, das gab's schon mal mit einem gestohlenen Gartenzwerg aus der fabelhaften Amelie-Welt).

Trotzdem: irgendwann, werden wir dieses Projekt angehen: Thermoskanne vor Pyramiden, Thermoskanne auf chinesischer Mauer, Thermoskanne vor Eifelturm, Atomium, Kollosseum. Ich höre jetzt schon Darth Vaders wütendes Schnaupen, wenn wir ihm die Fotos zeigen.

Diese Kolumne finden Sie auch in Axel Scherms Ende 2010 erschienenem Buch »AxeAge – Das Printlog zum Weblog«.



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Axel Scherm

Geboren 1961 in Bayreuth – Festspielstadt, Beamtenstadt, Universitätsstadt. Richard Wagner lag ihm nicht und Beamtentum schon gar nicht. Zur Uni hat's wegen Abi (sprich kein Abi) nicht [..]

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