05.12.16

Magdi Aboul-Kheir

Keine Ahnung, aber davon viel

Jede Generation hat ihre Modewörter. Früher lauteten die »tofte« oder »knorke«, die Jugendwörter der letzten Jahre hießen: »Niveaulimbo«, »Swag«, »Yolo«, »Babo«, »Läuft bei dir«, »Smombie« und aktuell »fly sein«

Naja, wenn die Langenscheidt-Jury fly ist, wird das schon stimmen, wobei »Fly« für mich ein Horrorfilm mit Jeff Goldblum ist. »Läuft bei mir« hat sich allerdings sogar bei uns Älteren durchgesetzt. Läuft ja bei uns auch. Vor allem, wenn wir nicht mit den Jüngeren kommunizieren müssen.

Von wegen Yolo, Smombie. Die Jugendlichen haben in Wahrheit nur ein einziges Modewort. Welches? Keine Ahnung.

Nein, nicht dass ich keine Ahnung habe. Das Modewort heißt »keine Ahnung«.

Selbstverständlich haben sie von vielen Dingen wirklich keine Ahnung. Physik, Chemie, Latein, Spanisch und wie man den Müll herunterbringt. Aber auch wenn sie etwas wissen, können sie nicht anders. Auf eine Frage wie »Wann hast Du morgen Schule?« antwortet meine 15-jährige Tochter: »Keine Ahnung.« Dann denkt sie kurz nach: »Zur dritten Stunde. Keine Ahnung.«

Es ist ein Automatismus. Denn selbst wenn sie etwas idiotisch Simples gefragt wird, garniert sie die Antwort mit ohne Ahnung. »Wie viel ist zwei plus zwei.« – »Vier, keine Ahnung.«

Spiegelt sich darin vielleicht doch wider, dass dieser Generation alles egal ist? »Keine Ahnung«, das wirkt wie das sprachgewordene Schulterzucken, das Flunschziehen, es hört sich an wie ein verächtliches Ausatmen.

Das Internet, das total fly und nie ahnungslos ist, liefert mir 17,2 Millionen Treffer, darunter gleich zwei Bands, die »Keine Ahnung« heißen, und eine Homepage von einem Typen, der nicht einmal weiß, wie er seine Homepage nennen soll: »Außerdem habe ich noch gar keine Homepage. Aber keine Ahnung.«

Als Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Herbst am »Tag der offenen Tür der Bundesregierung« eine Frage zur Bundesnetzagentur mit »keine Ahnung« beantwortete, wurde er dafür im Web gefeiert. Warum? Keine Ahnung.

Wenn mich das als Vater schon nervt, wie muss das erst für die Lehrer sein? Wenn sie in einer Unterrichtsstunde 149 Mal »keine Ahnung« hören, auch vor korrekten Antworten? Schreiben die Schüler das auch auf ihre Klassenarbeiten? »Wie hat sich das Verhältnis von Franz Kafka zu seinem Vater in seinem Werk niedergeschlagen?«, und dann stehen da acht Seiten kluge Analyse und am Ende: »Keine Ahnung.«

Wie sieht es in der Gedankenwelt der Jugendlichen aus? Läutet der Wecker am Morgen und dann geht's los: »Oh früh, müde, keine Ahnung, muss aufstehen, kein Bock, keine Ahnung, jetzt erstmal aufs Klo, keine Ahnung, dann Kaffee, vielleicht werd ich dann fly sein, keine Ahnung ...«

Eine befreundete Mutter war kürzlich so angesäuert, dass sie ihrem Sohn für jedes »keine Ahnung« das Taschengeld um zehn Cent kürzt. Sie zahlt kein Taschengeld mehr. Ich fragte ihren Sohn, ob ihn das nicht stört. Er fand's beschissen, sagte aber »keine Ahnung«

In einer anderen Familie kommt es regelmäßig zum Eklat, weil jedes zweite Wort der Tochter »fuck« lautet. Das finde ich persönlich nicht so schlimm, zum einen, weil es den Sprecher wenigstens nicht als Depp markiert, zum anderen weil »fuck« gar nicht mal so selten ein angemessenes Wort ist.

Ich schlage meiner Tochter also vor, es häufiger mal mit dem Wörtchen »fuck« zu probieren. Sie sagt: »Fuck, keine Ahnung.« Was zu erwarten war.


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