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18.12.05

Stefan Arenz

Flugangst

Ich. Habe. Flugangst. Angst vor'm Fliegen. Aviophobie. Wie jetzt? Jawoll. Eigentlich kein Problem, doch derzeit sitze ich in einem Flugzeug.

Nun ist es nicht so, dass mir nicht – rein intellektuell – die Faktenlage bekannt wäre. Ein Flugzeug, dozieren die Fakten, ist das sicherste Verkehrsmittel. Mal abgesehen vielleicht von der Bahn, aber die ist dafür das unpünktlichste. Flugzeuge stürzen so gut wie nieeee ab, sagen die Fakten. Autofahren ist viiiiel gefährlicher.
Mag ja sein, wirft mein lästiges Angstzentrum jammernd ein, nur wenn es mal abstürzt, dann aber gleich so richtig. Da bleibt ja nix übrig.

So verläuft die Diskussion immer. Mein Hirn nennt ruhig und sachlich ein vernünftiges Argument, aber diese vernünftigen Argumente kann mein Angstzentrum locker – nein, nicht locker, sondern wimmernd – entkräften. Ich stehe allein und verlassen dazwischen. Lösen oder beenden lässt sich dieser Konflikt nicht. Man erreicht bei Flugangst nicht diesen Punkt, an dem man aufatmend sagen könnte: Alles logo, jetzt haben wir's geklärt und ich habe keine Angst mehr. Das wäre nur dann der Fall, wenn man gar nicht mehr abstürzen könnte. Aber man kann abstürzen, Wahrscheinlichkeit hin oder her. Also kann man auch Angst davor haben. Manche entgegnen mir: Das ist ebenso wahrscheinlich, als würdest Du von einem Blitz getroffen werden oder im Lotto gewinnen. Dazu entgegnet mein Angstzentrum: Deshalb tanzen wir bei einem Gewitter ja auch nicht nackend und jauchzend auf einer Wiese herum, nicht wahr, sondern verziehen uns ins feste Steinhaus. Außerdem hat meine Tante im Lotto gewonnen, ätsch. Und lebt noch, weil sie nie fliegt. Allein schon die ausgleichende Gerechtigkeit verlangt meinen Tod.

Noch sind wir aber gar nicht gestartet. Meine Freundin sitzt neben mir und lächelt mich an, tätschelt meine schweißnasse Hand. Sie hat mich zu diesem Flug überredet, diese Schlange, einem Flug nach Korfu. Wir sitzen in der letzten Reihe, der allerletzten Reihe. Ist das gut, ist das gut? Hinter uns befindet sich diese kleine Kabine, in der sich die Stewards immer tummeln. Vor uns sitzen sehr viele Menschen in engen Reihen. Sie scherzen, lachen, reden. Eine riesige metallene Konservenbüchse voll Frischfleisch. Hat irgendein wütender Gott gerade Appetit und wartet gierig darauf, dass wir endlich abheben? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wie wunderbar es ist, dass wir für unsere Sünden erst im Jenseits und nicht schon auf Erden bestraft werden. Sonst könnte es ja passieren, dass ich während des Fluges einen lüsternen Blick auf das knackige Gesäß der hübschen Stewardess werfe und Zack! geht's abwärts. Wäre natürlich fies für all die anderen Insassen. Die können ja nichts für meinen lüsternen Blick.

Kurze Rekapitulation. Also. Meine Essensmarken für die Mensa habe ich für den Fall der Fälle meinem Studienkollegen Marc vermacht. Mein Handy (ja, eigentlich soll man das ausschalten) trage ich griffbereit in der Tasche. Stürzen wir ab, kann ich die längst vorbereitete Kurznachricht an meine Schwester (»Ich habe Euch alle lieb. Sag das bitte Mama und Papa. Behaltet mich in guter Erinnerung. Euer Stefan«) in Sekundenschnelle versenden. Ich habe selbst weinen müssen, als ich die Nachricht tippte. Zum Glück sind SMS zeichenbegrenzt. Ich hätte doch noch so viel zu sagen.

Tage vor dem Flug fiel mein Blick im Zeitungsladen auf diese verdammte Schlagzeile einer älteren BILD-Zeitung: »Todesmonat!!!«, schrie sie mich an. »Warum stürzen gerade jetzt so viele Flugzeuge ab?« Schweißausbruch, Herzrasen. Zuhause habe ich mich sofort ans Internet gesetzt und nachgeforscht. Ich weiß jetzt alles über Flugzeuge und alles über Abstürze, wie es dazu kommen kann, welche Teile versagen können undsoweiter. Das magische Wort lautet: Strö-mungs-ab-riss. Denn wird das Flugzeug zu langsam, dann – zapp! – kommt der Strömungsabriss und es schmiert ab, ab in die Tiefe. In einem besonders tragischen Fall haben die Piloten noch verzweifelt versucht, wieder hochzuziehen, und dabei brachen dann die Tragflächen ab.

Nicht dran denken. Bloß nicht daran denken. Bestimmt geht alles gut.

