21.07.19

Magdi Aboul-Kheir

Seine gerechte Strafe sei Wodka-Kirsch

Diese Zeilen schreibe ich relativ ziemlich viel betrunken. Das muss schon aus Gründen der Selbstreferentialität so sein, hat aber auch einen tieferen Sinn.

Die Geschichte beginnt mit einer Putzaktion meiner Gattin im Zimmer unserer damals noch deutlich minderjährigen Tochter. Dabei stieß sie auf eine nachlässig versteckte Flasche Wodka. Um genau zu sein, war es nur noch eine halbe Flasche Wodka, das ist für diese Story wichtig. Mein Gattin konfiszierte die Flasche. Als unsere Tochter das mitbekam, protestierte sie. Meine Frau und sie einigten sich auf einen Deal: Wenn sie ihren 18. Geburtstag feiert, sollte sie den Wodka ausgehändigt bekommen. Prinzipien und so.

Nun verging Zeit, und mit der Zeit kam das Vergessen. Als ich eines Tages in der Vorratskammer nach Putzmitteln suchte, stieß ich in einer Kiste auf eine Flasche Wodka. Mal wieder eine halb volle. Da wir nicht mit Wodka putzen, oder nur zu besonderen Anlässen, ging mir sofort durch den Kopf: Ha, Wiederholungstäterin. Sonderlich böse auf meine Tochter war ich nicht, zumal der 18. Geburtstag nur noch eine kurze Zeit entfernt lag. Aber aus Prinzip, siehe oben, sagte ich mir, das könne man nicht durchgehen lassen. Und schüttete den Wodka einfach weg. Strafe muss sein.

Irgendwann später, so ungefähr, zehn Sekunden später, ging mir noch etwas durch den Kopf. Könnte es nicht sein, auch wenn es ja eine seltsame Geschichte wäre, eigentlich fast ausgeschlossen, aber könnte es vielleicht nicht doch sein, dass es sich bei der versteckten halben Flasche Wodka gar nicht um einen neuen Tatbestand handelte, sondern just um jene alte halbe Flasche, die meine Frau seinerzeit konfisziert und wohl versteckt hatte? Bei Tageslicht betrachtet, musste ich einräumen: So war es wohl.Ein wenig peinlich fand ich meine Wegschütt-Aktion in dem Moment schon, und so beschloss ich, Wiedergutmachung zu betreiben. Bevor es jemand mitbekam, zum Glück waren alle anderen außer Haus, fuhr ich in den Supermarkt, kaufte eine Flasche Gorbatschow und installierte sie in der Kiste in der Vorratskammer, ohne dass es jemand mitbekommen hätte. Wäre ja doch gelacht.

Und damit war die Geschichte zu Ende. Das heißt, sie wäre zu Ende gewesen, wenn mir nicht ein weiterer enorm schlauer Gedanke durch den Kopf gegangen wäre: Was würden die anderen beteiligten Personen wohl von der wundersamen Wodka-Vermehrung halten? Schließlich war meiner Tochter eine halbe Flasche Gorbatschow abgenommen worden, meine Frau hatte eine halbe Flasche Gorbatschow versteckt, und nun stand eine ganze Flasche Gorbatschow in der Vorratskammer. Ein Wunder? Und wer könnte für das Wunder verantwortlich gemacht werden? Jesus nicht. Gorbatschow selbst auch nicht.

Nun sitze ich also, bevor der Rest der Familie nach Hause kommt und meine Tochter in weniger Tagen 18 wird, am Schreibtisch, notiere diese Anekdote aus dem Leben einer verantwortungs- und prinzipienvollen Familie und saufe mir dabei mit Wodka-Kirsch die Hucke voll. Soll keiner sagen, dass wir Erziehung nicht konsequent betrieben hätten.


Dies ist die Druckversion von kolumnen.de/kolumnen/aboul/aboul-210719.html

(In der Druckversion werden Extras wie die Formulare oder Links zu verwandten Kolumnen, Hörfassungen und Übersetzungen ausgeblendet.)

Alle Kolumnen von Magdi Aboul-Kheir finden Sie hier: kolumnen.de/aboul.html