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13.11.01

Guido Heyn

Die dümmsten Zuschauer

Der Mensch ist lernfähig, so sagt man. Manchmal trifft das sogar zu. Manchmal sogar bei mir. Durch diverse Fernseherlebnisse aus der Fassung gebracht, begnüge ich mich in letzter Zeit damit, die Fernsehzeitschrift zu lesen. Dies reicht völlig aus, um die Flimmerkiste gar nicht weiter zu beachten. So auch vor kurzem, da lief »Natalie IV – Das Leben nach dem Babystrich«, toll, davon gibt's jetzt schon vier Teile. Diesmal haben die Drehbuchautoren alles gegeben und die arme Natalie muss es ausbaden. In den ersten drei Teilen wurde sie in der Prostitution ausgebeutet, jetzt musste man natürlich noch was draufsetzen. Inzwischen ist sie Streetworkerin und bekommt es mit AIDS, Schwangerschaft und Liebeskummer zu tun. Na klar, AIDS, was sonst. Sat.1 ist immer wieder gut für Steigerungen. Und ihre Kundschaft ködern sie immer wieder geschickt mit Wörtern wie Sex, missbraucht, vergewaltigt, Tochter, Babystrich, die sie schon geschickt in den Filmtitel packen. Man muss nicht extra in der Zeitschrift nachlesen, worum es geht, nein, alles schon im Titel erklärt. Bequemer geht es kaum. Manchmal frage ich mich aber auch, wer sich so manchen von diesen Filmen ansieht. Sind das vielleicht Leute, die aus ganz anderen, als den normalen Gründen, ein Interesse an, zum Beispiel den Natalie-Filmen haben? Und sind die Einschaltquoten von Sat.1 deswegen dermaßen im Keller, weil diese gewisse Zielgruppe einfach zu klein ist?

Intermezzo – keine Angst, ich bleibe beim Thema: Ich hatte diese Kolumne gerade angefangen, da verschlug mich das wochenendliche Einkaufen auch wieder zu meiner kleinen, etwas abseits gelegenen Lieblingstankstelle. Nach dem üblichen Kampf mit dem Tankverschluss meines Fiat Tipo, den ich aber wieder gewinnen konnte – die Schlacht gewonnen aber den Krieg noch lange nicht – betrat ich den Verkaufsraum der Tankstelle. Gehören Sie auch zu den Leuten, die in Tankstellen gerne so Kleinigkeiten kaufen, die sie meistens gar nicht brauchen? Ich schon, ich liebe es dort einzukaufen, keine Ahnung warum. Diesmal aber brauchte ich wirklich etwas, nämlich einen Eiskratzer, gleich dazu kaufte ich dann noch ein paar Sicherungen und ein Putztuch fürs Fenster, ist ja alles auch so günstig. Beim Warten in der Schlange fiel mein Blick auf die Zeitschriften, so auch auf die aktuellste Ausgabe des Playboy. Was musste ich da auf dem Cover sehen?! Natalie! Mensch, weit gebracht hat sie es ja, die Schauspielerin der kleinen armen ausgebeuteten Natalie. Passend zum gerade gelaufenen fünften Teil des Natalie-Epos, für die Zuschauer, die in den bisherigen Filmen noch nicht genug nackte Eindrücke von ihr sammeln konnten. Diesmal wahrscheinlich zum Ausklappen und an die Wand pinnen.

Und wie sieht die Zukunft für Natalie aus? Bei der Art und Weise wie Sat.1 seine Stories steigert, sicher düster. Wahrscheinlich bauen sie jetzt die aktuelle Weltpolitik mit ein und Teil V heißt dann: »Natalie V – Verheiratet mit einem Taliban, aber nicht ohne meine Tochter«.

Aber was das Einbauen aktueller Themen in TV-Stories angeht, ist die Lindenstraße wohl unschlagbar. Zuerst mal die Antworten auf die Fragen, die jetzt in vielen Köpfen der Leserinnen und Lesern dieser Kolumnen auftauchen: Ja und Nein. Ja, es gibt die Lindenstraße immer noch, und nein, ich sehe sie nicht. Aber die Programmzeitschrift hat mir wieder gezeigt, warum ich sie auch künftig nicht sehen sollte. Zitat TV-Spielfilm: »Beate ist mit sich und ihrer virtuellen Welt zufrieden: Überall in der WG sind Internetkameras versteckt. Ihre Mitbewohnerinnen Urzula und Tanja ahnen nicht, dass sie im weltweiten Netz mittlerweile eine Fangemeinde haben. Olli sitzt nach dem verpazten Überfall in der Klemme. Woher soll er das Geld nehmen, um seinen erpresserischen Bewährungshelfer auszuzahlen?« Zitat Ende. Dazu ein Bild von Urzula, auf dem sie mit nacktem Oberkörper vor einem Badezimmerspiegel steht und ihre Brust abtastet. Für die unbedarften, leicht bescheuerten Zuschauer bildet sich nun eine ganz normale Sicht auf das Internet und die Welt als solche: Man muß davor Angst haben, überall mit Internetkameras gefilmt zu werden – das Internet ist eh' nur für Sex da – und Bewährungshelfer sind alle Erpresser. Richtig, und vom Onanieren wird man blind. Interessieren würde mich aber schon, wie die Lindenstraße den Krieg in Afghanistan einbaut. Wahrscheinlich bekommen einige Bewohner Briefe mit Milzbranderregern, es stellt sich heraus, dass Terroristen bei Frau Beimer gewohnt haben und plötzlich auftauchende, aber natürlich langjährige Bewohner (Muslime) der Lindenstraße erörtern die Weltlage.

Ich blätter lieber weiter in der TV-Zeitschrift und sehe das Programm von RTL II: Die haben wenigstens ein klares, zielgerichtetes Konzept. Sie wollen den Zuschauern schon in den Titeln ihrer Sendungen klarmachen, was sie von eben denen, den Zuschauern, halten. Das finde ich korrekt. Weiter so. Mehr Ehrlichkeit im deutschen Fernsehen. Kurzer Auszug aus dem Programm eines (!!!) Abends:

  • 20.15 Uhr: »Die dümmsten Fußgänger der Welt«
  • 21.15 Uhr: »Die dümmsten Parties der Welt«
  • 23.00 Uhr: »Unten ohne: Ich und mein bestes Stück«
  • 0.05 Uhr: »Sex Radio«. Thriller
  • 2.55 Uhr: »Late Night Fantasy«

Leider konnten »Die dümmsten Zuschauer« an diesem Abend nicht sehen: »Die dümmsten Autofahrer« und »Die dümmsten Sportler«. Die laufen an anderen Tagen. Aber auch dann werde ich wieder nur in der Fernsehzeitschrift blättern und nicht einschalten.



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Guido Heyn

Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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