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05.06.07

Magdi Aboul-Kheir

Stranger than Video, Down by Festplattenrecorder

Mancher Zivilisationskritiker würde gern im Mittelalter auf Aventüre gehen, manche würden sich im alten Rom Lust und Völlerei hingeben oder gar pelzig behaart und grunzend auf die Bäume zurückkehren, doch ich liebe die technisierte Gegenwart. Ausgefeilte Geräte wie iPod, Fußperlbad und Festplattenrecorder lassen mich die Moderne feiern. Wobei wir jetzt mal Musikwahn und Hornhäute beiseite lassen – vor allem der DVD-Recorder ist eine Offenbarung. Nach all den Jahren mit unzuverlässiger Videotechnik: digitale Zuverlässigkeit statt analogem Chaos. Kein enervierender Bandsalat und keine panische Kassettensuche mehr.

Mit diesem Gerät steht einem die Welt offen. Was für Möglichkeiten: In den Urlaub fahren und dabei alle Folgen der Lieblingsserie aufnehmen. Die Werbung aus Spielfilmen herausschneiden. Vor allem: Ein Programm aufzeichnen und zugleich ein anderes ansehen. Während man beispielsweise einen Film mit Chuck Norris anschaut, kann man parallel einen mit Jean-Claude Van Damme aufzeichnen. Wenn man das will. Oder man zeichnet sich die aktuelle »Lindenstraße« auf, weil man zuvor noch die »Lindenstraßen« der drei vergangenen Wochen ansehen muss. Wie meine Frau das will. Sie hat bekanntlich einen eigenen Geschmack, was Filmkonserven betrifft.

Und wie wunderbar sind erst all die prachtvollen DVD-Editionen. So steht in unserer Wohnung eine liebevoll ausgestatte Box mit Universal-Horrorfilmen herum (samt Kleinbüsten von Dracula, Wolfmann und Frankensteins Monster) und daneben der komplette Jim Jarmusch. Weniger denn je ist man für einen qualitätsvollen audiovisuellen Abend auf das Fernsehprogramm angewiesen. Ich greife einfach ins Regal, um mal wieder »Frankenstein Meets the Wolf Man« oder »Stranger than Paradise« zu goutieren.
»Wollen wir uns mal wieder einen Jarmusch reinziehen?«, frage ich dann meine Frau voller ansteckender Begeisterung.
»Geh mir weg mit Deinem Jarmusch«, sagt meine Frau und besucht die Lindenstraße. Dann spiel ich halt ein wenig mit dem Wolfmann.

Schlimm? Viel schlimmer war es früher. Mit Schrecken denke ich ans Videozeitalter zurück. Die meisten kokettieren damals damit, ihren Recorder nicht programmieren zu können. Das fand ich albern. Natürlich war ich in der Lage, das Gerät zu programmieren. Also bitte, so kompliziert war das nun auch wieder nicht. Der blöde Kasten nahm nur nicht die Sendungen auf, die ich meinte, programmiert zu haben. Ich wollte auf ARD »Liebesgrüße aus Moskau« mit Sean Connery aufzeichnen, stattdessen bekam ich die Radbahn-Europameisterschaft auf Eurosport geboten.

Die nächste Generation der Videorecorder bot eine revolutionäre Funktion namens »Showview«. Nun musste man nicht mehr umständlich und letztlich vergeblich Datum, Uhrzeit und Sender eintippen, sondern nur einfach und letztlich vergeblich einen achtstelligen Zahlencode: Anstatt »Liebesgrüße aus der Lederhose« mit Peter Steiner auf Sat1 gab es nun Snooker-Duelle auf Eurosport.

Zu den Rätseln meines Lebens gehört das Phänomen, dass meine Recorder – egal, welches Programm ich aufzeichnen wollte – überwiegend Eurosport-Sendungen auf Video bannten. Ein Sender, der vor allem durch seine Vorliebe für undynamische, wenig telegene Sportarten auf sich aufmerksam machte; und durch seinen eigenartigen Mut, internationale Sportereignisse von rassistischen Kommentatoren moderieren zu lassen. Statt »Liebesgrüße aus Tirol« mit Peter Weck bekam ich einmal das Afrika-Cup-Fußballmatch Burkina Faso gegen Kongo vorgesetzt, inklusive ethnologischer Betrachungen aus der imperialistischen Epoche.