Im Grunde, wenn ich ganz tief in mich hineinhorche, besteht mein Problem aus folgendem simplen Gedanken, für den ich mich auch ein bisschen schäme: Mein Leben ist viel zu wichtig, als dass es jetzt einfach so enden dürfte. Als Nachsatz füge ich aus aktuellen Gründen an: Vor allem nicht auf einem blödsinnigen Flug in den Urlaub nach Korfu. Was wäre das denn für ein Treppenwitz der Menschheitsgeschichte, wenn ich auf einem dämlichen Flug nach Korfu umkommen würde? Wie gesagt, ich schäme mich ein bisschen für diese Gedanken. In anderen Teilen der Welt, spricht mein Hirn vorwurfsvoll, lebt sich's nicht so sicher und ungefährlich wie bei uns, was müssten die Menschen dort erst sagen, die müssten ja andauernd Angst um ihr Leben haben. Ja, wimmert mein Angstzentrum. Trotzdem. Angst.

Oh mein Gott, das Flugzeug setzt sich in Bewegung. Eine halbe Ewigkeit rumpelt es noch neben der Startbahn lang, wobei ich mir immer vorkomme wie ein Häftling auf dem Weg zu seinem Henker. Das könnten die letzten Minuten Deines Lebens sein, wispert mein Angstzentrum. Raus kannst Du jetzt nicht mehr. Ich sehe mich in der Konservenbüchse um. Kein besonders erhebender Anblick vor dem Ende.

Während wir noch rumpeln, beginnt das Bordfernsehen mit seiner nervenaufreibenden Notfall-Präsentation. »Im unwahrscheinlichen Fall eines Druckabfalls ...« Blödsinn, Opium für's Volk. Glaubt eigentlich irgendjemand, im Falle eines Absturzes erhöhe es die Überlebenschancen, wenn man seinen Kopf zwischen die Knie steckt? Ich will dieses Verdummungsprogramm nicht sehen. Demonstrativ packe ich meine Zeitung aus und will lesen, werde aber von einer netten Stewardess daran gehindert, ich möge doch bitte das Programm für Notfälle ansehen. Na gut. Ist eh schon fast vorbei. Aha, aha. Man lernt so viel über Notfälle und menschliche Verhaltensweisen. »Helfen Sie bitte zuerst sich und dann erst dem Nachbarn.« Das ist sehr weise, denn so oder so ähnlich dürfte es ja auch während eines Notfalls zugehen. Allerdings ohne das mit dem Nachbarn.

Wir drehen am Ende der Flugbahn. Mein Gott, wir drehen! Gleich geht's los. Mein Puls ist schon auf hundertachzig. Erholung im Urlaub? Ich werde Tage brauchen, um allein diesen Stress durch den Flug wieder abzubauen.

Falls ich überleben sollte.

Jetzt. Das Höllenfeuer der Turbinen hat gezündet und drückt uns zitternd und donnernd mit unglaublicher Kraft nach vorne. Das ist der einzige, kurze Moment während des gesamten Fluges, wo ich keine Angst habe, sondern nur staune. Ich staune, welche irrsinnige Kraft der kleine, unbehaarte Affe namens homo sapiens erzeugen und nutzen kann. Doch dieser kurze Zeitraum geht schnell vorüber und mich packt wieder nackte Angst, denn wir heben ab. In diesem Moment beginnt in meinem Kopf ein nerviges Gespräch zwischen Angstzentrum (wimmernd) und Vernunft (beruhigend), das bis zur Landung andauert und jegliche Ablenkung, sei es durch Zeitung oder Fernsehen, unmöglich macht.

Sacken wir gerade durch? Nein, wir sacken nicht durch. Aber wir sind doch viel zu langsam, nicht wahr, wir sind viel zu langsam, gleich kommt der Strö-mungs-ab-riss? Nein, sind wir nicht zu langsam, sieh auf die Anzeige. Oh Gott, schau nur mal raus, wir sind schon so hoch, wenn wir jetzt absacken, das ist doch Wahnsinn! Wir stürzen aber nicht ab. Start und Landephase sind die gefährlichsten Phasen während eines Fluges, weißt Du das nicht? Klappt doch prima bisher. Hat der Pilot jetzt Geschwindigkeit herausgenommen, oh Himmel, was ist das für ein komisches Gefühl im Magen? Beruhige Dich, wir machen nur einen Schwenk nach Süden. Oh Gott, mir wird schwummrig, bestimmt ist das Druckluftventil kaputt, wir werden gleich alle ohnmächtig werden, nicht wahr? Nein, schau Dir die Stewardessen an, die laufen und lächeln, die würden ja als erste merken, wenn etwas nicht stimmt. Oh Gott, was ist das für ein Zischen hinter mir, da ist doch das Druckluftventil kaputt, wir werden alle steeeerben! Nein, das ist nur der Steward hinter Dir in der kleinen Kabine, der Kaffee kocht. Herrje, schau nur auf die Flughöhenanzeige ... neuntausend Meter, neuntausendfünfhundert, zehntausend, zehntausendfünfhundert – wie hoch denn noch? – elftausend, elftausendfünfhundert ... Bestimmt sind die Piloten vorne bewusstlos und wir steigen und steigen, bis irgendwann die Luft zu dünn wird und der Strö-mungs-ab-riss kommt! Nein, sieh noch mal hin, die Anzeige stoppt bei elftausendsechshundert, wir haben soeben die Reiseflughöhe erreicht ...

Der Urlaub war dann aber doch ganz nett.

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Stefan Arenz

1978 geboren, aufgewachsen in Eschwege (harmlose Kleinstadt im nordhessischen Nirgendwo) und zur Schule gegangen, ist Stefan Arenz der Exot unter den Kolumnisten, denn er ist Jurist. Also total [..]

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