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05.08.07

Michael Meyn

46,6 Grad Celsius

Liebe Leser, ich bin schlapp. Sehr schlapp! Die ersten beiden Sätze dieses schlappen Textes schaffte ich nur mit einer kurzen Zwischenpause.

Woran liegt's? Der Sommer ist hier. Im Radio sagt mir eine weibliche Stimme quietschvergnügt: »It's gonna be another hot one today!« Ach ja? Seit April kommt jeden Tag der gleiche Spruch von ihr. Ich werde eine Kolumne über überflüssige Jobs im Radio schreiben! Sobald ich nicht mehr so schlapp bin ...

116 Grad Fahrenheit waren es gestern und 116 Grad Fahrenheit sind es auch heute. Das sind ungefähr 46,6 Grad Celsius. Morgen soll es sich aber auf 113 Grad Fahrenheit (45 Grad Celsius) abkühlen. Bis Ende September geht es dann weiter rasant runter mit den Temperaturen, so auf etwa 109,5 Grad Fahrenheit (43,05 Grad Celsius). Ein Klima-Umschwung, den ich auch sofort in allen Knochen spüren werde!

Ich kann mit Wärme nicht sonderlich gut umgehen. Knapp über dem Gefrierpunkt komme ich schon ins Schwitzen. Sollte ich mich auch noch bewegen müssen, sind die Klamotten schnell nass. »Schwitzen ist gesund!«, hat mein Sportlehrer früher oft und gerne behauptet. »Es reinigt die Poren.« Ich habe es ihm geglaubt; trotzdem stinke ich wie 'ne alte Oma unter'm Rock, wenn ich transpiriere. Unglaublich, was da bei mir für ein Gestank aus den gereinigten Poren kommt! Ich selbst rieche nichts, doch mein Rippchen vergräbt ihre Nase häufig mit einem erstaunten »BOAH!« in meinen Achselhöhlen und kann danach viele Stunden lang nur noch auf einem Auge sehen.

»Zum Glück herrscht in Las Vegas eine sehr trockene Hitze.« Das ist eine beliebte Floskel, die bei 46,6 Grad Celsius nirgendwo auf Beifall stößt. Muss ich mich nun – in meiner Schweißpfütze kniend – auch noch dafür bedanken, dass es nicht schwül ist? Ich gebe zu, es ging mir in Staaten wie Florida und Kansas bei weitaus niedrigeren Temperaturen ebenfalls beschissen, weil dort die Luftfeuchtigkeit so hoch war, dass man aufpassen musste, nicht aus der eigenen Kleidung zu flutschen. Jedoch gehört das der Vergangenheit an. Im Moment kämpfe ich mit sehr trockener Hitze. 46,6 Grad Celsius!

Bei 46,6 Grad Celsius verändert sich auch das Stadtbild von Las Vegas. Die Ärmsten der Armen kriechen langsam auf den Bürgersteigen voran. Wer auf öffentliche Verkehrmittel angewiesen ist, muss mit Verspätungen rechnen, weil die Motoren der Linienbusse schnell und feige den Geist aufgeben. Schlanke Menschen nutzen den schmalen Schatten von Palmen, während sie auf den Bus warten. Der übergewichtige Rest brutzelt dahin, der Sonne schutzlos ausgeliefert. Reiche Leute haben es eindeutig besser. Sie werden per Hubschrauber aus den kochenden Luxuslimousinen befreit und direkt zum nächsten Pokertisch geflogen.

Weder reich noch arm fahre ich mit meinem Auto zur Arbeit. Morgens geht es noch. Da muss ich mich nur ein- bis zweimal abschleppen lassen. Tückisch wird's nach Feierabend. Springt der Wagen an? Bleiben mir die Reifen auf dem weichen Asphalt kleben? Explodiert gleich alles? Interessiert es mich überhaupt?

Eigentlich interessiert einen in der flirrenden Hitze von 46,6 Grad Celsius gar nichts. Höfliche Konversation wird auf das Nötigste begrenzt. Ein »Have a nice day!« des gestelzt freundlichen Kassierers im Supermarkt beantworte ich meist mit einem laschen »Shut up! Don't talk to me!«. Sprechen kann sehr anstrengend sein. Meine Nachbarn grüße ich seit Mai – besser gesagt, seit 33,7 Grad – überhaupt nicht mehr. Auch nicht das nette Pärchen von schräg gegenüber, mit dem wir regelmäßig die Bibel studieren. Ist mir wurscht, dass sie uns in ihrem Testament großzügig bedacht haben. Sie sollen in der Hölle schmoren, und ihre Kinder sind verabscheuenswert!

Nach einem strapaziösen Arbeitstag schaffe ich es – so mein Auto will – gerade noch nach Hause. Dann vergewissere ich mich, dass die Klimaanlage auf -14 Grad eingestellt ist und stelle mich nackt vor den Lüftungsschacht. Mein Rippchen mag das nicht. Es fröstelt sie rasch, weshalb man sofort die Klimaanlage ausschalten muss. Für solche Stunts habe ich höchstens im Winter Verständnis. Heute aber nicht. Nicht bei 46,6 Grad Celsius! Trotzdem stänkerte sie eben herum: »Mir ist kalt!« Wenn man mit einem schwer angebratenen Gehirn nachdenkt, können die ausgesprochen Gedanken viel Schaden anrichten. Allein meinem Instinkt hatte ich es zu verdanken, dass ich meinem unterkühlten Weibchen nicht aus reiner Boshaftigkeit bis ins kleinste Detail unter die Nase rieb, wie ich jeden Morgen ohne einen Anflug von Verklemmtheit unter der Dusche uriniere. Es hätte mich in der Hierarchie unseres Zwei-Personen-Haushaltes gleich um mehrere Stufen zurückgeworfen. Darum sagte ich nichts und verschwand im Badezimmer, wo ich mich unter einem erfrischenden Wasserstrahl abkühlte und ... erleichterte.

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Michael Meyn

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