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22.12.05

Wilhelm Ruprecht Frieling

Die Gänse sind los

Lautstarkes Geschnatter macht mich munter. Verschlafen taste ich nach meinem Wecker und streichele sein Gefieder, um ihn zu beruhigen. Der flaumige Entenwecker ist ein launiges Geschenk meines Nachbarn, der Federvieh züchtet. Doch das Geschnatter wird intensiver. Es kommt von draußen! Müde erhebe ich mich und schaue aus dem Fenster.

Draußen glitzert frisch gefallener Schnee. Auf Nachbars Wiese schnattern einige hundert Gänse aufgeregt in der weißen Pracht umher. Hallelujah, die Gänsevögel sind wieder frei! Ein gutes Zeichen, ein wundervolles Zeichen! Die Sendboten des Winters dürfen wieder frische Luft schnappen. Wie Vorkoster an feudalen Höfen stellt das Federvieh sich der Auseinandersetzung mit frei fliegenden tödlichen Influenzaviren und bekommt dazu behördlich genehmigten Freigang. Sämtliche aktuelle Gefahren aus den Weiten des Alls, die uns umtosen, scheinen für den kurzen Augenblick gebannt.

Dieses Himmelszeichen bedeutet für mich, dass auch mein freiwilliger Dornröschenschlaf endet. Endlich kann ich wieder vor die Tür treten, die ich seit Monaten vorbeugend verschlossen und verriegelt hielt. Mit dieser Vorsichtsmaßnahme wehrte ich erfolgreich Infektionen ab. Als ausgewiesener Sicherheitsfanatiker hatte ich mich voll mit dem eingesperrten Federvieh solidarisiert, mich der befristeten Ausgangssperre während des Vogelflugs der wilden Gänse solidarisch angeschlossen und mein Heim in eine uneinnehmbare Festung mit prall gefülltem Vorratskeller verwandelt. Eingehende Post ließ ich mir durch die Katzenklappe reichen, und selbst in den Spiegel schaute ich nur mit Mundschutz. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und der Vater der Weisheit. Was Gänsen recht ist, soll mir billig sein.

Für meinen ersten Freigang vermumme ich mich, steige in ein Thermokleid, streife den Atemschutz über, stecke für Notfälle ein Ozonspray ein und tappe vorsichtig ins Freie. Auch andere Menschen scheinen sich inzwischen wieder heraus zu trauen. Draußen pulsiert das Leben, als hätte es nie eine Gefahr gegeben. Ein verschmutzter gelber Bus rollt vorüber, seine Insassen wirken abgeschlagen und müde, aber sie leben. Pausbäckige Schulkinder sind unterwegs, und meine tattrigen Nachbarn begießen ihre alten Tage mit Klatsch und Tratsch. Der debile Bäckergeselle verrechnet sich unverdrossen wie vor dem Vogelflug. Selbst der permanent in einer stinkigen Nikotinwolke lebende Zeitungsverkäufer, dessen Laden ich grundsätzlich nur mit Sauerstoffmaske und abgezähltem Geld betrete, hat alle Attacken auf Leib und Leben anscheinend unbeschadet überstanden.

Gut, hier und da schnieft, schnauft und schnupft es elendig, grüner Schleim tropft aus entzündeten Nasen, und feucht-fiese Niesssssssssser explodieren wie verzweifelte Selbstmordattentäter in unmittelbarer Nähe. Aber das scheint mir üblich in dieser Jahreszeit. Hauptsache, die gefürchtete Vogelgrippe verschonte unser Wohngebiet. Jetzt gilt es, in dieser Austastlücke der neuen Pest die in den letzten Monaten verbrauchten Eichhörnchenvorräte wieder aufzufrischen, Keller und Kasten zu füllen, um gegen den nächsten Angriff der Natur gewappnet zu sein. Auf in den Supermarkt! Per Kleinlaster wird geschleppt und gebunkert, was Haus und Hof fassen können. Mit den Gänsen kommt auch die Konjunktur wieder in Fahrt. Schaut in meinen Warenkorb, dort wird es sichtbar: Die Binnennachfrage zieht an, denn auch die Vorräte einer von Viren belagerten Festung werden irgendwann einmal knapp. Doch was darf man noch kaufen und ungestraft verzehren?

Hühner- und Putenfleisch ist vermutlich zwischenzeitlich von verborgenen Pestviren verseucht, die den wenigen überlasteten Lebensmittelkontrolleuren entgangen sind. Deshalb lasse ich Geflügelprodukte links liegen. Schweinepest und Rinderwahn haben die Freude an Schnitzel und Braten verdorben. Das kommt ebenfalls nicht infrage. Zu allem Überdruss bringt die Industrie zu Weihnachten ungenießbare Fleischabfälle auf den Tisch. Wer mag schon rückdatiertes Gammelfleisch erwerben? Ob australisches Kängurufleisch, afrikanischer Krokodilschwanz, chinesisches Welpengulasch oder japanischer Walspeck schmackhafte Alternativen sind, lasse ich dahingestellt. Fleisch ist derzeit jedenfalls nicht mein Gemüse.

Doch selbst dem Vegetarier wird das Überleben schwer gemacht. Obst und Gemüse sind schadstoffbelastet und verseucht. Zwar locken knallrote Tomaten und giftgrüne Paprika, doch wahrscheinlich stammt alles, was lecker aussieht, aus Frankensteins Laboren und wird auf verrottetem Fischmehl gezogen. Was lese ich Bedenkliches über Nitrate, Pestizide, Blei, Quecksilber, Cadmium und Salmonellen! Hinzu kommt die Globalisierung der Mikroben. Mit Erdbeeren aus Chile, Ananas aus Mexiko oder Salat aus Marokko reisen Bakterien aus fernen Ländern visafrei ein und verwandeln unsere Körper in bakterielle Asylantenheime. In dieser Hinsicht reagiere ich ausnahmsweise fremdenfeindlich und halte Diskretionsabstand.

Ob das Zeug, das ich stattdessen für die nächste Belagerung kaufe, und das sich vor allem durch lange Haltbarkeit auszeichnet, gesünder ist? Manchmal glaube ich, jedes Konservierungsmittel einzeln heraus schmecken zu können. Vielleicht sollte ich mich mit dieser Fähigkeit in der Goldbärenshow »Wetten, dass..?« bewerben. Dort allerdings müsste ich mich in einer Halle mit abertausend Virenträgern mischen. Und wie heißt es schon in der Bibel, im Koran und im »Wachturm« der Zeugen Jehovas: »Wer sich in Gefahr begibt, wird darin umkommen«. Soll der Fernsehsender zum Risiko bereite Trottel für seine Show gewinnen, ich bleibe lieber daheim und übe mich im Überleben.

Mein Survivalset ergänze ich stattdessen mit einigen Packungen des Grippemittels »Tamiflu« (100 Tabletten bei DocMorris für stolze 333,60 Euro) und einem Hunderterpack »Atemschutzmasken FFP2V« (zum Internet-Schnäppchenpreis für 295,00 Euro) und einem leistungsstarken Fernglas. Ab sofort beobachte ich aus meinem Küchenfenster mit dem Feldstecher Nachbars Gänse. Strecken die gefiederten Wächter ihre gelben Quanten verendet in die Höhe, wird es wirklich allerhöchste Eisenbahn, die Schotten dicht zu machen und sämtliche Zugbrücken wieder hochzuziehen.

Bis dahin streichele ich meinen Entenwecker und träume von gesünderen Zeiten. Haaaaaaaaatschi!

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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