Zur Druckversion

22.09.08

Wilhelm Ruprecht Frieling

Der Gummibaum

»Einen wunderschönen guten Tag!« Elegant öffnet der rundliche Herr die zweiflügelige Tür und betritt den Raum. Er lüftet den Hut, er grüßt in die Runde.

Gleich neben der Eingangstür stehen ein in abgeschabtes Tannengrün gekleideter Sessel und ein dreibeiniger Beistelltisch, auf dem Zeitschriften liegen. Daneben thront eine barocke Vitrine, in der Sammeltassen und Souvenirs ausgestellt sind. Der Schlüssel ist abgezogen. An der gegenüber liegenden Wand des Raumes lehnt ein weiterer dunkel gebeizter Schrank mit Glasscheiben. Eine kleine Kristallgondel, bunte gläserne Bowlespieße sowie ein stilisierter Gondoliere aus schwarzem Plastikdraht mit Strohhut erzählen von Venedig.

Der Besucher spaziert versonnen durch den weitläufigen Berliner Salon. Die Mitte der Wohnstube ziert ein gemusterter Teppich, dessen blaurotes Muster persische Herkunft vermuten lässt. Darauf ruht ein runder Tisch, dessen polierte Platte ein Häkeldeckchen vor Zeitschriftenstapeln, Büchern und Broschüren schützt. An dem mächtigen Tisch warten sechs lederbezogene Stühle auf Gäste. –

»Schönen guten Tag!« Ein weiteres Mal grüßt er und schwenkt dazu den Hut. Altersschwach ächzt das betagte Parkett unter seinen Sohlen. Er schwimmt durch den Raum, er umgeht den Tisch, und er betritt am anderen Ende des Zimmers einen von Sonnenlicht durchfluteten Erker, in dem ein Gummibaum seine fleischigen Blätter ausstreckt.

»Es ist eine Freude, Sie zu sehen, Herr Gummibaum!«, sagt der Besucher und reicht dem Baum zur Begrüßung die Hand. »Ihnen geht es heute offensichtlich gut!« Mit seiner Rechten nimmt er ein fleischiges Blatt der mannshohen Pflanze und schüttelt es herzlich. Er wirft einen kurzen Blick durch die Vorhänge. »Draußen wird es endlich wieder wärmer. Das wird Sie freuen.« Der Mann legt den Kopf ein wenig nach links und betrachtet die Grünpflanze durch die Flaschenböden seiner dicken Brille. »Ihre Blätter sehen gut aus: sie glänzen heute besonders prächtig!« Erneut drückt er das fleischige Blatt. »Sicher hat unser guter Doktor Sie heute früh gleich als erstes poliert!« Er kichert verschämt: »Tja, wenn wir ihn nicht hätten, wenn wir ihn nicht hätten!«

Umständlich legt der Besucher seinen abgetragenen Trenchcoat ab. Mantel und Hut hängt er an einen Garderobenständer, der seit Jahrzehnten neben dem Baum Dienst tut. Er stäubt sich unsichtbare Schuppen vom Einreiher und streicht mit beiden Händen sein schütteres Haupthaar nach hinten. Der oberste Knopf der bejahrten Anzugsjacke spannt, er zieht die Jacke in Form und wendet sich wieder dem Gummibaum zu: »In der letzten Woche war es mir einfach unmöglich, hierher zu kommen. Ich hatte strengsten Hausarrest wegen der Birkenpollen, die mir wieder schrecklich zu schaffen machen.« Mechanisch zieht er ein gefaltetes Taschentuch hervor und betupft Nase und Stirn: »Sie wissen wohl, mit Allergien ist nicht zu spaßen!« Das Tuch verschwindet wieder in der Hosentasche, er zieht die Schultern hoch und dreht die Handflächen entschuldigend nach außen. »Ab sofort komme ich wieder regelmäßig her. Die Gesundheit doch ist unser höchstes Gut!«

Schwitzend zerrt er an dem schmalen Knoten seiner Strickkrawatte und verschafft sich zusätzlich Luft, indem er den Kragen mit dem Zeigefinger lockert. »Ganz schön heiß hier drin!« Die dicken Blätter der Pflanze nicken zustimmend. Staubfäden taumeln in den Sonnenstahlen, die durch weiße Tüllgardinen leuchten. Der Mann streicht sich erneut mit den Händen über Haar und Ohr. »Na, ich nehme mal Platz und warte, bis ich an die Reihe komme.« Er verbeugt sich noch einmal leicht gegenüber der schweigsamen Pflanze und grüßt: »Man sieht sich, Herr Gummibaum!«

Er geht zurück und setzt sich in den alten Sessel mit Blick zur Tür. Dies ist sein Platz, hier sitzt er immer, wenn er in die Sprechstunde kommt. Sofort widmet er sich den Zeitschriften auf dem Nierentisch, dessen Oberfläche schwarz glänzt und mit einem Muster in Türkisblau und Altrosa sowie goldenen Sprenkeln verziert ist. »Nervenheilkunde«, »Psychologie heute«, »Der Nervenarzt«, »Zeitschrift für Gerontopsychologie« und andere medizinische Fachblätter liegen zur Lektüre aus. Der Mann lächelt sanft und zieht eine zerfetzte »Micky Maus« unter dem Stapel hervor. Er hatte das für Kinderpatienten gedachte Heft bei seinem letzten Besuch dort abgelegt und nimmt es nun schmunzelnd zur Hand! Mit kindischer Freude blättert er in den Erlebnissen von Donald, Dagobert und ihren drei jungen Neffen und genießt die Stille. Da dringt eine Fistelstimme an sein Ohr. –

