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03.01.07

Michael Meyn

Hallo?! Wir warten auf's Christkind!

Das Jahr 2006 war sehr kostspielig für mein Rippchen und mich. Ich will nicht weiter ins Detail gehen, weil ich sonst sofort wieder weinen müsste, und dann würde ich die Tasten nicht mehr sehen, tausend Tippfehler machen, etc. Aufgrund unserer finanziellen Lage haben wir uns dazu entschlossen, Weihnachten ausfallen zu lassen. Also, nicht Weihnachten an sich, sondern nur den Teil mit den Geschenken. Natürlich, wir haben Wünsche; mein Rippchen will einen Hund. Ich will keinen Hund, ich will ein Laptop. Sie will kein Laptop, auch dann nicht, wenn es einen Hund als Screensaver hätte.

»Was sollten wir uns auch schenken?«, fragte mein Rippchen und kuschelte sich auf der Couch an mich. »Wir haben doch alles, was wir brauchen.«
Die Frage war also eher rhetorisch gemeint. Ich nickte heuchlerisch: »Das sehe ich auch so, Schnuckie. Wir haben uns!«
Sie konnte mich nicht täuschen. Ich wusste, dass sie sich nicht an unsere Vereinbarung halten würde. Wahrscheinlich hatte sie das ganze Jahr eisern für mein Laptop gespart. Kann man sich eine bessere Frau wünschen? Fast schon hatte ich ein schlechtes Gewissen. Sollte ich ihr doch noch schnell einen Hund kaufen? Neeee, ich musste stark sein. Keine Geschenke dieses Jahr!
»Eben! Es heißt ja auch ›Diamonds are a girl's best friend‹ und nicht ›a wife's best friend‹, stimmt's?«. Sie hauchte mir einen Kuss auf's Ohr.
Nun wurde ich unsicher. Diamanten? Erwartete sie etwa von mir, dass ich ihr Schmuck kaufen würde? Was war auf einmal aus dem Hund geworden, den ich ihr per Abmachung dieses Jahr nicht schenken würde? Nun mussten es schon Diamanten sein? Die Raffgier der Frauen werde ich nie nachvollziehen können.

Meine schwache Blase trieb mich nachts aus dem Bett. Auf dem Weg zum Badezimmer hörte ich Rascheln und das Verrücken von Gegenständen. Es kam aus dem Gästezimmer. Leise pierschte ich mich heran und beobachtete mein Rippchen, wie sie im Schrank herumwühlte. Aha, dort versteckte sie also mein Weihnachtsgeschenk! Das wollte ich mir später etwas genauer anschauen. Leider fand ich später nichts. Offenbar hatte sie ein besseres Versteck für mein Laptop gefunden. Dies galt es nun aufzuspüren. Als Frühaufsteher habe ich den Vorteil, die Morgenstunden in aller Ruhe verbringen zu können. Spätestens ab 5 Uhr durchkämmte ich regelmäßig die Wohnung. Ein Laptop lässt sich leicht verbergen, weil es so schön schmal ist. Demnach konnte es praktisch überall sein. Auf Socken schlich ich geräuschlos durch die Zimmer, prüfte Bücherregale, Schubladen, Schränke, Hängeschränke und Kommoden, wuchtete die schwere Couch vom Teppich, buddelte in der Asche im Kamin, sowie in allen größeren Blumentöpfen und entfernte eine mir verdächtig hohl klingende Wand zwischen Flur und Wohnzimmer. Alles ohne Erfolg. Mein Rippchen war zu gerissen und ihr Versteck unauffindbar. Selbst im Kofferraum unseres Autos schaute ich nach. Auf der rechten Seite, gleich neben dem Ersatzreifen, befindet sich ein kleines Geheimfach. Darin hätte ich den Hund versteckt, wenn ich denn einen gekauft hätte. Mein Rippchen wusste nämlich nichts von der Existenz des Fachs. Dachte ich zumindest. Als ich es öffnete, entdeckte ich eine nagelneue Hundeleine, ein Halsband und einen Kauknochen.

»Himmel, Arsch und Dingenskirchen!« stöhnte ich in gebrochenem Deutsch. »Sie bereitet sich auf einen Hund vor!« Ich legte mich in den Kofferraum und dachte angestrengt nach. Wie sollte es jetzt weitergehen? Konnte ich es mir überhaupt leisten, nun keinen Hund zu besorgen? Ganz offensichtlich rechnete mein Rippchen mit vierbeinigem Zuwachs. Nein! Deal ist Deal. Was für ein Ehemann wäre ich, wenn ich nicht zu meinem Wort stünde? Soll sie ruhig ihr Versprechen brechen und mir ein Laptop schenken. Stört mich nicht. Ich aber würde mit gutem Beispiel vorangehen und standhaft bleiben. Sie konnte wirklich dankbar sein, einen echten Mann geheiratet zu haben. Ein Mann, auf den man sich verlassen kann!

Heilig Abend:

Ich saß vorm Fernseher und knusperte an einem Stück Lebkuchen, das uns eine Bekannte aus Deutschland geschickt hatte. Egal auf welches Programm ich schaltete, überall liefen Filme, in denen Leute mit Geschenken überschüttet wurden. Selbst mein Rippchen seufzte genervt, knibbelte die Törchen meines Adventskalenders auf und futterte die Schokolade, die ich vierundzwanzig Tage mühselig angespart hatte.
»Lass die Finger von meinem Laptop!« verhaspelte ich mich. Doch ich tat einfach so, als sei mir mein Freud'scher nicht rausgerutscht. »Ja, du hast richtig gehört. Lass die Finger von meinem Adventskalender!«
»Ich liebe dich auch, du Hund!« versprach sie sich und schob die Korrektur gleich hinterher: »Du Schuft, meine ich. Du Schuft!«
»Ich geh' pennen. Nacht! Und frohe Weihnachten!«
»Wuff!«

Silvester:

Wir standen auf dem Balkon. Es war Mitternacht. Über dem Stratosphere Tower knallte ein dekadentes Feuerwerk. Mit romantisch verklärten Blicken hielten wir uns an den Händen. Es war unsere Nacht. An Neujahr hatten wir uns kennengelernt. Der perfekte Augenblick für eine Geschenkübergabe.
»Frohes neues Jahr, Schnuckie!« Etwas zögerlich umarmte ich mein Rippchen. Wo war mein verdammtes Geschenk? Sie dachte anscheinend ähnlich.
Die Falten auf ihrer Stirn schrien nach einem Hund. Ich merkte es aber auch daran, wie sich ihre Fingernägel in meinen Rücken bohrten. Und wie sie kaum hörbar »Scheißkerl!« in meinen Brustkorb schnaubte, gefolgt von einem etwas lauterem »Frohes neues Jahr, Schatz.« Unsere Oberlippenbärte pieksten unsere Oberlippen in einem flüchtigen Kuss. Dann packte ich ein paar Sachen zusammen und verbrachte den Rest der Nacht laut klagend in einem Motel.

Diese Kolumne finden Sie auch in Michael Meyns 2007 erschienenem Buch »Vegas, Schnuckie!«.

Seit Mitte 2011 ist »Vegas, Schnuckie!« endlich auch zum Beispiel bei buecher.de als Ebook erhältlich!



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