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31.10.05

Magdi Aboul-Kheir

Im Wald, da sind keine Räuber. Und keine Wölfe. Höchstens Mörderpuppen.

Es ist eine Torheit zu glauben, man könne Kinder so ohne weiteres zugleich zu künstlerischer Empfindsamkeit und psychischer Robustheit erziehen. Kaum betritt man die fantastische Märchenwelt, bleibt man an den Dornen der Gewalt hängen, stolpert man über die Wurzeln der Brutalität und landet im Sumpf des Bösen.

Dabei verliefen im Fall von Dana die Anfänge verheißungsvoll. Als ich einst von einer Auslandsreise nach Hause kam, brachte ich meiner Frau – wohlgemerkt meiner Frau – als Mitbringsel Chucky mit. Chucky, bekannt aus bösen, sarkastischen Horrorfilmchen wie »Chucky, die Mörderpuppe«, »Chuckys Baby« und »Chucky und seine Braut«. Filme, in denen der kleine, fiese Titelcharakter mit schrillem Lachen allerhand Menschen dahinmeuchelt. Ich versteckte den ziemlich echt aussehenden Stoff-Chucky – gut 45 Zentimeter groß, in Ringelpulli und Latzhose gekleidet, mit wilden roten Haaren auf dem Kopf, stierem Blick, üblen Narben und Klammern in der irren Killervisage – im Bett meiner Frau. Wo er von Dana, damals 15 Monate alt, gefunden wurde. Und ins Herz geschlossen.

Die beiden, Dana und Chucky, waren von da an unzertrennlich. Meine lockenköpfige Tochter drückte die struppige Horrorgestalt an sich, liebkoste sie, sabberte sie voll, nahm sie mit in ihr Bettchen. Dana wollte sich auch nicht von Chucky trennen, wenn wir das Haus verließen, um beispielweise auf dem Wochenmarkt einzukaufen. Meine Frau und ich, natürlich spießig auf unsere Außenwirkung bedacht, versuchten, Dana davon abzuhalten, drängten ihr Teddybären, Stoffhasen und Spielhunde auf, vergebens. »Kackie!«, verlangte Dana. Schon bald darauf sagte sie richtig »Chucky«, übrigens noch ehe sie ihren eigenen Namen korrekt aussprach.

Chucky saß also mit Dana im Kinderwagen und grinste die Welt diabolisch an. Passanten drehten sich um, starrten erst Chucky, dann Dana, dann uns an, bevor ihr Blick wieder von Chucky gebannt wurde. Sie schüttelten entgeistert den Kopf, raunten sich – freilich für unsere Ohren deutlich vernehmbar – Sachen zu wie »Was die Leute heute ihren Kindern zu spielen geben, das Letzte« und »pädagogisch unverantwortlich«. Chucky grinste zu all dem nur gemein. Eine flüchtige Bekannte sprach Dana an: »Du hast aber eine hässliche Puppe.« Dana verstand nicht genau, begriff aber durch den Tonfall, dass etwas Abschätziges über ihren Liebling gesagt wurde. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie flüsterte »Chucky«. Der Stoffwicht grinste noch ein wenig breiter als sonst, so schien es mir zumindest. Die flüchtige Bekannte, die sich leider nicht verflüchtigte, hakte nach und deutete auf Chuckys entstelltes Gesicht: »Was hat der denn da für schreckliche Narben?« Dana schaute sich ihren kleinen Freund mit einer arglosen Neugier an, als ob sie ihn noch nie betrachtet hätte. Dann fuhr sie mit ihren winzigen Fingern über die Narben und sagte in herzensmildem Tonfall: »Ach, der Chucky.«

Es war ganz einfach: Dana hatte keinen Sinn für Chuckys Hässlichkeit. All das Dämonische, Hinterlistige, Hundsgemeine, das Erwachsene sofort in seinem Antlitz wahrnehmen, entging ihr. Für sie sah er ganz normal aus – eben normal für einen Chucky. Von den ästhetischen Kriterien und psychophysiognomischen Kategorisierungen der Erwachsenen war sie noch unbeleckt, sie nahm jedes neue Wesen unvoreingenommen, wertneutral an. »Ach, der Chucky.«

Die Monate, schließlich Jahre vergingen, mit der Zeit kamen doch andere Lieblingspuppen ins Spiel, ein riesiger rosaroter Panther lief Chucky schließlich den Rang ab, und die Mörderpuppe hatte nur noch gelegentliche Einsätze im Kinderzimmer, wenn sie zum Erschrecken von liebem Besuch aus der Puppentruhe auftauchte.

