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05.06.11

Magdi Aboul-Kheir

Tausche Säbelzahntiger gegen Gelbbauchunke

»Brauchen wir nicht noch Waschmittel?«, fragt meine Tochter Dana.
»Hast du noch genügend Wein? Oder Staubsaugerbeutel?«, fragt meine Tochter Ida.
Seltsam, sonst interessieren sich die Kinder nie für unseren Haushalt. Aber das tun sie auch jetzt nicht – sie interessieren sich für die albernen Sammelbilder, die es derzeit im Supermarkt gibt. Pro zehn Euro Einkauf erhält man ein Tütchen mit fünf Tierstickern.

Die Einzelhandelsmafia hat sich mit angeblich wohltätigen Naturschützern zusammengetan, um uns Eltern das sauer verdiente Geld aus der Tasche zu ziehen – und uns dabei auch die Nerven zu rauben.
»Papa, geh doch mal einkaufen!«, quäkt Dana.
»Brauchen wir nicht noch ein paar ganz teure Sachen?«, nervt Ida.

Fußballsticker von Panini – das leuchtet mir noch ein. Aber blöde Tierbilder? Angeblich für einen guten Zweck? Ich erhebe die Stimme der Vernunft: »Das ist reine Geschäftemacherei. Denen geht es nur darum, dass wir viel mehr als sonst im Supermarkt einkaufen.«
Meine Kinder denken nach und nicken – sie sind eben schlau und einsichtig. Dann sagt meine Ältere: »Stimmt. Geh jetzt einkaufen.«

Natürlich geht es den Kindern nicht darum, ein paar beliebige Elefanten- oder Pavian-Bilder anzuschauen. Zu dem »Tier Abenteuer« gehört ein Sammelalbum: Es gilt, insgesamt 180 verschiedene Tierbilder, darunter ein paar besonders seltene »Glitzersticker«, zusammenzutragen. Laut Werbe-Blabla wird mit der Aktion »auf bedrohte Tierarten hingewiesen und Möglichkeiten zur Unterstützung im Artenschutz aufgezeigt. Darüber hinaus soll der Nachhaltigkeitsgedanke verstärkt vermittelt werden.«

Nachhaltig ist der Irrsinn tatsächlich: Je mehr man kauft und umso mehr Sticker man hat, umso tiefer gerät man in die Abhängigkeitsspirale. Denn logischerweise wird es im Laufe der Zeit immer schwieriger und unwahrscheinlicher, einen Sticker zu bekommen, den man noch nicht besitzt, und so sammeln sich immer mehr doppelte und dreifach Exemplare an, was wiederum die Schulhöfe in Tauschbörsen verwandelt. Logisch, dass meine Töchter jeweils ein eigenes Album haben, was den Wahnsinn in die Potenz erhebt.

Als ich wieder mal im Supermarkt bin und, obwohl wir zuhause einen vollen Kühlschrank und eine gut gefüllte Vortratskammer haben, Waschmittel, Wein und Staubsaugerbeutel für 80 Euro einkaufe, frage ich die Verkäuferin: »Könnte ich nicht ein paar Tütchen mehr kriegen?«
»Da könnte ja jeder kommen«, sagt sie, und der Blick in die Schlange hinter mir sagt mir, dass ich kein Einzelfall bin.

»Das war jetzt wirklich das letzte Mal«, erkläre ich meinen Töchtern zuhause, als sie freudestrahlend die Tütchen in Empfang nehmen und sich sofort ans Nummernvergleichen und ans Einkleben machen.
»Hurra, das Breitmaulnashorn, Nummer 124«, jubelt Dana, »jetzt brauch ich auf der Seite nur noch die Grüne Meeresschildkröte, Nummer 127.« Ida klebt derweil das Spitzkrokodil, Nummer 91, ein. »Ich brauch aber noch 88, 89 und ...«
»Hört auf!«, rufe ich. »Das bringt doch nichts.«
»Aber wir lernen dabei Wissenswertes über Tiere«, erklärt Dana, blättert in ihrem Album und liest vor: »Der stachelige Körper des Wüstenteufels ist von vielen Furchen durchzogen, mit denen er aus jedem Körperteil Wasser ziehen und zu seinem Mund befördern kann.«

Man kann nun als ernsthafter Erziehungsberechtigter in diesen Zeiten nichts dagegen haben, wenn sich der Nachwuchs weiterbildet. Wer nichts lernt, hat später keinen vernünftigen Beruf, um genug Geld zu verdienen, etwa für Tierbilder.

