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09.09.15

Manfred Prescher

Miststück der Woche IV/41 – Die Ärzte: »Schrei nach Liebe«

Sicher erinnert sich noch der eine oder die andere daran, dass Manfred Prescher in der heutigen Kolumne über eine alte Disconummer schreiben und die hitzigen Zeiten unter der Glitzerkugel wieder aufleben lassen wollte. Doch dieser Leserinnenwunsch muss noch warten, denn aufgrund eines aktuellen Ereignisses wird nun ein anderer Favorit vorgezogen.

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf – und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, dass du nur noch die Welt retten musst oder dass Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

Die Ärzte: Die Bestie in Menschengestalt (Cover)

Nur echt mit dem dreifachen »Arschloch«: Der »Schrei nach Liebe«, mit dem die Ärzte vor Jahr und Tag, was hier 1993 meint, ihren Spott über die Neonazis ergossen. Das Stück hat damals freilich gut gepasst. Als Bela B. und Farin Urlaub den Song schrieben, hatte man noch den Mordanschlag von Mölln in den Köpfen, er machte den aufgeklärten Zeitgenossen fassungslos. Und daher sorgte das Lied, das als Vorabsingle des Ärzte-Comeback-Albums »Bestie in Menschengestalt« im September 1993 veröffentlicht wurde, ebenso rasch wie folgerichtig für Furore. Es war aber nicht nur dieses eine rechte Verbrechen, das die Ärzte zu ihrem Statement veranlasste: Seit Januar 1990 und bis die Single herauskam, starben durch rechtsradikale Straftäter 55 Menschen, die meisten davon hatten in Deutschland nach Schutz und Sicherheit gesucht.

Als aufrichtige Punks verabscheuten die Ärzte den rechten Mob schon immer, und sie hatten von Anfang an mit ihm zu kämpfen. Wenn ich mich an frühe Konzerte der Band oder von den Toten Hosen erinnere, waren immer wieder Skinheads zugegen – um zu stören, oder weil in der mit Punksounds durchwirkten Plattensammlung neben »Störkraft und den Onkelz« auch noch Platz für »Opel Gang« oder »Debil« blieb. Auch genügte der geistige Raum zwischen den braunen Hirnlappen, um sich auf Trinklieder und harmlose Witzeleien einzulassen. Aber beide Bands wollten keine Nazis im Publikum, so dass es speziell bei Hosen-Konzerten schon mal zu Handgreiflichkeiten kam. Deshalb ist »Schrei nach Liebe« auch damals ein offensives Statement gegen die Dumpfbacken vom rechten Rand gewesen: Egal, warum ihr so geworden seid, es interessiert uns nicht – so könnte man das Lied zusammenfassen. Es wird auf frühkindlichen Liebesentzug und »Angst vorm Schmusen« hingewiesen. Wer aber in der Psychologenpraxis von Dr. Farin und Dr. Bela auf der Couch liegt und dergestalt analysiert wird, der bekommt auch gleich verbal eines auf die Mütze. Denn egal, wie die frühen Jahre im Mief von Plattenbauten, Datsche, verrußtem Reihenhäuschen in Duisburg-Wedau oder westdeutschem Großstadtghetto verliefen, oder warum das innere Kind den Erwachsenen zwingen mag zu zündeln, zu prügeln und alle Grenzen von Menschlichkeit oder auch nur von gesittetem Benehmen hinter sich zu lassen – jede Begründung ist einen feuchten Kehricht wert. Denn ein erwachsener Mensch mit gesunden ethisch-moralischen Wertvorstellungen kann sich einfach nicht vor Fremdenhass bebend an anderen Personen vergreifen.

Die Ärzte

Foto: Die Ärzte

Natürlich hat der »Schrei nach Liebe« nichts verändert, das wäre von einem Popsong, der weder nach Hintergründen fragt, noch Lösungen bieten kann, etwas zu viel verlangt. Im Gegenteil: Das Lied verhärtet Fronten bewusst, auch deshalb, weil Bela und Farin schon beim Schreiben klar war, dass keine Bildungsinstanz und auch keine erfolgreiche Punkband die »Bestien in Menschengestalt« belehren, bessern oder verändern kann. Für mich ist das Statement der Ärzte daher in erster Linie ein Zeichen von Abgrenzung und damit auch von Resignation. Der Riss durch die Gesellschaft ist tief wie der Marianengraben und somit unüberwindbar. Deshalb bleibt nur »Arschloch! Arschloch! Arschloch!« zu rufen, so wie es rund 20 Jahre nach den Ärzten auch Die Toten Hosen mit ihrer Version des Stückes gemacht haben. Der Unterschied: Während Campino und Co. nun zum Beispiel glauben, die Böhsen Onkelz hätten sich vom faschistischen Gedankengut und den braunen Fans gelöst, sagen Farin und Bela unisono, dass »einmal Nazi immer Nazi« bedeutet. Sie erinnern sich an die frühen, rechten Liederlichkeiten wie »Hass« oder »Deutschland«. Und deshalb bleibt nur das Wort »Arschloch!« über.

Aber warum schreibe ich über die olle Kamelle von anno Schnupftabak? Weil sich zwischen Leer (im Kopf) und Bad Blödmann nicht viel verändert hat. Weil der Hass auf Asylbewerber wieder zu Gewalt und rechtem Terror führt. Weil Ausländerfeindlichkeit von Menschen zelebriert wird, deren Deutsch oft deutlich schlechter ist als das mancher Zugewanderter. Man schaue sich nur den Videoaufruf zum Fackelmarsch an, den die Trierer NPD dankenswerterweise zur Abschreckung auf Youtube lancierte. Das sind dann auch die Gründe, die die »Aktion Arschloch« dazu bewogen hat, das 22 Jahre alte Lied wieder in die Hitparade zu pushen. Der leider nach wie vor sehr aktuelle Oldie hat es doch tatsächlich via Online-Flashmob auf Platz 1 geschafft. Mit Duldung der Band, die spontan und folgerichtig jeden verdienten Cent an Pro Asyl spendet. Denn wenn schon der Song nichts bewirken kann, weil er die Dickschädeldecken schlicht nicht zu durchdringen vermag, können es zumindest die Tantiemen. Traurige Notiz am Rande: Direkt hinter »Schrei nach Liebe« rangierten zumindest in der Download-Hitliste die Onkelz mit ihrem »Wir bleiben«. Vermutlich was sie waren.

Ihr da draußen, seid nett zu anderen Menschen und bedenket fein, dass es reiner Zufall ist, wo man geboren wird oder wo man aufzuwachsen hat. Niemand ist dafür verantwortlich, ob er Deutscher, Syrer, Inder oder Indianer ist. Nur für sein Verhalten kann er was – und dafür, ob er Mensch bleibt oder zum »Arschloch!« mutiert. Damit will ich es für diese Woche auf sich beruhen lassen und verspreche, dass es in der kommenden Ausgabe – völlig unpolitisch – um Discomusik gehen wird.


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