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19.03.02

Guido Heyn

Auch Genossen werden mal nass

Mitte März, ein trister Tag, es regnet. Der Himmel weint, und er hat ja auch allen Grund dazu. Mal abgesehen von den Menschen im allgemeinen muss er im speziellen zum Beispiel wieder mal mit ansehen, dass die SPD in einen Korruptionsskandal verwickelt ist. Und das vor den Wahlen, das tut weh. Aber man kann ja noch so viel Dreck am Stecken haben und der Sache doch noch etwas Gutes abgewinnen. So hört man doch aus so manch stolzgeschwellter SPD-Genossen-Brust, dass man der CDU jetzt mal zeigen wird, wie man mit solchen Sachen umzugehen hat, nämlich mit gnadenlos offener Aufklärung des Sachverhalts. Na, dann lassen wir uns mal überraschen, was dabei rauskommt. Wir hier in Hessen haben ja so unsere Erfahrungen mit Skandal-kundigen Politikern, die trotzdem im Amt bleiben. Ich kann nur sagen, es lebt sich mit ihnen wie mit anderen Politikern auch, gar kein Unterschied. Eigentlich bedenklich, oder?!

Überraschen lassen können wir Wähler uns ja auch mal, was nach der Wahl so an Geld an uns fließen wird, denn die Kassen sind zwar leer – warum sonst müssen die Raucher für die Sicherheit zahlen – aber die Parteien überschlagen sich ja zurzeit – da es um die Stimmen geht – bei den Plänen für uns: Viel mehr Kindergeld soll es geben, wiedermal Arbeitsbeschaffungsprogramme, für die Umwelt soll auch endlich mal wieder was gemacht werden, Vergünstigungen, Steuerersparnisse und und und ... Über die Finanzierungen all dieser Pläne schweigen sich die Parteien geschlossen aus. Ist es nicht schön, dass man als Wähler so begehrt ist? Wenn man schon die meiste Zeit verarscht wird, so kann man sich doch vor Wahlen mal so richtig begehrt und wichtig fühlen. Apropos verarscht fühlen: Hat Scharping eigentlich schon ein Dankesschreiben an Bin Laden geschickt? Ohne dessen Terrorakt hätte der gute Ex-Bart-Träger und Ex-Kanzlerkanditat doch jetzt schon lange haufenweise arbeitsfreie Zeit für seine Freundin und müsste die Rechnung der Flugbereitschaft abstottern.

Vor ein paar Tagen war mir mal wieder so richtig langweilig. Kennen Sie das, wenn man sich selbst einfach nur zuviel ist und sich am liebsten für ein paar Tage ausschalten möchte? Um dann, nach dem Neustart, die Welt wieder mit etwas anderen, neugierigen Augen zu sehen und sich nicht so endlos gelangweilt und abgeklärt zu fühlen? Jedenfalls entschied ich mich dann fürs Fernsehen. Ich zappte mich so durch die Fernsehkultur und blieb auf N24 bei der Zusammenfassung einer aktuellen Stunde des Bundestags über die Konjunkturflaute im Mittelstand hängen. Klingt öde? Ja, Sie haben völlig recht, war es auch. Sogar verdammt öde. Zum einen war der Bundestag natürlich nur zu einem Drittel besetzt und die Politiker, die dort waren, hatte ich allesamt noch nie gesehen. Sozusagen die zweite Mannschaft, oder vielleicht sogar die zweite Liga?

Kernstück des Ganzen war der Bericht unseres Wirtschaftsministers – ja, sehr richtig, den hatte ich vorher auch noch nie gesehen – über den Zustand und die Aussichten des Mittelstandes und die Verbesserungsaktivitäten der Regierung für eben diesen. Zuerst ein kleines Geplänkel, so von wegen: »Wir hatten ja auch eine Veranstaltung zu diesem Thema, bei der, trotz Einladung, niemand von der Opposition erschien.« Worauf dann einige oppositionelle Rufe folgten: »Ich habe keine Einladung bekommen!« Worauf der Wirtschaftsminister dann wieder antwortete: »Meines Erachtens waren Sie eingeladen.« Halt wie in der Schule, man kennt das ja. Den sichtlich meisten Spaß hatte allerdings eindeutig ein PDS-Politiker mit Namen Kutzmuz, oder so ähnlich. Lächelnd und leicht aufgeregt stellte er eine wirklich harmlose Frage an den Wirtschaftsminister. Gerade so, als ob er ihm nicht weh tun, aber auch mal vor allen Leuten und den Kameras reden wollte. Während er seine Frage – wohl auswendig gelernt – ins Mikrofon rezitierte, sah er immer wieder zur Seite zu seinen Parteikumpeln, so nach dem Motto: »Na, seht ihr es, ich trau mich doch.«

Jedenfalls erwähnte der gute Wirtschaftsminister unter anderem die Förderungsprogramme für den Mittelstand, alles in allem Beträge in Millionenhöhe. Da wurde mir mal wieder bewusst, wieviel Geld die Regierung so in alle möglichen Förderprogramme und Subventionen steckt. Eins wurde mir aber im Laufe der Bundestagsdebatte auch klar: In Rhetorikkurse für Politiker investiert die Regierung garantiert keinen Pfennig. Jeder der zu Wort kommenden Volksvertreter – eine schöne Bezeichnung – mühte sich redlich, gedankenlos angefangene Sätze so halbwegs schlüssig zu einem logischen Ende zu führen. Oft führten ihre Sätze allerdings genauso wenig zu irgendwas wie die Förderprogramme der Regierung. Und diese Leute regieren uns! Und das auch noch, weil wir sie gewählt haben! Ich warte ja immer noch darauf, dass endlich auf jedem Wahlzettel ein Kästchen für die Partei der Nichtwähler steht. Also all diejenigen, die keine der bekannten Parteien wählen möchten. Ich weiß, ist ein Widerspruch in sich, denn die Nichtwähler gehen ja nicht wählen, können also in Folge ihrer Abwesenheit auch kein Kreuzchen auf dem Zettel machen. Aber trotzdem würde mich wirklich interessieren, wieviel Prozent die Nichtwähler-Partei dann bekommen würde. Diese Prozentzahl würde sicherlich höher sein, als einfach nur der Prozentsatz der Nichtwähler, denn ich bin mir sicher, dass viele, die aufgrund fehlender Alternativen die existenten Parteien wählen, sich überlegen würden, ihre Stimme doch lieber der Nichtwähler-Partei zu geben. Falls es diese Partei jemals geben sollte, würde ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft Gedanken machen, in eine Partei einzutreten. Aber ich befürchte, dies wird wohl nie passieren. Schade.

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Guido Heyn

Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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