29.10.16

Manfred Prescher

Miststück des Monats Oktober – Rag'n'Bone Man: »Human«

Cover: Rag'n'Bone Man: Human

Also, da sagt doch tatsächlich einer meiner Gesichtsbuch-Freunde, dass dieser Rag'n'Bone Man weniger »Pop« und »Mainstream« sei, als zum Beispiel Nick Cave oder Regina Spector. Als mein Mentalcoach gerade die nächste Runde »Hirschgold« ordert, weil er ja schlecht mit seiner badischen Fass-Gerste ins Lokal marschieren kann, bin ich darüber echt entrüstet. Und als er, weil ihm ganz »Human« nix menschliches fremd sein kann, den Umweg über den örtlichen Regenraum wählt, bin ich schon im Auflösungszustand: Als er zurückkommt, und das Lied von Rag'n'Bone Man zum dritten Mal binnen Stundenfrist durch das Feierabendradioprogramm geistert, werde ich so langsam sauer: »Das Lied ist dermaßen volkstümlich, dass es zu Gott und allem, was auf seiner Welt fleucht, kompatibel ist. Außerdem geht es mir allmählich weidlich auf den Sack«, bin ich ehrlich zu mir und meinem mir nun wieder brav zur Rechten sitzenden und zuprostenden Berater für alle Lebenslagen, Lebenslügen und sogar Lebensliegen. Denn, so sagt er immer, »wie man sich bettet, so liegt man«. Und was man so hört, sagt leider nicht mehr viel über den Menschen aus. Denn Beliebigkeit hat sich als Humangut (oder -schlecht) eingebürgert.

»Aber richtig schlecht ist doch der Song nicht. Außerdem hat der Typ da im sozialen Netz auch Recht. Nachdem zum Beispiel Nick Cave immer so nett adrett gekleidet ist, dass er als Investmentbanker, der ob seines vermutlich wegen des Brexits dahinbröckelnden Hedgefonds-Gewinns mürrisch schaut, durchgehen könnte…« Nun, an dieser Stelle unterbreche ich ihn, denn erstens ist der Bandwurmsatz kaum mit bloßem Hirn nachvollziehbar und zweitens freue ich mich wie ein Schneekönig, wenn einer in seine feuchte Aussprache einen echten Genitiv einzubauen weiß. Freude ist halt ein zutiefst menschliches Gefühl, praktisch ein Art Urmuster der positiven Emotion, und deshalb stehe ich auf und umarme ihn spontan: »Freude schöner Götterfunken und doch gehört sie zu uns, denn er hat uns ja angeblich aus einem Eimer Batz herausgeformt. Nach seinem Ebenbild. Weswegen zu vermuten ist, dass er eigentlich ein Haufen Batz ist. Was so manches erklären würde. Auch, warum Rag'n'Bone Man so einen ungepflegten Zauselbart hast und du deinen auch nicht stutzt.«

Aber halt, natürlich tue ich das, bloß nicht heute. Ich achte auf meine Außenwirkung, das heißt, dass ich eben doch nicht rülpse und furze, trotz lutheranischer Frühprägung und dem Wunsch, evangelischer Pfarrer zu werden. Drum sind die Gardinen, denen ich predige, immer gewaschen, ja sogar mit Hoffmanns Wundermittel gestärkt. Und die Flecken, die praktisch bei jeder Mahlzeit unweigerlich auf das Hemd wandern, wie die nordafrikanische Heuschreckenbrut in Richtung der Küste von Fuerteventura, sind mir zumindest peinlich. »Unsere Emotionen müssen wir nicht nur erkennen, sondern zulassen. Das sagte schon Marianne Rosenberg, die Erfinderin der Gewaltfreien Kommunikation«, stellt mein Mentalcoach wieder den Zusammenhang zu den letzten ernsthafteren Gedanken her, die uns in Ermangelung aktueller Fußballergebnisse grad beschäftigten. »Was das Zulassen betrifft«, stelle ich klar, ist es wohl doch oft besser, besonders die negativen Gefühle in eine ebenso massive wie verschließbare Schachtel zu stecken und das Ding dann einfach zuzulassen.« Mein Mentalcoach meint, dass sei dann aber Verdrängung, stellt aber klar, dass ohne Verdrängung kein Schiff irgendeinen sicheren Hafen anlaufen könnte. Und genau das wollen wir Menschen doch, nachdem man uns aus dem Batz-Eimer geschüttet hat: Einen sicheren Hafen, mit einer Mauer, die nicht gleich umfällt, wenn man sich dagegen lehnt. »Apropos Hafen«, sagt er. Da denk ich immer an den alten Dick-und-Doof-Film, in dem der Oliver Hardy in eine mit Beton ausgegossene Halbkugel gestellt wird und sich wackelnd dem feuchten Abgrund nähert. Aber das tun wir ja eigentlich alle. Die Szene ist ein Sinnbild für unseren täglichen Kampf.« Menno, das ist nun wieder so defätistisch, dass ich glatt den Löffel abgebe, weil ich nebenbei ohnehin den Teller mit den Teigwaren und der »lecker Soße« (Helge Schneider) leergegessen habe. Und mich wieder dem »Hirsch Gold« widme. Das ist schließlich menschlich, genauso wie der Wunsch, sich an Liedern wie »Human« festzuhalten. »Übrigens: In Landsberg am Lech gibt's eine Firma, die heißt Batz Trockenbau. Gott lebt also doch«, sagt mein Mentalcoach noch und zieht ohne Umweg über »Start« oder »Lokus« erneut in Richtung Tresen.


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