Ja, die Monate, die Jahre vergehen, und Dana nimmt immer mehr von der vorurteilsbehafteten, angstvollen, neurotischen Erwachsenenwelt wahr. Mit all ihrer kindlichen Sensibilität. Ich besuche mit der dreijährigen Dana ein Kindertheater. »Die Bremer Stadtmusikanten« in harmlos plüschiger Ausstattung mit zwei maskentragenden Akteuren, die sich in den zahlreichen Rollen fast schon albern abmühen. Esel, Hund, Katze und Hahn mischen – wie es aus der altgedienten Grimmschen Vorlage bekannt ist – nach langweiligem Vorgeplänkel die Räuberhütte im Walde auf, die Räuber schreien und ballern und rennen davon. Meiner Tochter ist das alles viel zu viel. Zu laut, zu hektisch, zu aggressiv – ängstigend. »Ich will keine Räuber im Märchen«, verlangt sie danach, als sie wieder aus meiner Jacke auftaucht, »Räuber sind doof«.

Einige Monate später folgt ein erneuter Theaterversuch: »Rotkäppchen«. Grimm wie gehabt, der Wolf verspeist vorschriftsmäßig die Großmutter, und meine Tochter flippt aus. »Ich hab Angst! Der böse Wolf! Ich will keinen Wolf mehr.«

Mir schwant schlimmes. Wer sich im Märchen vor Räubern und Wölfen fürchtet, wird auch an den Punkt kommen, wo ihn das Verspeisen netter Tiere schockiert. Das kann ich auf keinen Fall wollen. Erst kürzlich ist sie von meinem Vortrag des Liedes »Fuchs du hast die Gans gestohlen« völlig aus der Bahn geworfen worden – zunächst wegen der gestohlenen Gans, dann wegen des Jägers mit dem Schießgewehr. Ein mitterweile zartes Gemüt, dem muss Rechnung getragen werden.

»Ich will die Bremer Stadtmusikanten hören«, verlangt meine Tochter jedoch bald darauf überraschend von mir. Allerdings unter einer Bedingung: »Ohne Räuber.«
Ich seufze, tue aber, wie mir aufgetragen wird: »Es war einmal ein Mann, der hatte einen Esel. Dieser hatte schon so viele Jahre Säcke zur Mühle getragen. Seine Kräfte gingen zu Ende, schließlich konnte er nicht mehr arbeiten. Sein Herr beschloss, den Esel nicht weiter zu füttern. Sterben aber wollte der Esel nicht, deshalb lief er fort. Er wollte nach Bremen, um dort Stadtmusikant zu werden. Unterwegs traf er einen alten Jagdhund, eine Katze und einen Hahn, die schlossen sich ihm an. Abends kamen sie in einen Wald, in dem sie übernachten wollten. In der Ferne entdeckten sie ein Licht. Sie liefen hin, und weil es überhaupt kein Räuberhaus war, gingen sie hinein. Und da es ihnen dort gut gefiel, verzichteten sie darauf, nach Bremen zu gehen und beschlossen, für immer zu bleiben.«
»Was ist denn das für ein doofes Märchen?«, fragt mich meine Tochter erbost.
»Die Bremer Stadtmusikanten ohne Räuber«, sage ich.
»Aber da passiert ja gar nichts«, stellt Dana fest. »Das ist ja total langweilig.«
»Natürlich. Magst Du es doch lieber mit Räubern hören?«
»Nein.«
»Und was sollen wir jetzt machen?«
»Erzähl mir vom Rotkäppchen?«
»Bist Du sicher?«
»Ja. Aber ohne Wolf!«

Wieder seufze ich. »Es war einmal ein süßes Mädchen, die hatte jedermann lieb, vor allem ihre Großmutter«, lege ich los. »Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen aus rotem Samt, und von da an hieß es Rotkäppchen. Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: ›Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus. Mach dich auf, bleib auf dem Weg, sonst fällst du hin, und die Großmutter hat nichts davon.‹ ›Ich pass auf‹, sagte Rotkäppchen. Die Großmutter wohnte draußen im Wald. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete ihm kein Wolf, kein einziger. Übrigens auch kein Räuber. Daher kam Rotkäppchen unbehelligt zur Großmutter, gab ihr Kuchen und Wein, die Großmutter freute sich, das Rotkäppchen auch, und wenn sie nicht gestorben sind, dann essen und trinken sie noch heute.«

»Das ist ja ein Scheiß-Märchen«, giftet meine Tochter.
»Ja, aber ...«
»Ich will überhaupt keine Märchen mehr hören«, sagt meine Tochter. »Ich will Fernsehen gucken.« Eigentlich ist Fernsehschauen bei uns strengen Regeln unterworfen. Dana blättert in der Programmzeitschrift. »Das will ich ansehen.« Sie deutet auf ein Foto im Nachtprogramm. Ein guter alter Bekannter grinst uns diabolisch und blutrünstig an. »Chucky – Die Mörderpuppe ist zurück«. »Das ist was für Kinder«, sagt Dana bestimmt, und dann herzensmild: »Ach, der Chucky.«

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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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