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05.11.12

Magdi Aboul-Kheir

Verlassen Sie bitte meinen Traum und vor allem Hände weg von meinem Ohr!

Ich hatte eine Farm in Af... neee, falscher Anfang.

Also: Ich hatte einen seltsamen Traum, in dem mir eine prominente Nachrichtensprecherin im Ohr herumpulte.

Eben. Das ist der Grund, weshalb man Geschichten mit "Ich hatte eine Farm in Afrika" beginnen sollte. Es ist einfach schöner.

Aber es hilft nichts, wir sind jetzt in "Jenseits der Tagesschau". In meinem Traum setzt sich also diese bekannte blonde öffentlich-rechtliche Dame an mein Bett und fingert an meinem rechten Ohr herum. Das finde ich irritierend, weil diese Frau zwar gemeinhin als attraktiv gilt, aber eher nicht mein Typ ist. In der Realität würde ich das kaum wollen. Weshalb sie in meinem Traum auftaucht, kann ich mir nicht erklären, ich möchte jetzt auch nicht, dass ein Küchen- oder Schlafzimmerpsychologe von meinen unterbewussten Wünschen spricht, zumal ich nicht weiter ins Detail gehen mag. Ja, es gibt weitere Details.

Die Begegnung war im Traum zudem nicht sonderlich anregend, sondern ich habe mich selbst träumend gefragt, was das jetzt soll. Zuletzt habe ich die Schönheit übrigens nicht in den Nachrichten gesehen, sondern in einer Show mit dem Titel "Der klügste Deutsche", wo sie aber nicht Kandidatin war, sondern einfach so herumsaß und ab und zu mitplauderte. Das erlaubt ihr meines Erachtens noch nicht, in meinem Traum herumzusitzen.

Neulich war in einem Kaffeehaus, das heißt in so einem Coffee-Shop, wo man mindestens "Caramel Macchiato Frappé laktosefrei large to go" oder "Salted Maple Mocha" bestellen muss, um nicht wie ein Depp dazustehen. Apropos Depp, in diesem Laden ritt mich der Schalk und ich fragte die Bedienung "Haben Sie auch echten Bohnenkaffee?", worauf sie sagte: "Da muss ich mal den Chef fragen." Ich finde, eine Sendung mit dem Titel "Der blödste Deutsche" wäre unterhaltsamer, aber vielleicht würde sich die populäre Nachrichtensprecherin nicht dazu hergeben, dort herumzusitzen. Das alles lenkt uns jetzt nur vom Thema ab, aber das ist mir auch etwas peinlich und vor allem verwirrend.

Ich möchte die Frau an dieser Stelle ausdrücklich nicht mit ihrem Namen nennen. Vielleicht googelt sie sich selbst, und dann würde sie auf diesen Text stoßen, in dem sie, wenn auch nur im Traum, einem ihr unbekannten Journalisten aus Ulm im Ohr bohrt. Das wäre mir dann auch wieder unangenehm.

Gegoogelt hab ich jetzt selbst, und zwar habe ich die fragliche Person zusammen mit dem Wort "Ohr" gesucht und bin dabei lediglich auf die Information gestoßen, dass sie mit einem Knopf im Ohr die Nachrichten moderiert. Ja, aber das ist doch ihr eigenes und nicht mein Ohr, gute Frau!

Natürlich bin ich jetzt unfair, das ist wie in Paul Watzlawicks Geschichte mit dem Hammer, denn die Frau hat ja eigentlich nicht so viel gemacht, und es ist nur in meinen Gedanken, dass ich ihr eine aktive Rolle zuweise. Es war doch ein Traum, oder? Wir sollten wirklich die Haustür abends abschließen. Herrje, ich muss mich wirklich zusammenreißen, die Geschichte macht mich noch fertig.

Vielleicht sollte ich die Sache einfach auf sich beruhen lassen, ich träume schließlich immer mal wieder dummes Zeug. Zum Beispiel, dass ich plötzlich nur noch Schuhe Größe 35 im Schrank stehen habe und dass mir binnen weniger Minuten ein Rauschebart wächst, und auch das alles möchte ich bitte nicht sexuell interpretiert wissen, zumal ich das geträumt habe, nachdem ich den Trailer zu "Der kleine Hobbit" gesehen habe.

Ich habe immer noch keine Farm in Afrika. Dafür schau ich jetzt Nachrichten. Mal sehen, ob sie ein schlechtes Gewissen hat. Und heute Nacht schlaf ich mit einer Mütze.



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Magdi Aboul-Kheir

Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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