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29.07.05

Wilhelm Ruprecht Frieling

Bayreuth wagnert in Apricot

Juli und August sind Hochzeiten für Kulturfestivals in Nah und Fern. Gerade genieße ich im südfranzösischen Avignon das lebenslustigste Bühnenfestival, das die Provence zu bieten hat, da juckt mein Telefon. Auf allen Plätzen und Straßen der Papststadt wird musiziert, gesungen und gespielt. Hunderte Kleinkunstbühnen und Kompanien aus Nah und Fern treffen sich und machen auf ihre farbenprächtige Kunst aufmerksam. Mein Anrufer platzt in dieses frohe Treiben mit einem unwiderstehlichen Angebot: »Komm schnell nach Bayreuth. Für morgen abend habe ich dir eine Eintrittskarte für Tristan und Isolde besorgt!«

Jeder eingefleischte Wagnerianer gerät bei einer solch unerwarteten Einladung vor Freude aus dem Häuschen. Er taumelt ins Auto, gibt Gas und braust zum grünen Hügel. Denn der »normale« Weg, legal an Karten für die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele zu kommen, führt an das Ende einer mumifizierten Warteschleife, die inzwischen länger als zehn Jahre brav ausharren und sich zudem einem Ritual bürokratischer Bewerbungen unterwerfen muss.

Deshalb findet sich im Buschwerk rund um das Bayreuther Festspielhaus auch manch vermodertes Gerippe, das ein Schild »Suche Karte« über den Tod hinaus fest umklammert hält. An solch einer sich schier endlos windenden Schlange elegant vorbei ziehen zu können, also ein Jahrzehnt Wartezeit nahtlos zu übergehen, bedeutet einen Sprung durch ein sich jäh öffnendes Zeitfenster. Eine herrenlose Eintrittskarte für Bayreuths heiligen Gral ist ein Wahnsinnsgeschenk.

In Avignon lacht die Sonne. Bei vierzig Grad Hitze sorgt der Mistralwind für angenehme Frische. Zikaden zirpen zart zum Fest; vom Himmel strahlt ein Lavendelrest. 1.300 Kilometer Anreise nach Oberfranken bedeuten eine anstrengende Autofahrt. Zudem kenne ich die Bayreuther Festspiele inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Wagner an anderen Bühnen deutlich spannender inszeniert wird als im Walhall der Wagner-Erben. Trotz echter spontaner Begeisterung danke ich von ganzem Herzen und bleibe weiterhin im Süden.

Inzwischen sah ich Ausschnitte aus Christoph Marthalers in Bayreuth uraufgeführter Inszenierung des Liebesdramas um Tristan und Isolde. Danach habe ich wenig verpasst. Das Erzählen der Tristan-Geschichte auf »elektrische Art und Weise« unter dem Einsatz von potthässlichen Lampen und zahllosen Lichtschaltern mag auf Lichtallergiker beunruhigend wirken. Wagner und seinem Werk verleiht der Lampenladen als Regieidee wenig Feuer. Ähnlich war es schon im Vorjahr, als Aktionskünstler Christoph Schlingensief mit einem vergammelten Hasen Wagners »Parsifal« revolutionieren wollte und damit sowohl das Andenken an Joseph Beuys beschädigte als auch gelangweiltes Gähnen im Publikum erzeugte.

Das wirklich Sehenswerte an den Premierenfeiern in Bayreuth ist der Schaulauf der Schicken, Schönen, Mächtigen und Reichen. Diese Galavorstellung allein lohnt schon den Besuch. Das schlohweiße Stammpublikum, das sich teils heute noch innerlich vor der »Führerloge« verneigt, pilgert zum Hügel. Es umkreist andächtig das Festspielhaus, bevor es auf die hart erkämpften Klappstühle sinkt und gebannt das Heben des Vorhangs erwartet. Manchen der Anwesenden geht es weniger um den Hörgenuss. Es geht um das seit mehr als hundertzwanzig Jahren gepflegte Ritual des Defilees am Premierenabend.