Den Höhepunkt der Inkompetenz erreichte ich, als eine sehr gute Freundin mich bat, an aufeinanderfolgenden Abenden einen Arte-Zweiteiler über die Geschichte der Psychoanalyse aufzunehmen.
»Kannst Du Deinen Videorekorder programmieren«, fragte sie.
»Klar«, log ich vollmundig.
Ich programmierte die erste Psychoanalyse-Sendung, ging aus dem Haus, kam zurück, und überzeugte mich davon, dass sich Wrestling-Kämpfe aus dem Hause Eurosport auf dem Videoband befanden.
Am nächsten Tag beichtete ich meiner Bekannten das Missgeschick, worauf sie kurz angebunden meinte: »Hauptsache, es klappt heute Abend, der zweite Teil ist sowieso der wichtigere.«
Diesmal ging es also ums Ganze. Ich beschloss, daheim zu bleiben und das gewünschte Programm manuell aufzunehmen. Nichts durfte schiefgehen, und so konnte nichts schiefgehen: Im Fernseher lief Arte, der Videorecorder empfing Arte, und pünktlich zum Sendebeginn drückte ich hochkonzentriert auf die Aufnahme-Taste. Ein Triumph zeichnete sich ab, ich berauschte mich an der Dokumentation über Freud, Adler und C.G. Jung. Nein, weder Es noch Über-Ich würden mir einen Streich spielen, und ich war auch nicht der Archetyp eines Verlierers. Nach der Ausstrahlung spulte ich die Kassette ein Stückchen zurück und überzeugte mich davon, das sich die Psycho-Größen ordnungsgemäß auf dem Band befanden. Dann ging ich siegestaumelnd in die Kneipe, wo ich bald siegestrunken war. Am Tag darauf übergab ich der Freundin strahlend das Video, mit den Worten: »Wenn Du wieder mal was aufgenommen haben musst, sag einfach bescheid. Kein Problem, mach ich gern.«
Noch einen Tag darauf rief mich die Freundin an und fragte mich, ob ich einen an der Waffel hätte. »Was soll ich mir ein blödes Basketballspiel anschauen?«

Wie sich nach quälender Recherche herausstellte, hatte ein Mitbewohner – während ich in der Kneipe weilte – eine nächtliche Übertragung aus der amerikanischen NBA, übrigens auf Eurosport, aufgezeichnet. Nach einer leeren, zumindest bespielbaren Kassette suchend, war er auf die Psychoanalyse-Aufnahme gestoßen und hatte beschlossen, dass sich diese Sendung wohl niemand absichtlich aufgezeichnet hatte. Danach benutzte ich den Videorecorder nie wieder.

Erst mit Brenn-DVDs und dem Siegeszug der Festplattenrecorder wagte ich mich wieder an das Thema heran. Der Timer ist heute kinderleicht einzustellen, und statt »Showview« gibt es nun »Naviclick«. Man wählt den gewünschten Kanal, scrollt durch die Programmvorschau und drückt an der passenden Stelle auf den Timer. Das klappt fehlerfrei, perfekt, und Eurosport empfange ich ohnehin nicht mehr. Und während digital »Liebesgrüße aus Pistolen« mit Richard Roundtree aufgezeichnet wird, könnte man sich wieder mal einen schönen Frankenstein oder Jarmusch reinziehen, wenn die Frau diesbezüglich nicht so ablehnend wäre.

Jüngst bat mich meine Gattin vor einer Urlaubsreise, den Recorder zu programmieren: Sie wolle einen Münchner »Tatort« nicht versäumen. Kleinigkeit. Timer eingestellt, Anzeige kontrolliert, Signallämpchen leuchtet auf, ab in den Urlaub. Als wir heimkehrten, verlangte meine Frau, die Herren Kommissare Nemec und Wachtveitl zu sehen. Sie startete den Recorder und drückte auf Wiedergabe. Ein Schrei erfüllte unsere Wohnung: »Scheidung, Scheidung!« Das Gerät hatte während des Urlaubs leider in einem anderen Kanal einen gleichzeitig laufenden Film aufgenommen. Jarmuschs »Down by Law«.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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