»Was Sie nicht sagen! Und das hat Sie wirklich gesagt?!« – Verstört blickt der Mann im Sessel auf. Wer spricht da, ist denn außer ihm noch jemand im Zimmer? Ja, da klingt offensichtlich ein menschliches Stimmchen. – »Manche Leute sind völlig plemplem«, tönt es erneut, und da sieht er es: ein dürres Männlein mit einer maisgelben Strickmütze hockt auf einem Stuhl, den er ganz nah an den Gummibaum heran gezogen hat. Der Schlacks wird fast von der Pflanze verdeckt, mit der er sich offenbar angeregt unterhält. Aber der Gummibaum hat doch noch nie gesprochen! Wieso spricht er denn plötzlich?

Irritiert verstaut der Dicke das Comic-Heft wieder unter dem Stapel und erhebt sich. Als suche er nach neuer Lektüre, geht er unbeteiligt zu dem Tisch in der Raummitte und greift eine der dort liegenden Illustrierten, um darin zu blättern. Dabei schielt er auf den Kerl im Baum. Der hält den Kopf gesenkt und liegt fast auf einem der tellergroßen, dunkelgrünen Blätter. Seine Augen sind geschlossen, nur die Lippen bewegen sich im Zwiegespräch: »Was Sie hier alles erleben! Ich würde gern einmal mit Ihnen tauschen, Herr Gummibaum, und hier im Zimmer Mäuschen spielen«, seufzt die gelbe Mütze.

Der Dicke versteht immer noch nicht, was die Grünpflanze erzählt. Er greift die Illustrierte und bewegt sich langsam in Richtung Erker, um wie zufällig an seinem Mantel an der Garderobe zu fingern. Ein dünnes Lachen weht von der anderen Seite des Baum herüber: »Die Alte kenn ich, die ist komplett verrückt! Was werden hier nur für Leute behandelt!«. – Er tut einen weiteren Schritt vor, als wolle er aus dem Fenster auf die Straße schauen und legt dabei sein Ohr auf eines der fleischigen Blätter der Grünpflanze. – »Das ist wirklich kaum zu glauben!«, hört er die Strickmütze piepsen.

Für ihn bleibt der Baum stumm. »Herr Gummibaum, Herr Gummibaum, ich kann Sie nicht verstehen«, flüstert er seinem alten Freund leise zu. Das Gewächs starrt still. Es missachtet ihn. Auf der anderen Seite der Pflanze brabbelt das Männlein derweil unverdrossen vor sich hin und amüsiert sich königlich über die Geschichten, die der alte Baum zum Besten gibt: »Köstlich! Köstlich! Das müssen Sie mir jetzt aber ausführlicher erzählen.«

Gekränkt verbeugt sich der Mann vor seinem langjährigen Bekannten und schleppt sich wieder auf den Besuchersessel zurück. Er ist knatschig und auch ein wenig sauer. Die Pflanze kann sprechen, und er hielt sie stets für stumm! Seit Jahren plaudert er freundschaftlich mit dem Gummibaum, und jetzt muss er erfahren, dass der Strauch ihm die Rolle des Stummen nur vorgespielt hat. Dafür spricht das Gewächs mit einem dürren Schleimer, der fast in ihr Blätterwerk hinein kriecht! Ist das der Lohn für die vielen Freundlichkeiten, die er dem Baum in den letzten Jahren zukommen ließ? Er versteht die Welt nicht mehr, die hier besser geordnet ist als sonst wo in der Stadt. –

Endlich wird die Flügeltür geöffnet. Ein Arzt in weißem Kittel nickt ihm einladend zu und bittet zur Audienz: »Der Nächste bitte!« Der Dicke springt auf, er drückt dem Doc die Hand und keucht aufgeregt: »Herr Doktor, Herr Doktor, der Baum, der alte Gummibaum ... er spricht, ja, er spricht!« Sanft schaut ihn der Mediziner an und streicht seinen melierten Knebelbart, bevor er antwortet: »Es tut mir wirklich leid, und es ist mir auch ein wenig unangenehm. Aber der Baum ist eine alte Klatschtante. Erst heute früh habe ich ihn verwarnt, sich zurückzuhalten mit den Krankengeschichten, die er hier zum Besten gibt. Aber, versuchen wir den Gummibaum zu verstehen: er ist schrecklich einsam und hat deshalb seit Jahren einen Mitteilungsdrang, der kaum zu bremsen ist.«

Der Mediziner schließt die Tür des Wartezimmers und führt seinen verdutzten Patienten in sein abgedunkeltes Ordinationszimmer. Einladend weist er auf eine geräumige Couch und ergänzt: »Ich habe ihm gesagt, er kommt ins Treppenhaus, wenn er sich weiter so vorlaut benimmt. Aber Sie bemerken ja selbst, er kann seine Klappe einfach nicht halten! – Nun, dann wollen wir mal mit unserem Tagespensum beginnen ...«

Mit seinem weißen Taschentuch tupft sich der Dicke die glänzende Stirn und sinkt auf die Liege.

Diese Kolumne finden Sie auch in Wilhelm Ruprecht Frielings Buch »Angriff der Killerkekse«.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Wilhelm Ruprecht Frieling.

Foto: Wilhelm Ruprecht Frieling

Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

Ausgewählte Kolumnen von Wilhelm Ruprecht Frieling

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Wilhelm Ruprecht Frieling