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17.09.01

Magdi Aboul-Kheir

Bild dir keine Meinung

Jeden Morgen kotzen.

Keiner zwingt mich, in dieses Blatt hineinzuschauen, ich weiß schon, danke für den Hinweis.

So einfach ist das aber nicht. Millionen im Prinzip denkender Wesen blickt täglich in diese entfaltete und bedruckte Spucktüte, am Frühstückstisch, am Kiosk, auf dem Klo, in der Kantine, im Großraumbüro – und nicht wenige bilden sich da ihre Meinung. Nicht ausschließlich, aber auch. Die meisten der Leser bestreiten das. Und doch prägt diese Zeitung. Schürt Stimmungen, lehrt die Stammtische. Die Macht der Quantität.

Über 5000 Menschen sind in den USA bei den Terror-Anschlägen ums Leben gekommen. Eine unfassbar schreckliche Tat. Zynisch, abscheulich. Ein Boulevardblatt darf an solchen Tagen in Gefühlen wühlen, gewiss. Doch was diese Hamburger Schundschreiber seit diesem furchtbaren Dienstag bieten, ist verachtenswert. Hysterie, völlig enthemmte Emotionalisierung, pure Polarisierung, Kriegstreiberei. Keine Analyse, kein Interesse an Hintergründen, an komplexen Zusammenhängen. Hier Gut, da Böse, aber bitte ohne Differenzierung, ohne Ursachenforschung.

»Großer Gott, steh uns bei«, prangt am Tag nach dem Attentat auf dem Titel, und Der Große Gastschreiber F. J. W. sucht auch gleich mal »Zuflucht bei Gott«. Doch der Rauch »ist zu groß, ich sehe ihn nicht mehr«. Der Teufel lacht, doch »wir werden die apokalyptischen Reiter besiegen«. Ja, das wollen wir lesen, das ist die richtige Gesinnung!

W. legt noch eins drauf: »Es ist wie bei Hitler. Die Weltmacht Terror überfiel uns im Schlaf.« Dreiste Analogie, Geschichtsverfälschung. Sprachgewordene Hirnfäkalien. Doch W. marschiert voran: »Ich bin Amerikaner.« Bestimmt auch stolz darauf. Und dank W. sind wir alle dabei alle, schreien den Satz in unser Universum hinaus: »Wir sind alle Amerikaner.«

Tags drauf: Solidarität mit Amerika wird integraler Teil der Verlagsverfassung. Ein journalistischer Offenbarungseid. »Was auch geschieht, wir stehen unverbrüchlich an der Seite Amerikas.« Auch wenn irgendwo maßlos Zivilbevölkerung bombardiert werden sollte? Auch bei aktionistischer Dumpfbackenpolitik aus dem Hause Bush? So verständlich der Zorn in den USA, so unzweifelhaft notwenig die kompromisslose Bekämpfung des Terrorismus ist: Dürfen wir keine Mittel mehr in Frage stellen? Dürfen wir nicht zumindest Methoden diskutieren, abwägen? Dürfen wir uns nicht für zielgerichtete, effektive, angemessene Maßnahmen einsetzen?

Bild dir deine Meinung? Von wegen. Bild dir keine Meinung, schrei einfach mit im großen Vergeltungs-Chor, schreite einfach mit im Regiment der Rächer.

Am Donnerstag hissen wir die Flaggen und lesen: »Fünf Minuten schlagen unsere Herzen im Gleichklang der Nation.« Geschmackloser Trümmerkitsch. Blumiges auf den Leichenbergen New Yorks.

Am Freitag blickt die »Terror-Bestie« vom Titel. »Bild zeigt das Foto von Mohamed Atta (33). Er ist Araber.« Das muss reichen. Wir sind Amerikaner. Er ist Araber. Der Teufel hat endlich ein Gesicht. Viel besser als diese langweiligen Sexualstraftäter.

Die Welt kann so einfach sein. Jeden Tag sechs, sieben, auch mal elf Seiten Terror und die Folgen. Seite auf Seite, Schlag auf Schlag. Ängste schüren, und vor allem vorauseilendes Strammstehen. Die Prominenz marschiert mit: »Ich bin Amerikaner, weil ...«

Dieser Journalismus untermauert blinde Vergeltungsmentalität. Geht es nur um Auflage? Terror sells? Nein: Das ist Verlagspolitik. Das ist Massenmanipulation, publizistische Mobilisierung.

Dann als Krönung W.s »Requiem für New York«. Die Stadt der drei Elemente, Wasser, Licht, Sehnsucht. Ergreifende Prosa angesichts des Abgrunds. Was für ein Autor. »Wer sich zu dir retten konnte, war gerettet.« Ewige Wahrheiten, große Worte. Sinatras Augen, die sich im Anblick der Metropole blau gefärbt haben. New York. »Du hast jedem seine Chance gegeben.« Die »großherzigste Stadt«, jetzt die »ermordete Stadt.«

Gottseidank gibt es ihn. Gottseidank gibt es W., der mutig den Weg weist. Denn »wir werden dich aufbauen«, dich, New York. Ja, Wagner, bau es auf. Nehmt ihm das Schreibgerät weg, drückt ihm eine Maurerkelle in die Hand!

Sagen wir es auf Amerikanisch: »Bild is a four-letter-word.«



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Magdi Aboul-Kheir

Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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