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»Die Wahrheit über den schrecklichen Gönk« vorgetragen von Tom Wendt
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

10.06.05

Magdi Aboul-Kheir

Die Wahrheit über den schrecklichen Gönk

Entsetzliches Gebrüll durchdringt den Augsburger Zoo. Es sind aber nicht die herumtobenden Affen oder die hungrigen Raubkatzen, es ist meine Tochter. Sie will nicht nach Hause. Mit ihren noch nicht vier Jahren verschließt sie sich meinen vernünftigen Argumenten wie: »Die machen bald zu. Die Tiere wollen schlafen. Die machen gleich das Licht aus.«
Nein, meine Tochter will nicht nach Hause. »Ich will nochmal zu den Vögeln«, schreit sie, mit puterrotem Gesicht, »ich will die Ziegen füttern.«
Mit was könnte ich sie nur beschwichtigen, zum Ausgang locken? Hund, Katze, Maus? Tiger, Löwe, Elefant?

Eine famose Idee blitzt in meinem erziehungserfahrenen Hirn auf. Ein Trumpf erscheint wie aus dem Nichts. Ich setze einen leicht wilden Blick auf. »Draußen wartet vielleicht der Gönk!«, zische ich.
»Der Gönk?« Meine Tochter blickt mich fragend an. Keine Tränen mehr. Dafür Neugierde. »Wer ist der Gönk?«
»Der Gönk.« Ich rudere mit den Armen. »Der Gönk, der Gönk!«
Meine Frau rudert nicht, sie rollt mit den Augen.
Doch meine Tochter marschiert munter und flott Richtung Ausgang. Der Trumpf sticht. »Wartet dort der Gönk?« Das Kind ist aufgeregt, aber wieder gut aufgelegt.
»Der Gönk!«, rufe ich, so richtig in Fahrt, »der schreckliche Gönk.«

Zum Kummer der Kleinen, hingegen nicht zu meiner Überraschung, wartet draußen auf dem Parkplatz kein schrecklicher Gönk. Noch nicht einmal ein netter Gönkie oder ein verschrumpeltes Gönkchen. Der kindliche Blick wird wieder feucht, die Stimme schrill. »Wo ist der Gönk?«
»Er ist wohl nicht mehr da«, murmle ich erbärmlich.
»Wo ist er hin?«, schluchzt meine Tochter.
»Er ist weg.«
»Wohin? Warum ist der Gönk weg?«
»Der Gönk ist sehr scheu«, höre ich mich sagen. »Den bekommt man nur selten zu Gesicht.«
Die Heimfahrt ist furchtbar. Das arme Kind weint sich, »Gönk«, »Gönk«, »Gö...«, in den Schlaf. Meine Frau schläft nicht, leider, sondern referiert ausgiebig über pädagogische Verantwortung im allgemeinen und die Verwerflichkeit dummer Lügen im besonderen.

Nach mehreren Wochen verhelfe ich dem Gönk bar jeder Vernunft zu einem weiteren Einsatz. Schließlich hatten wir ja damals den Zoo dank Gönk immerhin verlassen können, so meine äußerst schwache Begründung. Das aktuelle, mäßig originelle Problem: Meine Tochter will nicht ins Bett. Sie will sich nicht umziehen. Sie will sich nicht die Zähne putzen. Aus dem Triumvirat klassischer Erziehungsmethoden – Drohen, Erpressen, Bestrafen – wähle ich die Drohung, und zwar die Gönk-Variante. »Putz Dir die Zähne! Zieh Dich um! Geh ins Bett! Sonst kommt der Gönk!«
Was für ein Eigentor! Natürlich wird nichts geputzt, niemand umgezogen, und niemand geht zu Bett. Der Gönk kommt, endlich, was für ein Anreiz, da helfen auch furchteinflößernde Geräusche meinerseits – »Der Gönk, huhuhuuuh!« – nicht.
Wie dieser Abend endet, lässt sich einfach ausmalen: Der Gönk ist nirgendwo zu sehen, dafür laufen wieder Tränen. Spät am Abend, meine Tochter ist vor Erschöpfung fast eingeschlafen, und ich schäme mich offenbar noch nicht genug, greife ich noch einmal zur Lüge von Augsburg. »Den Gönk bekommt man nur ganz selten zu Gesicht«, flüstere ich ihr ins Ohr.

Ich bin ein desaströser Erziehungsberechtigter, sagt mir meine innere Stimme, als ich das schluchzend schlafende Mädchen im Arm halte. Leider sagt mir die Stimme nicht, wie ich mich des Gönks entledigen könnte. Was soll ich tun? Den Gönk auswandern lassen? Für verschollen erklären? Für tot? Nein, das geht nicht, wenn ich, der Erzieher, noch irgendwie ohne Selbstekel in den Spiegel schauen will.

Ich gehe zu Bett, deprimiert. »Du Vollgönk«, sagt meine Frau zu mir, und mehr sagt sie nicht. Ich liege im Dunkeln. Die Vorhänge wehen. Aus dem Halbschatten tritt ein riesenhaftes, warzengesichtiges, klauenbewehrtes Monstrum. »Ich bin der Gönk«, gurgelt es bassdröhnend aus den Tiefe seiner Höllenkehle, »und jetzt mach' ich Dich platt.«

Klitschnass und mit Herzrasen erwache ich. Am nächsten Morgen gehe ich reumütig zum Bett meiner Tochter, die sich gerade die Augen wachreibt. Es ist an der Zeit für ein Geständnis. Für die Wahrheit. Die Wahrheit über den lügenden Vater. »Meine Maus«, hebe ich an, »ich muss Dir was sagen: Es gibt überhaupt keinen Gönk.«
Meine Tochter tätschelt mich. »Doch Papa, den Gönk gibt es schon.« Sie lächelt. »Aber den bekommt man nur ganz, ganz, ganz selten zu Gesicht.«

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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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