Vor zwei Jahren, gespielt wurde »Lohengrin«, begrüßte der olle Wolfgang Wagner Bayerns Landesvater Stoiber im schwarzen Smoking mit »Herr Bundeskanzler«, als dieser beim Klang der dritten Fanfare als Stargast einmarschierte. Die damals in der Frage der Kanzlerkandidatur unterlegene Frau Merkel kam in einem krachbunten Kimono, bei dessen Anblick Karl Lagerfeld schlagartig zwanzig Kilo verloren haben soll. Showmaster Thomas Gottschalk stolzierte mit Samtanzug und Cowboystiefeln über den roten Teppich und verteilte fleißig Autogramme an seinen Fanclub; vielleicht hatte er auch Goldbären und Lakritz dabei. Brünstig grinste Schlagerstar Roberto Blanco aus einem roten Blazer mit Goldknöpfen seine Groupies an.

In diesem Sommer bekleidet Frau Merkel unbestritten die Hauptrolle im sommerlichen Festspielzirkus. In Bayreuth wird die Dame als Kaiserin ante portas behandelt, die so schnell wie möglich den Cohiba-schmauchenden Brioni-Kanzler ablösen will. Ihr auf den Leib komponiert schimmert das Sehnsuchtsmotiv des tragischen Liebestods von Tristan und Isolde: gis – a – ais – h. Träumt die Kandidatin beim Klang dieses Motivs von König Markes Thron, vom Bundeskanzler(innen)amt oder streng in Wagners Sinn vom Wunderreich der (tödlichen) Nacht?

Die meinungsbildende Presse reagiert begeistert über den ersten öffentlichen Auftritt der frisch gekürten Kandidatin. Chefredakteure und Meinungsführer schwärmen von Angela Merkels »glanzvollen Auftritten« (Bunte) und betonen den »neuen Lady-Look« (FAZ). Auf den Titelseiten seriöser Blätter wird gerätselt, ob die Kanzlerin in `spe in »hellem Pink, Aprikose, Meloneneis oder Blütenschaumrosa« (Berliner Zeitung) in Bayreuth vom Himmel stieg. Jedenfalls entzieht sich Merkels Pastellton politischer Deutung, und allein das beflügelt die Journaille im ausgebrannten Sommerloch.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kollegen, wurden Euch die Geschmacksknospen weggeätzt? Wird der Wahlkampf ab sofort in der Kleiderkammer der Favoritin geführt? Welche Seife und welches Intimspray benutzt sie denn; mag sie lieber Erdbeer- oder Aprikosenmarmelade; bevorzugt sie Pepsi oder Coca Cola; welche Kopfschmerzpillen empfiehlt sie gegen Mobbing? – Wagnert demnächst vielleicht ganz Deutschland in Apricot?

Wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern nimmt das Publikum Notiz von der Roben der Macht. Wer schon einmal am grünen Hügel war, der weiß: das Volk giert danach, sich über derartige Banalitäten auszulassen! Bayreuth liefert den Einheimischen ausreichend Gesprächsstoff für lange fränkische Winterabende. Ich bin vielleicht kein »urteilsfähiger« Kritiker, wie es neuerdings zur Klassifizierung der Berichterstatter im allgemeinen heißt, aber mir erschien die Thronanwärterin wie ein überbordender Aprikoseneisbecher mit Sahne. Statt Natürlichkeit und Unauffälligkeit zu betonen, wird unsere tapfer-brave Angela als »leader of the gang« kostümiert. Herausgeputzt als »Boss der Bande« soll sie ab sofort auch in modischen Fragen den Ton angeben. Englandkenner schmunzeln, wenn sie an die unvorstellbare Palette möglicher Bonbonfarben denken.

