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23.02.11

Magdi Aboul-Kheir

Sprühverband für Dr. Tutanichweh

»Ist ein Arzt an Bord?«
Mein freundlicher Schwager blickt auf: »Ja, wie kann ich helfen?«
»Hier, der Herr auf Platz 17 D hat einen Magenkrampf.«
»Ah, gut. Erzählen Sie mir bitte von Ihrer Mutter. Sind Sie gestillt worden?«
Ja doch, Psychiater sind auch Ärzte.

»Ist denn kein anderer Doktor an Bord?«
»Doch, ich!«, ruft meine Frau.
»Welche Fachrichtung?«
»Germanistik. Aber ich habe Desinfektionsspray und Sprühverband dabei. Hier!« Zischschschsch.

Was mein Vater, er ist Gynäkologe, bei Einsätzen in Flugzeugen zu tun versucht ist, mag ich hier nicht ausbreiten. Bei Frauenarztwitzen muss man – Entschuldigung, alter Kalauer – eben Abstriche machen.

Ja, wir haben reihenweise Psycho-, Frauen- und andere Doks in unserer Familie. Eine Folge: Wir alle sind entsetzliche Patienten. Eine andere Folge: Meine Töchter spielen leidenschaftlich gern Arzt. Freilich bevorzugen sie die Brachialvariante, Abteilung mittelalterliche Unfallchirurgie. Bei schwieligen Händen wird der Arm abgebunden, bei Kopfweh der Schädel aufgesägt. Mit Hammer, Schere, Spucke und dem Ruf »Tutanichweh!« stürzen sie sich auf Teddybären, Barbiepuppen und auch etwaige ahnungslose menschliche Mitspieler. Meine Frau assistiert mit Sprühverband, den sie ohnehin für eine Art Allzweckheilmittel hält, auch bei Muskelschwund, Übelkeit und Augenverletzungen. Zischschschsch!

Ob sich im Ausdruck »Tutanichweh« bei meinen Töchtern das ägyptische Erbe hervormendelt – es klingt schließlich wie der Leibarzt von Tutanchamun – ist nicht klar. Klar ist nur, dass die Aussage »Tutanichweh« völlig gelogen ist. Gerade dadurch wird es medizinisch bekanntermaßen realitätsnah.

Apropos Realität: Was ist nur aus den ehrenwerten medizinischen und pflegerischen Berufen geworden? Und ich meine jetzt nicht das unsachgemäße Führen des Doktor-Titels. In den 70er Jahren gingen noch Menschen gegen den softsexen »Krankenschwestern-Report« auf die Straße, weil der Film »systematisch das Bild der lebenswichtigen Heilberufe zerstört«! Heute, seitdem die Ärzte und andere Weißkittel aus dem Halbgotthimmel herabgestiegen sind oder herabgezerrt wurden, sind Medizin und Pharmazie längst schlimm profanisiert. Jeder Depp kann heute Prof. Google oder den Netdoktor befragen und erhält dann Expertisen wie: »Als Kopfschmerz werden Schmerzempfindungen im Bereich des Kopfes bezeichnet.« Dankeschön, da fasst man sich doch ans Hirn. Huch, was klebt da denn am Kopf? Ach so, der Sprühverband.

Ich warne grundsätzlich davor, online nach medizinischem Rat Ausschau zu halten und nach medizinischen Begriffen zu suchen. »Der geile Einlauf garantiert scharfen Sex« und »Dr. Plazebo hat wieder Ficktermine frei« sind da noch die harmlosesten Funde. Mit Slogans wie »Bei Krisis Kann kein Artz helfen, aber Wir« ziehen einem Netz-Doktoren das Geld aus der Tasche. Man staunt über ihre ungewöhnlichen Hilfsmittel wie das »Kräutermund-Reinigung-Produkt«, den »globalen konzentrierenden Topf« und die »dumme Geschlechtsmedizin der Blume«. Ein Präservativ-Spezialist hat »preiswertestes Penisringhahnring-Zerhackerkondom« im Angebot, zudem das »Erschütterungskondom« und, verwunderlich, »männliche Kondome«. Versprochen wird: »Make your dick good«, zudem grüßen die »Analzungen«.

Ach, da lob ich mir doch Tutanchamun, Tutanichweh und die magische Welt der altägyptischen Medizin. Weihrauch, Honig, Pfeffer und Kalbsblut genügten vor tausenden von Jahren, um die Patienten zu kurieren. Hatte jemand Fußschmerzen, so bekam er Extrakte vom Bein einer Ziege. Doch trugen die Ärzte damals auch erschreckende Beinamen. So nannte sich der Erfinder des Klistiers »Hirte des Darmausgangs" und mischte eine Medizin zusammen, die er »Wächter des Afters« nannte. Das wiederum klingt schon wieder arg nach Krisis und Analzungen.

Ein Glück, dass die Doktorspiele meiner Töchter letztlich harmlos sind. Sollen sie doch zum Reflexhammer greifen und mir auf den Kopf hauen, bis der Schädel brummt. Ich weiß schließlich bereits: »Als Kopfschmerz werden Schmerzempfindungen im Bereich des Kopfes bezeichnet.« Im Übrigen gilt: Tutanichweh! Und falls doch, steht meine Frau mit dem Sprühverband parat. Zischschschsch!



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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