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06.07.01

Philipp Seidel

Wir wienern uns einen Golf – Die RTL2-Erotik-Freakshow

Eigentlich sollte man meinen, das niedrigste Niveau im deutschen Fernsehen werde in diesem Jahr durch das neue Programmschema von tm3 repräsentiert. Unlängst konnte RTL2 den anderen Sender aber übertrumpfen. Und zwar mit dem spät in der Nacht ausgestrahlten Beitrag "Traumhaus der Erotik", der aus mehreren Einzelfilmen bestand.

Bemerkenswert war einer mit folgender Handlung: Eine Frau steht in einer Garage und putzt einen alten VW Golf. Wie alle in Garagen stehenden Frauen trug sie nur eine Latzhose, hinter deren Trägern die Brüste ab und an keck hervorlugten. Als der Lack schön glänzte, rieb sie den Auspuff ganz besonders gut ab. In der nächsten Einstellung spritzte dann weißer Schaum aus dem Putzeimer. Da wußte man als Zuschauer dann schon, daß da wohl weißer Schaum aus dem Putzeimer spritzt.

Und zwar genau auf die Latzhose. Die Frau sagte dann etwa folgendes: "Oh, genau auf die Hose gespritzt. Die muß ich jetzt wohl ausziehen.". Klar, daß nach dem Putzeimer auch der Zuschauer schon überschäumte. Um auch den letzten Sexmuffel aufzurütteln, hat man der Frau übrigens bei der Synchronisation eine Männerstimme verpaßt, die im Folgenden noch einiges Weitere in die Garagenluft brummte. (Vielleicht könnte man auch "Baywatch" noch mal neu ins Fernsehen bringen und Pamela Anderson von Ottfried Fischer sprechen lassen.)

Die Hose also rutschte und gab den Blick frei auf riesige Brüste, deren Ausformung man nur als eigenwillig beschreiben kann, oben und eine gigantische Operationsnarbe (Blindarm? Gehirn?) unten. Die Kamera machte Großaufnahmen von den Brüsten und fuhr runter zur Narbe, dann turnte die Dame im Höschen ums Auto herum. (Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle, daß es offensichtlich ein deutsches Kennzeichen hatte – das Auto, nicht das Höschen –, das mir leider entfallen ist.)

Aus Gründen, die zu nennen Drehbuchautor und Regisseur dem Publikum schuldig bleiben, mußte sich die Frau kurz darauf auch vom letzten Stück Stoff trennen, und die Narbe tanzte noch ein wenig mit einem Lederlappen in der Hand herum und rieb den Frauenleib erfreut am glänzenden Lack. Anschließend wrang sie den Lappen aus, strich ein letztes Mal zärtlich über den alten Golf und lächelte dankbar einen Apparat der Firma Wilms am Bildrand an, der offensichtlich eigentlich zur Reinigung des Autos vorgesehen gewesen wäre.

Aber da RTL2 schließlich weiß, was Männer wirklich wollen, ließ die Protagonistin den in der Ecke stehen und kümmerte sich selbst um die Säuberung. Danke, RTL2, jetzt können wir guten Gewissens ins Kloster gehen. Es gibt keine Männerphantasien mehr.



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Philipp Seidel wurde 1974 auf eigenen Wunsch in Eutin in Schleswig-Holstein geboren. Es folgten Zivildienst, Volontariat, Studium (Amerikanistik, Germanistik, Psychologie). Redakteur bei einer [..]

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