Auf mich wirkt Angela Merkel, als würde sie sich auf Bayreuths Bühne gern Wagners Tristan von der politischen Seele ringen und singen: »Dies furchtbare Sehnen, / das mich sehrt; / dies schmachtende Brennen, / das mich zehrt; / wollt´ ich es dir nennen, / könntest du es kennen ...«

»Ach, Engelchen, welch Seelen schlummern nur in deiner Brust?« – »Besonders toll finde ich Dein eilig gebastelt wirkendes Handtäschchen, über das jemand flink ein Stück Stoff vom Kostüm geklebt zu haben scheint. Es erinnert mich an eine selbst gemachte Tasche aus Zewa-Küchentüchern, die mir Freunde im Scherz zu meinem Geburtstag schenkten, und die eine Tüte Gummibären enthielt. – Tja, und die Art der Knöpfe Deiner Jacke! Sie erinnern mich wirklich total an die DDR-Jugendmode! – Wegen Deines zerknitterten Oberteils hatte ich eine Sekunde lang befürchtet, als Noch-Nicht-Kanzlerin wärst Du aus Sicherheitsgründen stundenlang im Kofferraum Deiner gepanzerten Limousine transportiert worden. Aber steht Dir denn kein knitterfreier Platz im Fond zu? – Uiiiii, der Saum Deines Rockes macht sich selbständig! Kräuselt es sich, weil Deine Designerinnen es so wollen, oder runzelt er etwa die Stirn?«

Pardon! Mir macht das neue Outfit von Angie, die vor kurzem noch als »sprechender Hosenanzug« abgetoffelt wurde, wenig Hoffnung auf einen Neuanfang der Politik im derzeitigen Deutschland. Wo ist derjenige, der sich aufbäumt und die modischen Ratgeber und Stylisten der Frau in die Wüste schickt? Immerhin schaffte es der Bayerische Rundfunk, einen hässlichen Schweißfleck unter der Achsel der ins Publikum winkenden Kandidatin elegant weg zu retuschieren. Auch die »Bunte« druckt Frau Merkel ab sofort Millionen mal garantiert schweißfrei.

Die an Pressefälschungen aus dem sowjetischen Revolutionschaos erinnernden Fotobearbeitungen führen immerhin noch hinter den Kulissen zu Auseinandersetzungen um das Für und Wider von Bildern, die lügen. Hätte der eifrige Retuscheur besser gleich die gesamte Figur komplett neu eingekleidet! Er könnte Angela Merkel als Starschnitt in »Bravo« veröffentlichen. Durch den reißenden Absatz würde er quasi über Nacht ein steinreicher Mann mit Dauerabo in Bayreuth sowie seines Zeichens erster Modeminister im Kabinett Merkel.

Möglich scheint mir noch folgendes: Vielleicht wollte die in Apricot wandelnde Thronfolgerin wegweisend die optische Veränderung ihrer eigenen Partei dokumentieren und nutzt dafür stilsicher Richard Wagners heilige Hallen! Denn statt CDU-Schwarz ist soeben als neue Farbe das im Spektrum der Aprikose benachbarte saftige Orange auserkoren worden. Orange sei eine optimistische Farbe, die Aufbruch, Perspektive, Zuversicht signalisiert, verkünden die Gedankenmacher im Hauptquartier Konrad-Adenauer-Haus, das zeitgleich poppig in »arena 05« umgetauft wurde. – Damen und Herren, aufgemerk(el)t!! Es geht diesmal nicht um die Wurst. Es geht mindestens um die Wurstfabrik! –

In der CDU-Zentrale gibt es deshalb auch aktuelle T-Shirts mit Merkel-Porträts. Darauf ist das Gesicht der sich stark im Kommen wähnenden hippen Angela in das Kämpfergesicht des kubanischen Freiheitshelden Ernesto Che« Guevara hinein kopiert worden. Darunter prangt ein stummer Schrei nach »Revolution!«, angesichts dessen sich der echte »Che« im Grabe wälzen dürfte. – Wird Berlin unter Merkel vielleicht Partnerstadt von Havanna, und kommen die Retter des Landes dann auch wie einst auf Kuba von den Bergen?

»Hört, Ihr Leut´ und lasst Euch sagen: / die Glock´ hat elfe geschlagen. / Bewahrt euch vor Gespenstern und Spuk, / dass kein böser Geist eur´ Seel´ beruck´!«, singt der Nachtwächter in Wagners »Meistersingern«. – Ich wagnere sicherheitshalber noch ein paar Tage im schönen Frankreich, höre »Tristan und Isolde« von CD, trinke ein Glas »Chateau Migräne« und beobachte gelangweilt die weitere Entwicklung. – À bientôt!

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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