Aber andererseits kann man diese Informationen in jedem Lexikon oder im Internet nachschlagen. Und so spreche ich ein Machtwort: »Nein, jetzt hören wir auf mit diesen Bildern.« Nur noch ein Einkauf am Abend, wir brauchen vielleicht ein paar Flaschen Wein und Müllbeutel.

»Hast du sie noch alle?«, fragt mich meine Frau, als sie mich mit drei vollen Einkaufssäcken in der Tür sieht. »Die Kinder drehen mit diesen Bildern total durch, und du unterstützt das auch noch! Du weißt doch, was die Firmen mit der Aktion bezwecken?«
»Ja«, sage ich, »sie weisen auf bedrohte Tierarten hin und zeigen Möglichkeiten zur Unterstützung im Artenschutz auf. Darüber hinaus soll der Nachhaltigkeitsgedanke verstärkt vermittelt werden.«
»Du spinnst«, sagt meine Frau.

Sie hat ja recht. Ich komme mir entlarvt vor. Es geht um 180 läppische Bildchen und ein billig zusammengeschustertes Buch, mittels deren fast schon sittenwidrig Druck auf Eltern ausgeübt wird. Ja, aus den Leuten werden armselige, abhängige Geschöpfe gemacht, wie ich am nächsten Morgen vor dem Supermarkt sehe. Sie schauen fast so aus, als ob sie dort campiert hätten und sich nicht erst – wie ich – eine Stunde vor Ladenöffnung angestellt hätten. Erschreckend ist das. Ich verlasse diesen Schauplatz der Niederlage der menschlichen Vernunft kopfschüttelnd, wenn auch mit acht neuen Tierbild-Tütchen.

»Versprich mir, mit diesem Wahnsinn aufzuhören«, sagt meine Gattin zuhause.
»Klar«, nicke ich. »Hast du eigentlich gewusst, dass der Graue Kronenkranich bis zu 13 Jahren alt werden kann. Und dass der stachelige Körper des Wüstenteufels ...«

Einen Moment, ich muss das Schreiben dieses Texts mal unterbrechen, denn auf Ebay endet gleich eine Versteigerung ...

... so, da bin ich wieder. Jetzt bin ich doch tatsächlich von so einem armen Irren überboten worden, der für 50 Päckchen, also 250 Kärtchen, satte 25 Euro hingeblättert hat. Soweit bin ich dann doch nicht auf den Hund gekommen. Ich hatte maximal 22 Euro geboten.

Im Büro klage ich einem Kollegen mein Leid. »Meine Kinder sprechen nur noch über diese Tierbilder. Dass sie die Gelbe Anakonda zweimal haben, aber noch den Tasmanischen Teufel brauchen.«
Mein Kollege horcht auf: »Ihr habt die Gelbe Anakonda doppelt? Was wollt ihr dafür?«

Ich überlege, wie man diesem Irrsinn entkommt. Und wie ich meinem Kollegen einen Säbelzahntiger und einen Kalifonien-Kondor loseisen kann. Habe ich schon erwähnt, dass ich jetzt auch selbst ein Sammelalbum besitze? Und haben Sie gewusst, dass die Große Riesenmuschel bis zu 1,40 Meter groß wird?

Nein, jetzt ist Schluss. Schon allein, weil wir keinen Platz mehr für Vorräte haben und außerdem pleite sind. Morgen, spätestens übermorgen oder am Ende der Woche trage ich die Alben und Bilder in den Keller. Ich habe übrigens schon zwei Glitzerkarten, ist das nicht toll?

Heute Morgen behauptet meine Frau, sie hätte mich um zwei Uhr nachts an der Wohnungstür abgefangen, wie ich mit der Brechstange dem Supermarkt einen Besuch abstatten wollte. Angeblich hätte ich »Nr. 38« gemurmelt. Das kann überhaupt nicht sein, weil ich den Seeteufel schon besitze, sogar doppelt.

Außerdem würde ich doch nie irgendwo einbrechen! Ich würde doch nicht wegen solch einer kindischen Aktion kriminell werden. Vielleicht die Mülleimer vor Supermärkten durchwühlen, aber doch nicht ...

Was fasele ich da? Bin ich das überhaupt noch? Hilfe. Hilfe! Endlich erhalte ich die Kontrolle über mich zurück. Es ist höchste Zeit. Ich glaube, meine Frau wollte schon den Koffer packen – entweder die Tiersticker oder sie!

Wenn Sie diese Zeilen lesen, nehmen Sie diese schlimme Geschichte als Warnung, und machen Sie einen weiten Bogen um das böse »Tier Abenteuer«. Ich musste meine Lektion auf die harte Tour lernen.

Und, ach ja, falls Sie den Riesentukan und die Gelbbauchunke, Nummer 69 und 77, überzählig haben, melden Sie sich bitte.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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