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21.10.06

Till Frommann

Fenster zum Schwof

Dinge, die man nicht macht: In der Nase popeln. Laut pupsen. Aus Neugierde Nachbarn beobachten. Würde ich alles nicht machen.

Oder vielleicht doch? Also: Von meinem Balkon aus kann ich ganz wunderbar auf eine Häuserfront schauen, zu anderen Balkons, anderen Menschen. Dazwischen: Eine meistens stark befahrene Straße. Das ist oft nicht angenehm, aber ich stelle mir nachts hin und wieder vor, dass dieses laute Geräusch, diese vorbeiflitzenden Autos, auch Meeresrauschen sein könnte. Und schon ist es wieder einigermaßen angenehm für mich, und ich kann trotz dieses Lärms einschlafen.

Wie auch immer. Ein Mensch auf der anderen Straßenseite ist mir sehr ans Herz gewachsen – ein älterer, teetrinkender Herr auf dem Balkon gegenüber. Immer, wenn ich auf meinem Balkon Kaffee trinke, prostet er mir mit seiner Teetasse zu und lächelt mich an. Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen, aber halte ihn, wegen dieser Nicht-ganz-so-fern-Beziehung, für einen sehr sympathischen Menschen. Seit etwa zwei Monaten sitzt er fast jeden Tag auf dem Balkon und tippt irgend etwas in seine Schreibmaschine – selbst bei Eiseskälte. Schreibt er ein Buch? Vielleicht sogar einen Bestseller? Oder schreibt er sein Leben auf, wird es eine Autobiographie über seine spannenden Erlebnisse in Wer-weiß-wo-er-überall-gewesen-ist? Womöglich ist es doch nur seine Steuererklärung, für die er seit Wochen seine Schreibmaschine quält. Dauert nun einmal lange, so eine Steuererklärung, keine Frage.

Und dann ist da noch ein komischer Tanztyp. Vielleicht dreizehn, vierzehn Jahre wird er alt sein, dieser drollige Eins-zwei-Wiegeschritt-Mensch. Ich habe ihn schon oft dabei beobachtet, wenn er direkt vor seinem Fenster getanzt hat. Unglaublich, was er für exibitionistische Neigungen haben muss. Wackelt wie ein Wackeldackel mit seinem Oberkörper. Singt das Lied mit, zu dem er sich bewegt. Und das Putzigste dabei ist: Er scheint mit jemand anderem, jemandem auf meiner Häuserfrontseite, zu tanzen. Sie schauen sich gegenseitig an und schwofen über Entfernung miteinander.

Ich wohne in einer Wohngemeinschaft und einer meiner Mitbewohner hatte mich auf diesen Tanzbären aufmerksam gemacht. Um ihn besser sehen zu können, hatte er eine Videokamera auf ihn gerichet, die er an seinen Fernseher angeschlossen hatte. Nur, um ihn besser beobachten zu können, versteht sich. Damit er ihn heranzoomen und auf dem Fernsehgerät anschauen konnte. So, als wenn er direkt vor ihm herumtänzeln würde. Aufnehmen wollte er ihn aber nicht. Aus moralischen Gründen. Sowas macht man nämlich nicht: Wildfremde Leute beim Tanzen aufzunehmen, ohne dass sie etwas davon wissen. Und dann noch auf »Youtube« oder sonst wo hin ins Internet stellen. Verwerflich, sowas.

Wie gesagt: Aus Neugierde Nachbarn beobachten mache ich wirklich sehr, sehr selten. Genauso, wie in der Nase zu popeln und laut zu pupsen.



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Till Frommann

Geboren 1978 in Wolfenbüttel und fragt sich seitdem, was das alles soll. Also: Was soll das alles? Studierte ein paar Jahre zu lang Philosophie in Braunschweig, aber auch das gab keine [..]

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