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01.05.14

Magdi Aboul-Kheir

Was Horst Hrubesch und Klaus Allofs mir zu verdanken haben

Dies ist eine Geschichte über Fußball und Magie. Ich beginne aber gewohnheitsmäßig mit Sex, um mehr Leser anzusprechen.

Mein Freund W. achtete früher, wenn er ausging, stets peinlich genau darauf, taufrisch blütenweiße Unterwäsche zu tragen. Man wisse es ja nicht, vielleicht lerne er ein attraktives Mädchen kennen, und wenn es dann zum Äußersten käme, könne er sich doch nicht in einer gammeligen Unterbuxe präsentieren. Überflüssig zu sagen, dass er auf unseren Exkursionen durch Trinkhallen nie ein weibliches Geschöpf kennenlernte. So weit so egal. Dann trug es sich aber zu, dass W. auf einer Reise nach einem schweißtreibenden Besichtigungstag nicht zum Duschen und Umkleiden ins Hotel zurückkam und dementsprechend am Abend vermufft und vor allem ohne taufrisch blütenweiße Unterhose ausging – und just eine holde Maid kennenlernte, die ihm auch noch zuneigt war. Um es kurz zu machen: Zum Äußersten kam es nicht, Wegen W.s Scham und Angst.

Den meisten Menschen dürfte, wenn sie ehrlich zu sich sind, dieses quasi-magische Denken aus dem Alltag bekannt sein: Gehe ich ohne Schirm aus dem Haus, wird es regnen; nehme ich den Schirm mit, bleibt es trocken. W.s Variante lautete: Gehe ich mit sauberer Wäsche aus dem Haus, lerne ich keine Frauen kennen; trage ich eine fiese Unterhose, wollen sie alle mit mir ins Bett. So ungefähr zumindest.

Das kann man selbstverständlich albern finden. Solange man nicht über meine magische Begabung, Fußballspiele zu beeinflussen, spottet.

Ich entdeckte meine Gabe als Zehnjähriger. Stand es in einem Spiel Spitz auf Knopf, kletterte ich unter den Tisch, was meiner Mannschaft Glück brachte. Je enger und unbequemer es unterm dem Tisch war, umso besser. Einen Höhepunkt meines Schaffens erreichte ich bereits während der Europameisterschaft 1980. Im ersten Spiel bekam es Deutschland mit den Tschechoslowaken zu tun. Zur Halbzeit stand es 0:0, ich kletterte unter den Wohnzimmertisch, und Karl-Heinz Rummenigge schoss das Siegtor.

Vor dem zweiten Gruppenspiel gegen die Holländer beschlich mich ein ganz mieses Gefühl. Ich beschloss, das Schicksal herauszufordern und zwängte mich von Beginn an unter den Couchtisch. Deutschland ging sage und schreibe 3:0 in Führung, Klaus Allofs schoss alle drei Tore. Ich rate allen Zweiflern, einen Blick in die Annalen zu werfen: Weder davor noch danach hat Klaus Allofs jemals drei Tore in einem Länderspiel geschossen. Ich will damit nichts andeuten, meine nur mal. Nach dem 3:0 setzte ich mich siegesgewiss und vor allem bequem aufs Sofa. Holland kam noch auf 3:2 heran, so war das damals. Das dritte Gruppenspiel gegen Griechenland war bedeutungslos, daher blieb ich oben sitzen, 0:0.

Ich will nun nicht die gesamte Geschichte dieser EM herunterbeten, aber der geneigte Leser mag sich denken, wo ich saß, als Horst Hrubesch im Endspiel gegen Belgien das entscheidende 2:1 für Deutschland köpfte.

Fairerweise muss ich anmerken, dass dies nicht mit allen Tischen gleichermaßen gut funktionierte. Das Einzwängen unter dem Tisch war aber ohnehin nicht mein einziger Trick. Ich hatte auch ein Medium für Negativmagie: meine Socken. Drückte ich während einer Fußballübertragung einem gegnerischen Spieler auf dem Fernsehschirm meinen Käsesocken auf den Leib – oder noch besser: in einer Großaufnahme aufs Gesicht –, traf er nicht mehr ins Tor meiner Mannschaft. Also, meistens zumindest. Wenn doch mal einer gegen uns traf, hatte ich ihm bestimmt den Socken nicht kräftig genug gedrückt. Und außerdem durfte ich den Zauber nicht überstrapazieren, ich war ja jung und konnte mit meinem Talent nicht immer gut umgehen.

Denn wie das mit solchen Superhelden-Fähigkeiten ist: Aus großer Kraft folgt große Verantwortung. Ich kann mich noch genau an den 24. April 1982 erinnern. Ich war 15 Jahre alt, der HSV zu Gast bei meinem FC Bayern. Es war ein irres Spiel, Bayern hatte eine 3:1-Führung aus der Hand gegeben, HSV-Stürmer Hrubesch hatte das 3:3 erzielt. Es lief die 90. Minute, ich war mit den Nerven am Ende und warf meinen Socken Richtung Hrubesch, traf aber den Fernseher nicht richtig. Es kam, was kommen musste: Flanke Kaltz, Kopfball Hrubesch, Tor, 3:4, verloren!

Ja, Horst Hrubesch hat seine beiden bekanntesten Treffer mir zu verdanken. Natürlich bin ich ein prinzipiell rationaler Mensch und kann daher Zweifel an dieser Sichtweise durchaus zulassen. Aber deswegen muss man ja nicht gleich nicht an solche Dinge glauben. Da in vorangegangenem Satz "aber" und "glauben" stehen, sprechen manche von Aberglauben. Sollen sie doch.

Im Übrigen ergibt sich ja aus Obigem, dass ich Bayern-Fan bin, und ich muss wohl nicht extra darauf hinweisen, welche deutsche Mannschaft in den vergangenen 40 Jahren, also seitdem ich Fußball schaue, die erfolgreichste in Deutschland ist. Ich muss es jetzt ja auch nicht übertreiben. Warum Bayern dann nicht immer und alles gewonnen hat? Nun, wie gesagt, ich behaupte ja gar nicht, dass es nur mit mir zu tun hat, aber abgesehen davon schaue ich Fußball auch gern in Gesellschaft anderer Menschen, und ich finde es etwas peinlich, vor anderen Erwachsenen unter den Tisch zu klettern. Wobei ein gut platzierter Sockenwurf beim legendären Champions-League-Finale 1999 in Barcelona gegen Manchester oder beim noch legendäreren "Finale dahoam" 2012 im Rückblick keine schlechte Sache gewesen wäre. Von der Pleite jüngst gegen Real Madrid gar nicht zu reden.

Vor allem aber finde ich heute längst, der Bessere soll gewinnen. Und ich schaue einfach gern mit meinen Kumpels in der Kneipe Fußball. Freilich: Ich trage dabei immer tip top Unterwäsche.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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